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11/03/2018 09:47 CET | Aktualisiert 11/03/2018 09:47 CET

Das schmutzige Geheimnis des Fahrrads und warum Bambus die Lösung ist

“Wir wissen gar nicht zu schätzen, wie viel Arbeit in einem Rad steckt."

Bamboo Bicycle Club

In East London kann man in einem Workshop lernen, wie man sein eigenes Fahrrad baut. Daran ist nichts Ungewöhnliches. Aber hier beim Bamboo Bicycle Club werden die Räder aus Bambus gebaut.

► Bei all der Euphorie, mit der Fahrräder als die Lösung für verstopfte Straßen, Luftverschmutzung und unsere Gesundheit angepriesen werden, werden die Materialien, die für die Herstellung verwendet werden, oft übersehen.

Carbon, sprich Kohlestofffaser beispielsweise wird bei neuen Fahrradmodellen immer populärer, besonders bei Rennrädern. Das leichte und robuste Material lässt sich jedoch nur schwer recyceln, es kann nicht eingeschmolzen und in seiner ursprünglichen Form wiederverwendet werden, wie zum Beispiel Aluminium und Stahl.

Außerdem ist die Arbeit mit Carbon gefährlich und dreckig. Bei der Herstellung von Rahmen oder Rädern aus Carbon wird mit giftigen Harzen gearbeitet. Das Material eignet sich also nicht unbedingt für Workshops, in denen man selber Fahrräder bauen kann.

Ein Rennrad wird alle drei Jahre durch ein neues ersetzt

Es wird noch dazu unheimlich viel Müll produziert. In der Regel wird ein Rennrad alle drei Jahre durch ein neues Rad ersetzt. Damit wird der Carbon-Müll immer mehr, so James Marr, Gründer des Bamboo Bicycle Club und ein ehemaliger Turbineningenieur.

► Marr hatte den Wunsch, diesen Müll zu reduzieren und außerdem den Fahrradbau populärer zu machen. Also gründete er einen Club, in dem er Menschen beibringt, ihre eigenen Fahrräder aus Bambus zu bauen.

Bambus ist weit mehr als nur die Leibspeise von Pandabären. Bambus ist robust und ein in Asien äußerst beliebtes Baumaterial. Es eignet sich hervorragend für den Bau von Fahrradrahmen, erklärt Marr.

Vom Samen bis zur Ernte dauert es nur vier Jahre. Die Nachhaltigkeit von Bambus hängt jedoch trotzdem von Produktionsstandards ab. Zum Beispiel davon, ob chemische Dünger oder Pestizide eingesetzt werden und davon, ob auch kein natürlicher Wald für den Anbau gerodet wurde.

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“In der Fahrradindustrie übernehmen nur sehr wenige Menschen auch die Verantwortung für die Entsorgung der Räder. Es ist eine gesättigte und kostenintensive Industrie, die sich nicht von heute auf morgen ändert“, erklärt Marr, der den Fahrrad-Club vor fünf Jahren gegründet hat.

► Im Workshop des Bamboo Bicycle Clubs in London werden jährlich 500 Fahrräder hergestellt. Ein zweitägiger Workshop, in dem ein Bambusrad hergestellt wird, kostet ca. 670 Euro.

Inzwischen gibt es auch Franchisenehmer in Deutschland und Italien. Weitere kommen bald in Kanada und Südafrika dazu.

Nachhaltiger Transport, aber rücksichtsloses Verhalten der Käufer

Im letzten Jahr wurde der Bamboo Bicycle Club von zwei NGOs nach Kenia eingeladen, um in Malaa, in der Nähe von Nairobi, Schülern das Reparieren, Bauen und die Pflege von Fahrrädern zu näherzubringen.

“Es war unser Ziel, Menschen und Fahrräder wieder näher zusammenzubringen, die Materialien für den Fahrradbau eingeschlossen”, sagt Marr.

Während Bike-Sharing-Unternehmen zwar viel in Bezug auf nachhaltigen Transport versprochen haben, so haben sie bisher doch nur wenig getan, um das verschwenderische und rücksichtslose Verhalten ihrer Kunden zu ändern.

“Als Gesellschaft geben wir kein gutes Bild mehr ab“, sagt Marr, der sich angesichts der Berge von nicht mehr gebrauchten Rädern, die in China einfach irgendwo in den Städten zurückgelassen wurden, schockiert zeigt.  

Bloomberg via Getty Images
Bike Sharing-Räder, die in Shanghai einfach weggeworfen wurden.

“Wir drücken einfach nur einen Knopf und schon ist es da“, so Marr. “Wir wissen gar nicht mehr zu schätzen, wie viel Arbeit in einem Fahrrad steckt. Wir denken uns gar nichts mehr dabei, einen Computer oder ein Fahrrad einfach wegzuschmeißen. Wenn die Menschen etwas zu schätzen wissen, dann respektieren sie es auch. Es ist ihr Fahrrad, sie haben es selber gebaut. Das ist wichtig.“

► Großproduzenten von Fahrrädern, die mit Carbon arbeiten, müssen einen nachhaltigen Kreislauf aufbauen: recyceln und neu nutzen statt zu entsorgen.

Die Standardmethode für das Recyceln von Carbon ist, das Material zu zerkleinern und dann den Plastikkleber, der alles zusammenhält, wegzubrennen. Aber das Material, das so produziert wird, ist nicht so robust wie der ursprüngliche Carbon, so Dustin Benton von der Denkfabrik Green Alliance.

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Mit der rasenden Verbreitung  von Carbon als Material in der Fahrradindustrie, der Raumfahrt und der Automobilindustrie müssten sich auch die schlechten Angewohnheiten der Produzenten und Konsumenten verlagern und ändern, erklärt Benton.

“Nutzt eure Carbon-Räder so lange wie möglich”

► In den USA hat sich Trek, ein Pionier auf dem Gebiet der Carbon-Räder, mit dem Unternehmen Carbon Conversions zusammengetan. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass der Carbon-Schrott aus der Fahrradproduktion von Trek in Wisconsin wiederverwendet wird.

Zwar ist das Material dann nicht mehr so robust wie ursprünglich, dennoch aber wird es für Segelboote, Laptops und Sonnenbrillen verwendet.

Das trifft allerdings nur auf den Carbon zu, der in der Produktion als Abfall anfällt, nicht aber auf die Carbon-Fahrräder, die irgendwann von Konsumenten entsorgt werden und auf dem Schrott landen. Es wird demnach nur ein Bruchteil des Carbon-Fußabdrucks eines Fahrradherstellers recycelt.

► Japan ist da ein besseres Beispiel, so Benton. Hier schreibt das Gesetz den Herstellern eine Recycling-Infrastruktur vor. Das motiviert auch Produktdesigner, Produkte zu entwerfen, die sich leicht zerlegen und wiederverwerten lassen.

Für die Konsumenten, die nicht an dem Workshop teilnehmen und ihr eigenes Rad bauen wollen, hat Benton einen einfachen Ratschlag parat: “Nutzt eure Carbon-Räder so lange wie möglich, in dem ihr beschädigte Teile repariert oder ersetzt.”

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

(ujo)