POLITIK
05/02/2019 09:58 CET | Aktualisiert 05/02/2019 10:54 CET

Das sind die drastischen Folgen, die der Brexit jetzt schon für Großbritannien hat

Die Brexit-Befürworter schlugen alle Warnungen in den Wind – zu Unrecht, wie sich zeigt.

PA Ready News UK

Der ehemalige Außenminister Boris Johnson  belebte im Februar 2016 in seiner wöchentlichen Kolumne in der Tageszeitung “Telegraph” einen Begriff wieder, der erstmals während des schottischen Unabhängigkeitsreferendums zwei Jahre zuvor genutzt worden war: “Project Fear” – zu Deutsch “Projekt Furcht”.

Der Tory-Abgeordnete warf den Remain-Befürwortern damals vor, die Öffentlichkeit in den Glauben zu versetzen, dass “ein Brexit einfach zu beängstigend ist”. Diese Warnungen, sagte er, seien “so wild übertrieben, dass sie Unsinn sind”.

Brexit wird dich ärmer machen? PROJEKT FURCHT! Die Hauspreise werden fallen? PROJEKT FURCHT! Tausende Arbeitsplätze werden verloren gehen? PROJEKT FURCHT!

Im April vergangenen Jahres erklärte der vielleicht größte Verfechter des Brexit, der Tory-Politiker Jacob Rees-Mogg, dass das “Project Fear” tot, begraben und vergessen sei.

Am Sonntag aber teilte der Autobauer Nissan den Mitarbeitern in seinem Werk in Sunderland mit, dass die Pläne für den Bau seines neuen X-Trail SUVs im dortigen Werk stornieren werde. Als ein Grund für die Entscheidung nannte Nissan den Brexit.

Am Montag war der Gesundheitsminister gezwungen zu sagen, dass die Regierung im Fall eines harten Brexit den Import von Medikamenten denen von Lebensmitteln vorziehen werde. Und das kam nur 24 Stunden nachdem er angekündigt hatte, dass die Regierung in Betracht zieht, das Kriegsrecht auszusprechen, um jede Unordnung niederzuschlagen.

55 Tage sind es noch bis zum Brexit – und ein No-Deal-Szenario ist wahrscheinlicher als je zuvor. Die Warnungen, die von den Brexit-Befürwortern als “Projekt Furcht” bezeichnet wurden, sind nicht mehr nur Warnungen; sie sind tatsächlich teilweise schon eingetreten.

Hier sind einige der Brexit-Folgen, die keine bloßen Warnungen mehr sind – sondern jetzt schon Realität.

“Die Hauspreise werden fallen” Das sind die drastischen Folgen, die der Brexit jetzt schon für Großbritannien

Im Mai 2016 warnte der damalige  Premier George Osborne davor, die EU zu verlassen, weil das zu einem Rückgang der Immobilienpreise um 18 Prozent führen könnte. Fast zwei Jahre triumphierte der Brexit-Befürworter Nigel Farage, weil die Preise damals noch weiter anstiegen.

Aber Farage hat sich ein wenig zu früh gefreut. Noch fallen die Immobilienpreise zwar nicht. Aber am vergangenen Donnerstag veröffentlichte Zahlen deuten darauf hin, dass potenzielle Käufer und Verkäufer “auf ihren Händen sitzen”, während sie abwarten, was mit dem Brexit passiert.

Im Januar wiesen die Immobilienwerte im Vergleich mit dem Januar vor einem Jahr ein Wachstum von nahezu Null auf.

Zwei Jahre zuvor, im Januar 2017, lag das jährliche Wachstum der Hauspreise bei bis zu 4,3 Prozent.

“Du wirst nicht in den Urlaub fahren können” Das sind die drastischen Folgen, die der Brexit jetzt schon für Großbritannien

Im Mai 2016 kritisierte die Zeitung “Daily Mail” David Cameron, nachdem er gewarnt hatte, dass der Brexit die Urlaubskosten in die Höhe treiben würde.

Cameron hatte damals gesagt: “Wenn wir gehen würden und das Pfund fallen würde, was die meisten Experten erwarten und worauf auch die Prognosen des Finanzministeriums hindeuten, würde das die Kosten für einen Urlaub für eine vierköpfige Familie in Europa um 230 Pfund erhöhen.”

