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28/06/2018 16:17 CEST | Aktualisiert 28/06/2018 16:18 CEST

Dating-Profi: "Mein Beruf hat mein Liebesleben zerstört"

Ich konnte keine normalen Dates mehr haben.

martin-dm via Getty Images
Ich fühlte mich emotional ausgesaugt. (Symbolbild)

Im Sommer nach meinem dritten Jahr an der Uni habe ich meine Neigung, süße Jungs bei Dating-Apps zu treffen, zu meinem Job gemacht. Ich wurde professionelle Kupplerin bei einem Elite-Dating-Service.

Ich habe Jahre damit verbracht, meine Klassenkameraden zu verkuppeln und im Blog der Uni über ihre Blind Dates zu schreiben. Kuppeln war nie mein endgültiges Karriereziel. Aber ich wollte Schriftstellerin werden und meine allerliebste Autorin auf der Erde, Elle E. Jean Carroll, hatte zufällig eine Dating-Firma.

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Ich erklärte ihr in einer Mail, wie ich meine Klassenkameraden verkuppelt hatte und war erstaunt, als sie in weniger als drei Minuten antwortete. Sie schrieb: “Wie kann ich dich überzeugen, für mich zu arbeiten?” 

► Natürlich nahm ich diesen Job an.

Ich suchte für andere Frauen den perfekten Partner

Während meiner Ausbildung erfuhr ich, dass die meisten Kunden der Firma entweder zu beschäftigt oder etwas zu bekannt waren, um Dating-Apps zu nutzen – das war 2014, als das Stigma um Dating-Apps in vielen gesellschaftlichen Kreisen noch bestand.

Mir wurde eine Kundenkartei übertragen. Die meisten Mitlgieder waren Frauen in ihren späten Dreißigern mit beneidenswerten Karrieren. Meine Aufgabe war es, jedem meiner Kunden zwei geeignete erste Dates pro Monat zu suchen.

Ein typischer Tag als Kupplerin lief so ab: Ich wachte in meinem Studentenwohnheim auf, föhnte mir die Haare so zurecht, dass sie mich älter aussehen ließen. Dann traf ich eine Kundin zum Mittagessen, um herauszufinden, welche Art von Mensch sie gerne kennenlernen würde. Und schließlich verbrachte ich den Rest des Tages damit, den idealen Partner für sie zu finden.

Ich fing meist damit an, unsere Firmendatenbank, in der sich tausende geeignete Singles befanden, zu durchkämmen. Dann würde ich Tinder und die anderen sieben Dating-Apps auf meinem Handy abklappern, bis meine Daumen taub wurden.

Ich verwendete mein eigenes Profil, mit meinem echten Namen, Alter und Bio. Ältere Männer, sagte man mir, würden sich am liebsten durch die Profile von jungen Menschen durchklicken.

Ich nahm jeden an, der aussah, wie ein potentieller Partner für eine meiner Kundinnen. Wenn ich mit jemanden ins Gespräch kam, gab ich meine Identität als Kupplerin preis und überredete ihn, mich anzurufen oder mich auf Drinks zu treffen, damit ich herausfinden konnte, ob er zu meiner Klientin passte.

Die Frauenzeitschrift “Glamour” nannte mich in einem Artikel “Dating-Expertin”. Meine Freunde wandten sich für Dating-Tipps, mehr als jemals zuvor, an mich.

Im Gegensatz zu meinen Kundinnen und meinem Freundeskreis war jedoch mein eigenes Liebesleben eine Katastrophe und es wurde immer schlimmer.

Ich fühlte mich emotional ausgesaugt

Ich bin Kupplerin geworden, weil ich glaubte, dass Dates echt Spaß machen. Ich mochte es, wenn meine Verabredungen mit mir neue Stadteile erkundeten oder mir etwas Neues beibrachten. Ich mochte den Nervenkitzel vor dem ersten Treffen und die albernen Schmetterlinge im Bauch, die ich von einem perfekten Gute-Nacht-Kuss bekam.

Und natürlich mochte ich die Bestätigung, die ich jedes mal erfuhr, wenn ich in der Handy-App nach rechts wischte, um einen potentiellen Partner anzufragen oder zu akzeptieren und Tinder mir bestätigte: “Es ist ein Match!” 

Aber ein paar Monate nachdem ich meinen Job angefangen hatte, bemerkte ich etwas Komisches. Inmitten einer Wischorgie für Kundinnen zögerte ich bei Jungs, die mich selbst interessierten, nach rechts zu wischen.

Von Natur aus bin ich introvertiert und nun verlangte mein Job von mir, täglich dutzenden potentiellen Matches den Hof zu machen. Ich fühlte mich emotional ausgesaugt. 

