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19/10/2018 11:05 CEST | Aktualisiert 19/10/2018 11:05 CEST

Das Risiko und sein Preis

Suwannar Kawila / EyeEm via Getty Images

Nassim Nicholas Taleb, geboren im Libanon, Finanzmathematiker, philosophischer Essayist in den Bereichen Risiko und Zufall, sei einer der unkonventionellsten Denker der Gegenwart, lässt der Verlag wissen. Das ist natürlich möglich, doch wie man so etwas wissen oder messen kann, ist mir schleierhaft. Mit Sicherheit lässt sich jedoch sagen, dass der Mann ein erfolgreicher Autor ist. Seine Sachbücher, darunter „Der schwarze Schwan“ und „Antifragilität“ wurden in 33 Sprachen übersetzt. Offenbar ist das Begriffspaar „unkonventionell“ und „Erfolg“ viel kompatibler als ich mir das vorgestellt hatte.

Des Autors neuestes Werk, Das Risiko und sein Preis (Penguin Verlag, München 2018), hat schon nach den ersten paar Seiten meine vollste Sympathie. Nicht, weil seine Aussagen so wahnsinnig unkonventionell sind (andererseits: in seinen Kreisen sind sie es vielleicht), sondern weil er überzeugend darlegt, dass der gesunde Menschenverstand eher die Ausnahme als die Regel ist. Und weil ich seiner Kernaussage, dass wer nicht bereit ist, seine eigene Haut zu riskieren, nicht mehr als ein billiger Schwätzer ist, vorbehaltslos zustimme.

Es gab einmal eine Zeit, da zeichnete sich eine Person dadurch aus, dass sie mit gutem Beispiel voran ging, eine Zeit, in welcher wahre Könige wussten, was sie ihrem Amt schuldig sind und an vorderster Front in die Schlacht zogen. „Selbst heute noch leiten Monarchen ihre Legitimität von einem Sozialvertrag ab, zu dem physische Risikobereitschaft gehört. Die königliche Familie Grossbritanniens sorgte dafür, dass während des Falklandkrieges im Jahre 1982 einer ihrer Sprösslinge, Prinz Andrew, mehr Risiken auf sich nahm als die 'gemeinen Männer'“. Die weltlichen Herrscher sind da anders, sie verstehen sich darauf, den Kriegsdienst zu vermeiden – man denke etwa an Bill Clinton, George W. Bush und Donald Trump.

Kein persönliches Risiko eingehen, nicht zur Verantwortung gezogen werden, weder fair noch anständig zu handeln, bezeichnet Nassim Nicholas Taleb als die eigentlichen Charakteristika des heutigen Führungspersonals. Doch einfach nur an den Vorteilen zu partizipieren, ist nicht nur ein zutiefst ungerechtes Modell, es ist obszön. Wie kommt es also, dass wir es uns gefallen lassen? Weil, wie der Titel von Kapitel 2 dieses fulminanten Plädoyers fürs Selber-Denken treffend zusammenfasst: „Der Intoleranteste gewinnt: Die Vorherrschaft der eigensinnigen Minderheit“. Nassim Nicholas Taleb behauptet das nicht einfach, er zeigt es an ganz vielen Beispielen auf, zu denen übrigens auch die Konversion Omar Sharifs gehört.

Das Faszinierende an Das Risiko und sein Preis ist, dass da einer nicht Schwarz und Weiss malt, sondern genau hinguckt und nachdenkt, eigenständig und unabhängig. Dass nicht die Mehrheit das Sagen hat, ist, wie das Beispiel der Wissenschaft zeigt, häufig zu begrüssen. „Wenn Sie einmal etwas widerlegt haben, dann ist es von da an falsch. Wenn die Wissenschaft nach dem Prinzip der Zustimmung der Mehrheit vorgegangen wäre, würden wir immer noch im Mittelalter feststecken, und Einstein wäre am Ende seines Lebens nichts anderes gewesen als zu Beginn: ein Patentanwalt, der sich in seiner Freizeit mit fruchtlosen Hobbys abgab.“ (Am Rande: Einstein war technischer Experte 3. Klasse beim Schweizerischen Patentamt in Bern und nicht Patentanwalt).

Nur eben: die Minderheiten-Regel hat auch gravierende Nachteile. Es versteht sich: mit gewissen intoleranten Minderheiten darf man keineswegs tolerant sein. „Es ist nicht zulässig, 'amerikanische Werte' oder 'westliche Prinzipien' anzuführen, wenn es um den Umgang mit der Intoleranz des Salafismus geht (der anderen Menschen das Recht abspricht, ihre jeweils eigene Religion zu haben). Im Moment ist der Westen dabei, Selbstmord zu begehen.“

Es geht um Symmetrie

Worum es gehen müsste, so Nassim Nicholas Taleb, ist Symmetrie und das heisst: den Schaden zu zahlen, wenn etwas misslingt. „Dieser Gedanke verknüpft Vorstellungen wie Anreize, Gebrauchtwagenkauf, Moral, Vertragstheorie, Lernen (im realen Leben / an der Universität), den kantischen Imperativ, kommunale Macht, Risikowissenschaft, den Kontakt zwischen Intellektuellen und der Wirklichkeit, die Verantwortlichkeit von Bürokraten, probabilistische soziale Gerechtigkeit, Optionstheorie, anständiges Verhalten, Bullshit-Anbieter, Theologie ...“.

Es ist ein intellektuelles Feuerwerk, das Nassim Nicholas Taleb in diesem Buch entfacht. Die alten Griechen, die alten Römer, Fabeln von Ahiqar über Äsop zu La Fontaine, die Literaten Borges und Proust und und und, nichts scheint dem Mann fremd. Dabei geht es ihm vordringlich darum, dass viel zu viele Menschen, die auf dieser Welt Macht und Einfluss haben, nicht wirklich den Kopf hinhalten müssen, wenn etwas schiefgeht. Das ist nicht nur störend, es ist brutal und rücksichtslos. Vonnöten sind Fairness, Verantwortungsgefühl und Anstand. Und die Einsicht, dass Risikofreudigkeit und Rationalität sich nicht ausschliessen.

Bei seinem Rundumschlag produziert der Autor so wunderbare Merksätze wie „dass Handeln ohne Reden mehr wert ist als Reden ohne Handeln“ oder „Sie werden nie jemanden vollständig davon überzeugen können, dass er sich irrt, das schafft nur die Realität“ oder „Lassen Sie sich nicht von Personen beraten, die davon leben, Ratschläge zu geben, es sei denn, sie haften für die Folgen“.

Und er provoziert, oft und mit offensichtlicher Lust: „Wenn Sie einen Rat von einer Grossmutter oder älteren Menschen bekommen, funktioniert dieser Rat mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit. Wenn Sie andererseits etwas von Psychologen und Verhaltenswissenschaftlern lesen, funktioniert das mit einer geringeren als zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit, es sei denn, es wurde auch schon von der Grossmutter und den Klassikern abgedeckt – aber wozu brauchen Sie dann noch einen Psychologen?“

Das Risiko und sein Preis ist intelligente Provokation – anregend und bedenkenswert.