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24/07/2018 08:09 CEST | Aktualisiert 24/07/2018 12:33 CEST

ARD-Doku "Das verrohte Land" zeigt, wie normal Gewalt in Deutschland ist

“Die Qualität der Brutalität hat deutlich zugenommen.”

Das verrohte Land - wenn das Mitgefuhl schwindet / Screenshot
Gewaltbereite Bürger schließen sich unvermittelt gegen Beamte zusammen.

“Das verrohte Land – wenn das Mitgefühl schwindet” heißt eine Reportage, die am Montagabend in der ARD ausgestrahlt wurde. Darin setzen sich die Autoren Katja und Clemens Riha mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft auseinander.

Der Film wirft ein beängstigendes Schlaglicht auf eine Vielzahl von Übergriffen gegen Polizisten, Rettungskräfte und Angestellte des öffentlichen Dienstes, lässt aber wesentliche Fragen ungeklärt.

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Im Darmstädter Herrengarten kommt es im Juni bei einem Musikfestival plötzlich zu Ausschreitungen. Etwa 100 Randalierer greifen gegen zwei Uhr Morgens unvermittelt Polizisten an. Der Journalist Jürgen Mahnke hat die Szenen miterlebt: “Ich bin jetzt seit 35 Jahren Polizeireporter”, sagt er der ARD. “An so einen Gewaltexzess kann ich mich in meinem Berufsleben nicht erinnern.”

Besonders erschreckend: Die Angreifer sind keine Hooligans, sondern wirken wie ganz normale Bürger. Jedes Alter und jede Hautfarbe sind bei den Randalierern vertreten.

Das Problem ist bereits länger bekannt. Bereits im Jahr 2016 verzeichnete das Bundeskriminalamt einen deutlichen Anstieg bei Angriffen auf Polizisten. 62.000 Polizisten waren Opfer von Gewaltdelikten geworden. Wie die Reportage zeigt, ist das Problem offenbar seitdem nicht kleiner geworden.

Der Mensch hinter der Uniform wird nicht mehr wahrgenommen

Das verrohte Land - wenn das Mitgefuhl schwindet / Screenshot

Andreas Perlebach musste das selbst erfahren. Der Polizist wird Mitte April zu einem Streit zwischen Jugendlichen am Hauptbahnhof Hannover gerufen. Doch plötzlich, berichtet er den Reportern, habe sich die Gewalt gegen die Beamten gerichtet.

Aus der umstehenden Menge, die den Kampf aus nächster Nähe verfolgt, johlt und Beifall klatscht, löst sich ein bis dahin völlig Unbeteiligter und reißt den Kollegen von Perlebach zu Boden, tritt ihm ins Gesicht. Auch er selbst wird dabei verletzt.

Das Beispiel zeigt einen besorgniserregenden Trend:

► Gewaltbereite Bürger schließen sich unvermittelt gegen Beamte zusammen; der Mensch hinter der Uniform wird dabei nicht mehr wahrgenommen.

Doch nicht nur die Polizei ist betroffen, sondern auch Rettungskräfte. Sanitäter, Notärzte, Feuerwehr. Einer Studie der Ruhr-Universität Bochum sind vergangenes Jahr 64 Prozent der Feuerwehrleute und Rettungssanitäter in NRW Opfer von Gewalt geworden.

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“Die Verrohung der Gesellschaft war täglich zu spüren”

In der ARD-Reportage erzählt Philipp Baumann von seinen Erlebnissen. Baumann ist Feuerwehrchef der kleinen Stadt Mühlacker und war zuvor 9 Jahre in Hamburg im Einsatz. “Die Verrohung der Gesellschaft war täglich zu spüren”, sagt er. Von Pöbeleien, bis zu Spucken, Treten und sogar Messerangriffen habe er alles erlebt.

Das verrohte Land - wenn das Mitgefuhl schwindet / Screenshot
Für die Feuerwehr sind mittlerweile aggressive Gaffer zur ernsten Gefahr geworden. 

