POLITIK
02/12/2018 21:06 CET | Aktualisiert 03/12/2018 20:34 CET

"Das wäre das Ende von Amerika": Unterwegs in einem zerrissenen Land

"Wir sind noch Freunde, aber nicht mehr wirklich", sagt ein Anhänger der Demokraten über konservative Bekannte.

Getty
Demonstranten in den USA. 

Ein Samstagabend Ende Oktober in einem Pub in der 55th Street in Manhattan. Auf dem Bildschirm an der Wand krachen Football-Spieler ineinander, daneben bauen Musiker Lautsprecher und ein Schlagzeug-Set auf. 

Halloween steht bevor – und auch die US-Kongresswahlen sind zu diesem Zeitpunkt nur wenige Tage entfernt. Ein Mann setzt sich neben mich an die Bar, wir reden erst über Football, und dann über Donald Trump

“Amerika ist großartig, Trump ist großartig”, schwärmt mein Gesprächspartner, ein wuchtiger Mann mit Bart aus Alabama. Er habe sich während seiner Zeit als Football-Spieler in der NFL verletzt, von der Abfindung des Teams habe er dann ein Grundstück gekauft, es später wieder verkauft und mit dem Geld das Unternehmen seiner Frau aufgebaut.

“Jetzt kann ich mich zurücklehnen, das Geld kassieren. Und ich bin nicht mal schlau”, sagt er, lacht und trinkt von seinem Bier. Das Leben hat es offenbar gut mit ihm gemeint.

Nur wenige Stunden zuvor habe ich ein anderes Amerika erlebt. In einer Turnhalle in Queens berichten Mieter in Sozialwohnungen von Schimmel, kaputten Heizungen und der ständigen Angst, auf der Straße zu landen. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Von ihren Vermietern, von der Stadt New York und deren Behörden. Vor allem aber von der Politik. 

“Wir können uns nicht auf die gewählten Vertreter verlassen. Wir können uns nicht auf das System verlassen, das uns diese Probleme überhaupt erst eingebrockt hat”, schimpft ein junger Afroamerikaner. 

Die Lebenswirklichkeit dieser beiden Männer könnte nicht verschiedener sein. Der eine lässt sein Geld für sich arbeiten, der andere klagt über die verschimmelte Wohnung seiner Familie und fordert mehr Geld vom Staat für Sozialwohnungen. Der eine lobt den US-Präsidenten für seine Steuersenkungen, der andere schimpft über die Regierung und klatscht für die Demokraten. 

Die USA sind ein zerrissenes Land. Das hat die Zeit vor den Kongresswahlen einmal mehr offenbart. Es war eine Zeit, in der Schüsse in einer Synagoge fielen und der US-Präsident einem jüdischen Milliardär vorwarf, Migranten zu bezahlen, die durch Mittelamerika Richtung US-Grenze marschierten.

Es war eine Zeit, in der ein US-Sender und zahlreiche Kritiker des Präsidenten Paketbomben in ihrer Post fanden und ebendieser Präsident die Journalisten als “Feinde des Volkes” beschimpfte. 

Es war eine hässliche Zeit, voller Zorn und Abscheu; in einem Land, durch dessen Gesellschaft sich ein tiefer Graben zieht; zwischen zwei politischen Lagern, die verlernt haben, miteinander zu sprechen.

Ich war vier Wochen in diesem Land unterwegs und habe erlebt, was der Hass, die Hetze und die gegenseitigen Anschuldigungen in den USA anrichten. 

Zwei Frauen, zwei Parteien – zwei Weltsichten 

Bei einer Wahlkampfveranstaltung des Republikaners Corey Stewart treffe ich Terry. Sie ist um die fünfzig Jahre alt und trägt ein blaues Trump-Shirt – so wie viele der Menschen, die an diesem Abend in ein italienisches Restaurant im Ort Mechanicsville im Bundesstaat Virginia gekommen sind. 

Terrys Wahlentscheidungen in der Vergangenheit sind ungewöhnlich. 2008 und 2012 stimmte sie bei den Präsidentschaftswahlen für Barack Obama, vor zwei Jahren dann für Donald Trump. Obama nennt sie “betrügerisch”. Er habe die Mitte der Gesellschaft stärken wollen, aber sie mit diesem Versprechen enttäuscht, sagt Terry. 

Nun guckt sie Fox News, den Haussender von Trump, und wählt die Republikaner. Wir sprechen über die umstrittene Nominierung von Brett Kavanaugh zum Richter am Obersten Gerichtshof. Die Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford warf Trumps Wunschkandidaten vor, sie während der Schulzeit vergewaltigt zu haben. Unter Tränen berichtete sie bei einer Anhörung im Kongress von jener Nacht, in der der Übergriff geschehen sein soll.