Das Pfund ist tatsächlich nach dem Referendum gefallen und muss sich noch erholen. Vor dem Brexit-Referendum bekam man für einen Pfund rund 1,30 Euro, aktuell sind es um die 1,15 Euro.

So sind Ferien im Euroraum schon jetzt teurer, was Cameron Recht gibt.

Es gibt noch weitere Faktoren, die sich auf die Urlaubsplanung der Briten auswirken können. Wie die britische Ausgabe der HuffPost berichtete, wollen mehrere führende Reiseversicherer keinen Schutz bei Störungen durch einen harten Brexit gewährleisten.

“Uns wird die Medizin ausgehen” Das sind die drastischen Folgen, die der Brexit jetzt schon für Großbritannien

Noch Anfang dieses Monats war sich Rees-Mogg sicher, dass alle Befürchtungen, dass dem Vereinigten Königreich die Medikamente ausgehen könnten, unbegründet seien.

Er sagte: “Wir haben die Kontrolle, wie die Dinge in dieses Land kommen.... Das ist nicht besonders kompliziert.”

Aber nur wenige Tage später erklärten Apotheker, dass die Unsicherheit über den Brexit bereits Auswirkungen auf ihr Geschäft habe, da Probleme mit der Versorgung den Preis für wichtige Medikamente in die Höhe treibe.

Die mangelnde politische Klarheit darüber, ob das Vereinigte Königreich die EU in sechs Wochen mit oder ohne Austrittsvereinbarung verlässt, hat viele kleinere Apotheker  verunsichert. Gegenüber HuffPost UK sagte ein Apotheker: “Es ist eine der schlimmsten Zeiten in der Branche, die ich je erlebt habe.”

Der Apotheker Ash Kumar, der in Maidenhead nördlich von London arbeitet, sagte, dass er bereits jetzt darum kämpfen müsse, bestimmte Medikamente zu bekommen. Er hat bereits begonnen, Schlüsselmedikamente auf Lager zu nehmen, falls es in den kommenden Monaten zu Lieferengpässen kommt.

Er sagt: “Der Brexit trifft uns jetzt schon. Die meisten unserer Lieferanten kommen aus der EU und die Verfügbarkeit ist bei steigenden Preisen bereits knapp.”

Und weiter: “Am Ende des Tages müssen wir sicherstellen, dass die Menschen das bekommen, was sie brauchen. In einigen Fällen zahlen wir drei- bis viermal mehr für Rezepte, als uns vom NHS (die Gesundheitsbehörde, Anm. d. Red.) erstattet wird.”

Noch beunruhigender ist die Meldung der Zeitung “The Guardian” vom Donnerstag, dass Notfall-Traumapakete, wie sie bei Terroranschlägen verwendet werden, vom Pharmariesen Johnson & Johnson notgelagert werden.

“Die Banken werden London verlassen” Das sind die drastischen Folgen, die der Brexit jetzt schon für Großbritannien

Anthony Browne vom britischen Bankenverband British Bankers’ Association warnte schon im Oktober 2016 vor einem möglichen Exodus der Banken aus London: “Ihre Hände zittern über dem Umzugsknopf.”

Die Banken sind größtenteils noch im Vereinigten Königreich, aber am Donnerstag wurde bekannt gegeben, dass Barclays grünes Licht für die Übertragung von Vermögenswerten im Wert von 190 Milliarden Euro (160 Milliarden Pfund) nach Irland erhalten hat.

Der Bankenriese erhielt am Mittwoch vom High Court die Genehmigung für den Umzug, an dem 5.000 Kunden beteiligt sind. Der Schritt steht im Zusammenhang mit der Notfallplanung der Bank für den Brexit.

“Wie wir 2017 angekündigt haben, wird Barclays unsere bestehende lizenzierte, in der EU ansässige Bankentochter nutzen, um unsere Kunden innerhalb der EU auch nach dem 29. März 2019 unabhängig vom Ergebnis des Brexit zu bedienen”, gab die Bank bekannt.

“Unsere Vorbereitungen sind weit fortgeschritten und wir gehen davon aus, dass wir am 29. März 2019 voll einsatzbereit sind.” An diesem Tag, so ist es bisher geplant, soll Großbritannien die EU verlassen.