► Und ich fragte mich, ob es sich überhaupt noch lohnen würde, Kraft für mein eigenes Dating-Leben zu verschwenden.

Mich langweilte es, immer die gleichen Gespräche zu führen

An einem normalen Abend lag ich um zwei Uhr nachts noch wach – alleine in meinem riesigen XL-Bett in meinem Studentenzimmer. Der Adrenalinkick, ausgelöst durch meinen Job, machte es mir schwer, mich selbst in den Schlaf zu wiegen.

In einer dieser Nächte, wie in den meisten, hing ich auf Tinder rum. Es war praktisch eine Rund-um-die-Uhr-Angewohnheit. Ich wischte bei einem dunkelhaarigen Kerl Namens Jon, der in Brooklyn lebte und als Schriftstellerassistent arbeitete, nach rechts. 

“Es ist ein Match!” sagte Tinder. Es war mein zwanzigster Match des Tages und die vergnügte Ansage gab mir kaum noch einen Bestätigungskick. Ich hatte mein Profil so gestaltet, dass es den meisten gefallen würde. Also überraschte es mich nur noch, wenn ich keine Übereinstimmung hatte. 

Als Jon mich anschrieb, bombardierte er mich mit allen möglichen Fragen. 

Bist du wirklich Kupplerin?” schrieb er. “Ernsthaft? Wie ist das so? Wie bist du in sowas reingekommen? Du bist 21, stimmt’s? Wie kannst du dafür qualifiziert sein, wenn ich fragen darf?”

Ich ging in der App zurück, um eine andere Unterhaltung zu finden, in der ich einem vorherigen Verehrer die gleichen Antworten geschrieben hatte. Ich kopierte den Text und war kurz davor, ihn in eine Nachricht an Jon einzufügen. Doch dann hielt ich noch einmal inne.

Ich war so gelangweilt davon, immer und immer wieder die gleichen Unterhaltungen zu führen. Jeder wollte, dass ich nur übers Kuppeln sprach.

Stattdessen schrieb ich: “Ich sag es dir bei Drinks. Hast du am Mittwoch Zeit?” Bevor ich Dating-Profi wurde, habe ich Jungs nie von alleine auf ein Treffen eingeladen. Doch im Verlauf der Jahre lud ich verschiedene Jungs mehrere Male am Tag ein  ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Das Date wurde zum Interview

Wie sich herausstellte, hatte Jon am Mittwoch Zeit. Wir trafen uns in einer Weinbar in Manhattan.

Ich war erschöpft. Ich hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht, nacheinander Telefonate mit sechs verschiedenen Männern zu führen, bei denen ich jedem einzelnen den gleichen Vortrag darüber hielt, wie der Dating-Service funktionierte und ihnen die gleichen Fragen über ihre Jobs, Interessen und Lebensgeschichten stellte.

Kein Vorwurf Jon gegenüber – aber die Aussicht, die gleiche Unterhaltung nochmal zu führen, schien ermüdend.

Bei einem Glas Rosé ging ich dann doch in den Kuppler-Modus über. Es war schwer, die Unterhaltung natürlich laufen zu lassen, denn üblicherweise bombardierte ich potentielle Partner mit allen möglichen Fragen.

Ich musste mich daran erinnern, dass das ein Date und kein Interview war. Und, dass die Hälfte der Fragen, die ich Männern normalerweise stellte, jetzt tabu waren.

Das heißt, Fragen, wie: Welche körperlichen Eigenschaften er am besten findet, ob er eine ernste Beziehung oder nur lockere Treffen bevorzugt und was der echte Grund war, an dem seine letzte Beziehung scheiterte.

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Jon war begierig, mehr über das zu erfahren, was ich auf Tinder versprochen hatte. Also plapperte ich wie üblich über die Arbeit als Kupplerin. Ich hatte es so oft aufgesagt, dass ich meinen Sprachrhythmus auswendig wusste, welche Zeilen ich betonen musste und wann ich eine Pause für einen Lacher machen sollte.

Es war so einstudiert, dass ich beim Sprechen geistig abschalten konnte. Das Date lief so, als hätte ich den Tempomat auf eine konstante Geschwindigkeit eingestellt. Ich konnte die zunehmende Langeweile in meiner Stimmte hören. 

Jon und ich sind noch zweimal weggegangen – einmal in eine Kunstgalerie in Brooklyn und dann einmal in einen Park.

Danach hat es sich im Sande verlaufen. Warum? Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Meine eigenen Dates im Auge zu behalten und gleichzeitig die Verabredungen von 15 Kundinnen im Hinterkopf zu haben – das bedeutet zwangsläufig, dass sich alle Details vermischen. 

“Wer ist jetzt der Wor­k­a­ho­lic?”