Selbst einige republikanische Senatoren räumten danach ein, Fords Aussage erscheine ihnen glaubwürdig. Nach einer kurzen FBI-Ermittlung wurde Kavanaugh dennoch zum Richter ernannt. 

Terrys Blick auf dieses Ereignis: Die Demokraten ließen die Anhörung zur Farce werden. Die Vorwürfe gegen Kavanaugh glaubt sie nicht.

Über die Frau, die einen republikanischen Senator im Fahrstuhl weinend anflehte, gegen Kavanaugh zu stimmen, lacht Terry und sagt: “Ich meine, liebe Frau, reiß dich mal zusammen.”

Einige Tage später treffe ich Claire im Ort Henrico, nur wenige Kilometer von Mechanicsville entfernt. Sie ist etwas älter als Terry, trägt halblange weiße Haare und arbeitet als Innenarchitektin. Claire hilft jenem Mann im Wahlkampf, den der Republikaner Stewart während seiner Rede unentwegt attackiert hatte: dem demokratischen Senator Tim Kaine. 

Leonhard Landes
Claire in Henrico, Virginia. 

Für Trump, dessen Namen Terry so stolz auf ihrem T-Shirt trug, hat Claire nur Verachtung übrig. “Ich kann nicht glauben, dass ein selbsternannter Schürzenjäger und Sittenstrolch unser Präsident ist.” Ob sie verstehen könne, wenn Frauen für Trump stimmten, frage ich sie. “Nein, das kann ich nicht”, sagt Claire.

Sie glaubt: Egal, ob Kavanaugh schuldig ist oder nicht, sein Fall habe eine ganz gestimmte Botschaft an Frauen gesendet: “Dass wir keinen Wert haben.”

Ein Thema, zwei widersprüchliche Sichtweisen. Das ist ein Dauerzustand in der US-Politik. Ob der Mann aus Alabama oder der wütende Mieter aus Queens, ob Terry oder Claire: Sie leben im selben Land, nehmen die Wirklichkeit aber komplett unterschiedlich wahr.  

Mehr zum Thema: Warum sich an Brett Kavanaugh der Kampf der Kulturen in den USA entscheidet

Der Kulturkampf in den USA

Grund dafür ist, dass mit Demokraten und Republikanern unterschiedliche politische Kulturen aufeinanderprallen. Das ist die These des Soziologen James Davison Hunter in dessen Buch “Culture Wars: The Struggle to Define America” aus dem Jahr 1991. 

Für Hunter teilten sich die USA in ein progressives und ein konservatives Lager auf. Anhänger dieser Lager vertreten bei so gut wie jedem Thema gegensätzliche Positionen, es gibt kaum Überschneidungen. Ihre Sicht auf die Welt ist nicht mit der Sicht einer Person aus dem anderen Lager zu versöhnen. Fast als wären die USA nicht eine Nation, sondern zwei.

Der Mann aus Alabama lobt Steuersenkungen. Er glaubt an den “American Dream”, daran, dass jeder aufsteigen kann. Für den New Yorker Mieter ist der “American Dream” offenbar ramponiert, er erwartet Hilfe von der Politik. 

Republikanische Frauen sehen im Fall Kavanaugh eine Schmierkampagne gegen einen angeblich ehrenhaften Richterkandidaten und fordern von den Frauen, sie sollen sich nicht so anstellen. Die demokratischen Frauen halten stattdessen zu Christine Blasey Ford – einem mutmaßlichen Opfer sexueller Gewalt in einer von Männern dominierten Gesellschaft. 

Die Spaltung nimmt teilweise absurde Züge an. Menschen, die nur wenige Straßenzüge voneinander entfernt wohnen, halten die andere Partei für das Schlimmste, was dem Land passieren kann. 

Anhänger der Republikaner sagen mir, die Demokraten seien Sozialisten. “Sie sind wie Hitler”, zischt mir gar eine alte Frau entgegen. Anhänger der Demokraten wiederum halten die Republikaner für gefühllose Machtpolitiker – und Trump für eine Katastrophe. “Trump muss gehen, sonst befürchte ich, wird es das Ende für Amerika bedeuten”, sagt mir Gary, ein Demokrat aus Virginia.

Die USA: Kurz vor dem Bürgerkrieg?

Diese Spaltung ist gefährlich. Der “Kulturkampf” kann zu realer Gewalt führen. Das hat sich in Charlottesville gezeigt, nicht weit entfernt von den Orten, wo ich Terry und Claire traf.