Sogar im kleinen Mühlacker sei das Problem spürbar. Auch dort sind die Feuerwehrleute frustriert über viele Reaktionen in der Bevölkerung an den Einsatzorten. “Ich stehe nicht zum Spaß auf der Straße”, sagt einer der Männer. “Wir machen unseren Beruf, um den Leuten zu helfen und müssen uns dafür stundenlang anpöbeln lassen.”

Für Feuerwehren sind mittlerweile aggressive Gaffer zur ernsten Gefahr geworden. Sie behindern die Rettungskräfte und beschimpfen und attackieren sie, um sich einen freien Blick auf die Unfallopfer in der ersten Reihe zu sichern. Baumann klagt, der Bürger habe oft kein Schamgefühl mehr. “Ein toter Mensch liegt vor einem, er filmt, es ist ihm egal.”

Fehlendes Schamgefühl oder Egoismus – sogar Krankenhäuser rüsten nun zunehmend mit eigenen Sicherheitsdiensten auf, weil Patienten mit Bagatellen oft nicht mehr akzeptieren wollen, dass Schwerverletzte zuerst behandelt werden. In den Kliniken werden Ärzte geschlagen, Pfleger gewürgt oder niedergestochen.

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 “Die Qualität der Brutalität hat deutlich zugenommen.”

dpa

“Parasiten, Volksverräter, Taugenichtse” – Besonders heftig fällt der neue Ton Politikern gegenüber aus. Andreas Hollstein ist Bürgermeister im westfälischen Altena. Eigentlich eine friedliche Kleinstadt im Märkischen Kreis. Doch auch Lokalpolitiker dürfen schon lange nicht mehr mit dem Respekt der Bürger rechnen.

Im November 2017 wird Hollstein in einem Imbiss wegen seiner liberalen Haltung Flüchtlingen gegenüber mit einem Küchenmesser angegriffen und am Hals verletzt. Tausendfache Beleidigung im Internet und hunderte Hassbriefe hat er seither erhalten. Einen der erschütterndsten liest er den ARD-Reportern vor:

“Schade, dass du lebst, du Stück Scheiße. Das nächste mal bekommst du Volksverräter einen fachgerechten Kehlschnitt.”

Offenbar werden gerade Lokalpolitiker immer öfter gezielt als Opfer ausgesucht, weil sie schlecht geschützt sind. Der Fall Hollstein zeigt, dass sie mitunter als Ersatz für die Bundespolitiker herhalten müssen, wenn Menschen mit deren Arbeit unzufrieden sind.

In einer Umfrage des Städte- und Gemeindebunds vom Sommer 2017 gaben 48 Prozent der befragten Bürgermeister an, dass sie entweder selbst oder ein Mitarbeiter bedroht wurden.

Wie die Reportage zeigt, richtet sich der Hass nicht mehr nur gegen Verantwortliche. Gefährdet sind auch zunehmend ganz einfache Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung, den Ordnungsämtern bis hin zum Busfahrer.

Dietmar Schirmacher ist Kriminalpolizist und schult Angestellte öffentlicher Transportunternehmen im Umgang mit Jugendgewalt. Er sagt: “Die Qualität der Brutalität hat deutlich zugenommen.”

Behördenmitarbeiter werden offen bedroht, ihre Kinder auf dem Schulweg abgefangen. Um der neuen Bedrohung zu entgehen, verschwinden Sekretärinnen hinter Sicherheitsglas, in Ämtern werden Kurse in Selbstverteidigung, Notknöpfe und Taschenkontrollen eingeführt.

Aggressive Eltern gehen bei Sportveranstaltungen aufeinander los 

Von der steigenden Gewaltbereitschaft bleibt auch der Amateur- und Jugendsport nicht verschont. So fühlte sich zum Beispiel der Berliner Fußballverband genötigt, eine Kampagne gegen aggressive Eltern auszustrahlen. Wie Gerd Liesegang, der Verbandszuständige für Gewaltprävention sagt, sind die zunehmend ein Problem.