Der Schritt zielt darauf ab, die Folgen eines harten Brexit zu bewältigen, bei dem britische Banken “Passporting”-Rechte verlieren würden, die es ihnen ermöglichen, im EU-Binnenmarkt, dem größten Handelsblock der Welt, zu arbeiten.

“Tausende von Arbeitsplätzen werden verloren gehen” Das sind die drastischen Folgen, die der Brexit jetzt schon für Großbritannien

Der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, wurde schnell zum Erzfeind der Brexit-Befürworter, als er eine Reihe von Warnungen über die möglichen Folgen des Brexit aussprach: Darunter ein fallendes Pfund und schwere Arbeitsplatzverluste.

Rees-Mogg nannte ihn sogar den “Hohenpriester des Project Fear”.

Noch ist es allerdings zu früh, um erste Folgen auf dem Arbeitsmarkt zu sehen. Allerdings lässt sich anhand des Automobilsektors schon absehen, was drohen könnte – auch wenn Unternehmen wie Rolls-Royce schon versprochen haben, die Produktion wegen des Brexit nicht ins Ausland zu verlagern.

Die Automobilindustrie ist ein wichtiger Teil der britischen Wirtschaft. Mehr als eine Million Arbeitsplätze hängen an ihr. Ein Zeichen dafür, dass sich die Stimmung bei den Autobauern eintrübt ist, dass sich die Investitionen der Automobilunternehmen im Jahr 2018 auf 588 Millionen Pfund halbiert haben.

Der Verband Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT) ließ wissen, dass die Investitionen wegen der ungewissen Aussichten angesichts der ungewissen Aussichten des Brexit “blockiert” seien.

Etwas mehr als 1,5 Millionen Autos produzierten die britischen Werke vergangenes Jahr, ein Rückgang von 9,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der niedrigste Wert seit sechs Jahren.

Honda und Jaguar Land Rover haben bereits angekündigt, dass sie die Produktion im April unterbrechen werden. Honda kündigte zudem an, 4.500 Arbeitsplätze abzubauen.

Und nicht nur in der Autoindustrie kriselt es: Der Luft- und Raumfahrtriese Airbus warnte kürzlich, dass Tausende von Arbeitsplätzen in Großbritannien  wegfallen könnten und im Falle eines Brexits ohne Handelsvertrag der Bau von Flügeln aus dem Land verlagert würde.

Wo der Brexit sich außerdem bemerkbar macht: Eiscreme... Das sind die drastischen Folgen, die der Brexit jetzt schon für Großbritannien

Unilever kündigte diese Woche an, dass es Magnum und Ben & Jerry’s Eiscreme einlagert, falls die Lieferketten im Falle eines harten Brexit unterbrochen werden.

Im Gespräch mit der BBC sagte Alan Jope, der neue Chef von Unilever: “Wir haben auf beiden Seiten des Kanals ein Lager aufgebaut. Wir haben genug Waren eingelagert, um die Nachfrage einige Wochen befriedigen zu können.”

Ein Obst- und Gemüselieferant, der die größten britischen Fertiggerichtehersteller beliefert, warnte, dass ein No-Deal Brexit für die Lebensmittelindustrie eine Katastrophe bedeuten könnte, da verderbliche Lebensmittel an der Grenze durch Zollkontrollen aufgehalten werden.

Kaz Mahjouri, Geschäftsführer von Start Fresh in Nottingham, das Obst und Gemüse verarbeitet, sagte gegenüber HuffPost UK, dass die Briten gezwungen sein könnten, nur das zu essen, was das Land produzieren kann: Wurzelgemüse könnte das einzige frische Produkt sein, das in Supermärkten erhältlich ist.

... und Süßigkeiten Das sind die drastischen Folgen, die der Brexit jetzt schon für Großbritannien

Die deutschen Süßwarenhändler befürchten, dass der Export von Produkten nach Großbritannien nach dem 29. März so langsam fließen wird wie Sirup, da neue, unklare Zollvorschriften zu Lieferengpässen und Preissteigerungen führen können. Deutsche Gummibärchen und Schokolade sind in Großbritannien beliebte Süßigkeiten.

Dieser Text erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Benjamin Reuter übersetzt. 

(jkl)