Vor einem Jahr im August marschierten in dieser Stadt Rechtsextreme auf, Gegendemonstranten stellten sich ihnen in den Weg. Am Ende fuhr ein Mann in eine Menge von Gegendemonstranten und verletzte eine Frau tödlich.

Getty
Demonstranten in Charlottesville. 

Zwei Tage darauf veröffentlichte das renommierte Magazin “New Yorker” einen Artikel mit der Überschrift: “Bewegt sich Amerika auf einen neuen Bürgerkrieg zu?”

Der Historiker David Blight sagte damals dem Magazin: “Wir wissen, dass uns ein Bürgerkrieg oder dergleichen drohen kann, wenn eine Wahl, ein Gesetz, ein Ereignis, eine Aktion der Regierung oder von hochrangigen Personen völlig inakzeptabel für eine Partei, eine große Gruppe oder einen bedeutenden Wahlkreis wird.”

Der große Knall ist ausgeblieben. Aber die Gewalt gegen Minderheiten in den USA ist seit Trumps Amtsantritt gestiegen, das zeigen Zahlen des FBI und von NGOs.

Eine andere Folge der tiefen Zerrissenheit der USA ist eine Art Sprachlosigkeit. Die öffentliche Debatte erfolgt nur über das jeweils andere Lager – aber nicht mit ihm. 

Wir müssen reden

Das schreibt mir in einer Email auch Rebecca Bass. Sie ist Mitarbeiterin des Difficult Conversations Labs, eines “Labors” für schwierige Gespräche.

Gegründet hat die Initiative Peter Coleman, Professor an der Columbia University in New York. Coleman beriet unter anderem einen Journalisten der “Zeit” zum Auftakt der Initiative “Deutschland spricht”, einer Aktion, die zum politischen Streit einlädt. 

Die große Frage sei, schreibt Bass, ob die Menschen in Amerika überhaupt in Kontakt mit Personen kommen würden, die einen anderen Standpunkt als ihren eigenen vertreten.

“Derzeit zeigt die Forschung, dass die Bürger in städtischen Zentren, in Vororten und den ländlichen Regionen sich zunehmend ideologisch voneinander entfernen.” Laut den vorläufigen Ergebnissen der Kongresswahlen gewannen die Demokraten am stärksten in Städten hinzu, die Republikaner dagegen auf dem Land. 

Doch die Wähler in den USA unterteilen sich nicht nur in Stadt und Land, wie das auch in Deutschland der Fall ist. Die geographische Trennung verschiedener Gruppen ist noch schärfer. Zugehörige einer ethnischen oder sozialen Gruppe wohnen meist in denselben Vierteln. Selbst in der Metropole New York ist das zu spüren.  

“Unsere Leben sind so strukturiert, dass wir voneinander getrennt sind”, schreibt Bass. “Aus diesem Grund fällt es uns leicht, unsere Überzeugen zu bekräftigen und das zu vereinfachen oder zu verwerfen, was Menschen glauben, denken oder erleben, die anders sind als wir.” 

Die Spaltung der Gesellschaft sei allerdings kein neues Phänomen, betont die Expertin. “Trump ist genauso ein Symptom, wie ein Grund der Spaltung.”

Bass nennt den Namen des Republikaners Newt Gingrich, er war von 1995 bis 1999 Sprecher des US-Repräsentantenhauses. Gingrich habe versucht, politische Themen zu finden, die “maximal spaltend” wirken würden. Zugleich hätten Kongressabgeordnete weniger Zeit mit Kollegen der anderen Partei verbracht, erklärt Bass. 

Die Politik sei so zu einem Konflikt “Wir gegen Die” verkommen, schreibt Bass. Mittlerweile seien die Parteien an einem Punkt angelangt, “wo es keine Kooperation, keine funktionierende Problemlösung mehr gibt”.

Unter den Anhängern der Demokraten und der Republikaner gibt es teilweise nicht einmal mehr einen Dialog. 

Konflikte, die an Deutschland erinnern 

Die Politik ist zum großen Reizthema geworden. Die Demokratin Claire erzählt mir, sie habe jahrelang mit einer Freundin, einer Wählerin der Republikaner, nicht über Politik reden können. Erst jetzt gehe das wieder – weil auch die Freundin Trump nicht ausstehen könne. 

Häufiger aber ist, dass Trump zum Problem in Freundschaften oder bei Treffen wird. Benjamin, ein junger Anhänger der Demokraten in Virginia, sagt mir, die Debatten über Politik seien unter Trump hitziger geworden.  