Das verrohte Land - wenn das Mitgefuhl schwindet /Screenshot

Mittlerweile habe man eigene Zonen einrichten müssen, um die Eltern der gegnerischen Mannschaften voneinander zu trennen. Während die Kinder schon wenige Minuten nach dem Match schon nicht mehr wüssten, wie sie eigentlich gespielt hätten, bräche für die Eltern eine Welt zusammen. Es komme zu Rudelbildungen, Handgemengen, auch Schlägereien unter den Vätern.

“Der Respekt unter uns Menschen, eigentlich das schönste was Sportler verbunden hat, ist verloren gegangen.”

 Doch wo liegen die Gründe? Jochen Partsch, Darmstadts Oberbürgermeister sagt, viele Beschäftigte seiner Verwaltung hätten beobachtet, dass schon seit mehreren Jahren der Ton in in Straßen rauer wird. Das liege aber nicht daran, dass es den Leuten schlechter ginge, sondern an einer gestiegenen Anspruchshaltung.

Markus Klügel von der Jugend des Deutschen Beamtenbundes in NRW erklärt, die öffentlich Bediensteten würden nicht persönlich attackiert, sondern in ihrer Funktion als Vertreter des Staates: “Ganz viele Menschen sind mit dem Staat unzufrieden. Sie sagen, ‘die da oben’ kümmern sich nicht um mich, schaufeln das Geld nur in die eigene Tasche, haben den Bezug zum einfachen Volk verloren.” Diese Aggressivität gegenüber dem Staat entlade sich an dessen Vertretern.

“Gewalt macht auch Vergnügen.”

Und Gewaltforscher Andreas Zick fragt sich, ob die Gewalt nicht zu einem “Kulturevent” wird. Denn die Aggression stamme zunehmend nicht mehr nur von Hooligans oder Gruppen, die an sich bereits eine hohe Gewaltakzeptanz hätten. Hass und Gewalt dienten mittlerweile sogar einer Stärkung des Gemeinschaftsgefühls in regelrechten Hassgemeinschaften:

“Wir kommen auf die Welt als Menschen, die Gewalt ausüben können. Und Gewalt macht auch Vergnügen.” Man müsse bereits in den Schulen viel stärker auf Prävention setzen und aufklären.

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An der wichtigsten Stelle versagt die Doku

Die ARD-Reportage versucht, ein Schlaglicht auf eine Gesamt-Stimmungslage zu werfen, über die sich viele Menschen in Deutschland Sorgen machen. Das tut der Film beeindruckend und erschreckend, indem er die Menschen zeigt, die Opfer geworden sind, und die wissen, wovon sie sprechen.

Doch die Stärke ist dabei auch seine Schwäche, weil sehr viele komplexe Probleme zusammengewürfelt werden. Zunehmende rechte Gewalt aufgrund der Flüchtlingspolitik vermischt sich mit Jugendgewalt, Gewalt auf der Straße aufgrund Alkohol- und Drogenmissbrauchs, Gewalt sozial benachteiligter, die ihren Frust in den Ämtern loslassen und von Asylbewerbern, die sich in ihren Verfahren ungerecht behandelt fühlen.

In dieser schwierigen Gemengelage wünscht man sich als Zuschauer manchmal mehr Zahlen und Zusammenhänge, und Ansätze zur Erklärung dieses Gesamtbilds. So werden zwar die Symptome beschrieben; die Ursachen bleiben weitgehend im Dunkeln.

Richtig ist sicherlich, was Bürgermeister Andreas Hollstein zu bedenken gibt: “Wenn wir Respekt bei Asylbewerbern und auch bei normalen Bürgern erreichen wollen, müssen wir wieder zeigen, dass die Menschen, die für den Staat arbeiten auch einen besonderen Schutz des Staates verdienen.”

Die Doku könnt ihr euch in der ARD-Mediathek ansehen.

(tb)