Ein Treffen, das noch glasklar in meiner Erinnerung ist, ist die Nacht, in der mein Ex-Freund zurück in die Stadt kam. Über zwei Jahre lang gingen wir immer mal wieder zusammen aus und fühlten uns deshalb verpflichtet, eine Freundschaft einzugehen.

An jenem Abend lud er mich zum Abendessen in unser mexikanisches Lieblingsrestaurant ein. 

Als wir noch zusammen waren, arbeitete er unglaublich lange und hart als Investment Banker. Ich hatte immer das Gefühl, dass er sein Blackberry wie ein zusätzliches Körperteil behandelte – und das belastete unsere Beziehung sehr. 

Auch verschwand er immer, um Arbeitsanrufe entgegen zu nehmen und, um E-Mails zu beantworten. Damals, als Studentin, hatte ich sehr wenig Erfahrungen mit der Berufswelt und somit auch wenig Verständnis. Deshalb fühlte ich mich vernachlässigt.

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An diesem Abend, in unserem Lieblingsmexikaner, steckte er sein Blackberry in die Tasche. Ich wiederum lies mein Handy absichtlich mit dem Display nach oben auf dem Tisch liegen.

Meine Kundin hat in einer halben Stunde ein Date”, erklärte ich. “Ich muss mein Handy draußen lassen, falls sie anruft.”

Und natürlich rief sie auch an. Ich entschuldigte mich und ging nach draußen. Am Telefon machte ich meiner Kundin noch Mut, bevor sie ihr Match traf.

► Als ich zurück zum Essen kam, lächelte er mich selbstgefällig an.

“Sieht so aus, als hätte sich das Blatt gewendet”, sagte er. “Wer ist jetzt der Workaholic?”

Dates wurden zum Albtraum

Ich war also emotional ausgebrannt, langweilte mich bei Dates und war unfähig, es durch ein Abendessen zu schaffen, ohne die Arbeit zu vergessen. 

Trotz allem warf ich mich selbst weiter in die Dating-Welt. Ich verbrachte meine ganze Arbeitszeit damit, meinen Kunden zu helfen, sich zu verlieben, und glaubte daher, dass ich das auch wollen würde.

► Ich erzählte Menschen immer, dass ich mit dem Kuppeln angefangen habe, weil ich damals dachte, dass Dates Spaß machen.

► Aber die Wahrheit ist, dass ich in einem Karussell voller unerfüllender Dates und Liebesabenteuer steckte.

Ich hatte überhaupt keinen Spaß. Ich hatte keinen Spaß am Daten mehr, aber ich konnte auch nicht aufhören – nicht solange mein Dating-Talent für einen saftigen Gehaltsscheck sorgte.

Wer zu verbissen nach der Liebe sucht, findet sie nicht

Im damaligen Herbst verkleinerte ich meine Kundenliste, damit ich mein letztes Uni-Jahr noch abschließen konnte.

Im darauflegendem Januar habe ich die Stelle aufgegeben.

Es dauerte noch ein oder zwei Jahre, bis ich die schlechten Angewohnheiten, die ich mir als Kupplerin angeeignet hatte, ablegen konnte. 

Und ich kann nicht behaupten, dass ich die Lektion – Dating nicht zu meinem Job zu machen – jemals komplett gelernt habe.

Jetzt bin ich Dating-Redakteurin bei dem Nachrichtenportal “Elite Daily” und mein Debüt-Roman “Playing with Matches” ist von meinem Ausflug als Kupplerin inspiriert. Ich habe sogar meinen Freund bei Tinder kennengelernt, als ich eine Story über Dating-Apps recherchierte.

Wir sind zwei Wochen später das erste Mal ausgegangen, nachdem ich ihn zufällig bei der Dating-App Hinge getroffen hatte – für die er auch noch arbeitet. 

Trotz meiner ermüdenden Erfahrungen bin ich immer noch Verfechterin von Dating-Apps. Ich setze mich für sie ein, weil sie mir soviel gebracht haben: Einen Job als Kupplerin und eine Karriere. Auch lernte ich dadurch, über Dating und Liebe zu schreiben und dieser Job hat mir auch zu einer sehr glücklichen Beziehung verholfen.

► Ich glaube mit vollem Herzen an die Kraft der Dating-Apps.

Ich höre viele Singles sagen, dass sie von Dating-Apps genug haben und ich verstehe sie zu hundert Prozent. Ich hatte diese Gefühle auch schon.

Die Lösung ist jedoch einfach: Man sollte mit den Apps aufhören, wenn man sich überfordert fühlt. Und dann zum Dating zurückkehren, wenn man wieder Lust darauf hat.

Denn eines habe ich gelernt: Wer zu verbissen nach der Liebe sucht, verhindert gleichzeitig, dass er oder sie die Liebe jemals findet. 

Dieser Text erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt und angepasst. 

(nc)