Er nennt als Beispiel die Bewegung Black Lives Matter. Sie setzt sich gegen Gewalt gegen Afroamerikaner ein. Konservative Kritiker werfen den Demonstranten von Black Lives Matter jedoch vor, zur Gewalt gegen die Polizei aufzurufen – oder Polizisten tatsächlich anzugreifen.

Statt sich mit Kritik an Trump und dessen mangelndem Vorgehen gegen Rechtsextremismus auseinanderzusetzen, würden viele der Anhänger des US-Präsidenten dann lieber Black Lives Matter attackieren – nach dem Motto: Die sind viel schlimmer.

Leonhard Landes
Benjamin vor seinem Haus in Henrico, Virginia. 

Diese Art der Diskussion, die Benjamin schildert, erinnert an die Debatte in Deutschland, ob linksradikale oder rechtsradikale Gewalt das größere Problem sei.

Mehr zum Thema: Politikwissenschaftler erklärt, warum Deutschland womöglich am Rande eines Kulturkrieges steht

Einige Freunde, die Anhänger der Republikaner sind, habe er verloren. “Wir sind immer noch Freunde, aber nicht wirklich, verstehst du?”, sagt er und erklärt: “Jetzt sind wir an einem Punkt, wo ich zu einigen der Jungs sage: Wenn ihr das immer noch unterstützt, seid ihr Rassisten.” 

Ein anderer Mann bringt das Problem mit einem Vergleich auf den Punkt. Nachdem er nach einigen Minuten im Gespräch vertrauen gefasst hat, überhaupt seine Sicht über Politik zu schildern, sagt er: “Politik ist wie die Religion.”

Er muss es wissen: Er sei Muslim und stamme aus dem Irak, sagt er. 

Die Verdrossenen 

Wie sehr die Politik polarisiert, merke ich auch daran, wie wenige Menschen mit mir darüber reden wollen. “Mich kotzt es an”, sagt ein Mann, an dessen Tür ich in Virginia klopfe. Mehr will er über die Politik nicht sagen. 

Ein junger Afroamerikaner sagt mir bei der Busfahrt nach Virginia auf meine Frage, was er über die Kongresswahlen denke: “It’s a pain in the ass.” Es sei ein einziges Ärgernis. Auch er will lieber nicht darüber reden. 

Bei dem großen Riss zwischen Demokraten und Republikanern vergisst man, dass es auch die Menschen gibt, die zwischen den Lagern stehen. Die der Politik überdrüssig sind. 

In der Studie “Hidden Tribes: A Study Of America’s Polarized Landscape” der Initiative More in Common befragten Forscher rund 8000 US-Amerikaner. Laut der Umfrage sind die größten Gruppen in den USA nicht die Demokraten oder die Republikaner – sondern die sogenannten “politisch Ausgeklinkten”. 

Sie sind die Polarisierung leid.

Die große Frage ist: Wie lässt sich der politische Diskurs wieder entpolarisieren? Wie lassen sich die Dialoge über Politik, über die Gesellschaft und ihre Werte wieder anschieben? 

Eine Frage, die wir uns alle stellen sollten

Zur Ruhe werden die USA nicht kommen. Auch nach den US-Kongresswahlen ist die Atmosphäre aufgeladen. Präsident Trump steht durch neue Enthüllungen in der Russland-Affäre immer stärker unter Druck, international isoliert er die USA weiter, wie kürzlich beim Treffen mit dem einstigen Trump-Schmeichler Emmanuel Macron in Paris zu sehen war. 

All das heizt die Debatte um seine Präsidentschaft weiter auf. Und in Washington haben die Demokraten durch die Wahlen die Kontrolle über das Repräsentantenhaus übernommen. 

Forscherin Bass geht nicht davon aus, dass das Ergebnis der Kongresswahlen die Spannungen zwischen den politischen Lagern reduzieren wird. Aber es habe die politische Landschaft verändert, schreibt sie mir. Noch nie zogen so viele Frauen – und so viele Frauen, die Angehörige von ethnischen Minderheiten sind – in das Repräsentantenhaus ein. 

Eine ihrer Antworten beendet Bass mit einer Frage, die sich wie eine Aufforderung an alle Menschen liest, die den Dialog mit Anhängern der anderen politischen Lager eingestellt haben:

“Ich denke, eine wichtige Frage, vor der wir in diesem Land stehen, ist: Wie öffnen wir unsere Debatten, damit sie mehr Komplexität enthalten? Wie stellen wir uns neuen Informationen, wenn unser erster menschlicher Impuls darin besteht, uns zu verschließen?”

(jg)