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09/04/2018 10:27 CEST | Aktualisiert 09/04/2018 10:45 CEST

Wie sich unser Verhalten verändert, wenn wir echte Mordfälle im Fernsehen sehen

Es gibt psychologische Gründe, wieso uns diese Sendungen so fesseln.

YinYang via Getty Images
Crime-Storys ziehen die Menschen in den Bann. (Symbolbild)

Ich war schon immer fasziniert von echten Kriminalfällen – aber seit zwei Jahren bin ich regelrecht süchtig danach.

Es begann, als ich den Kult-Podcast “My favorite Murder” für mich entdeckte. Egal ob beim Kochen, Trainieren oder beim Putzen: Ich hörte stundenlang zu.

Als mir das nicht mehr reichte, vertiefte ich mich in Podcasts wie “Undisclosed” und “Someone Knows Something”, sah mir am Abend Serien über Mörder an, wie “The Keepers” und “The Jinx”.

Um das Ganze abzurunden, griff ich mir am Ende des Tages noch ein fesselndes Sachbuch (wie das Buch “After the Eclipse”), in dem es um den ungelösten Mord eines Mutter geht. Es ist überflüssig zu sagen, dass ich süchtig war. Was einst eine gesunde Faszination war, hatte sich zu einer Obsession entwickelt.

Ich bezahlte dafür mit Alpträumen und Angstzuständen – beides Zustände, die ich vorher nie erlebt hatte.

Die psychologische Anziehungskraft von echten Kriminalfällen

In den letzten fünf Jahren gewann das Genre der echten Kriminalfälle deutlich an Beliebtheit. Grund dafür waren nicht zuletzt Serien wie “Serial” - eine Sendung aus dem Jahr 2014, über einen Mann namens Adnan Syed, der wegen Mordes verurteilt wurde und dem kürzlich ein Wiederaufnahmeverfahren gewährt wurde.

Oder auch “Making a Murderer”: Die mitreißende und kontroverse Netflix- Dokumentation über die Untersuchung eines grausamen Mordes und das amerikanische Rechtssystem. Eine Serie, die ebenfalls viele Zuschauer in ihren Bann zog.
Vorbei sind die Zeiten, in denen man bis in die Nacht aufblieb, um ein bisschen
Geheimnis und Mord in der Sendung “48 Hours” zu bekommen. Mit den heutigen Streaming-Angeboten und Apples kostenloser Podcast-App ist stundenlange Unterhaltung – erschreckend und fesselnd – nur noch einen Klick entfernt.

Aber was genau zieht uns so in den Bann dieser Geschichten? Ist es die bloße Verfügbarkeit oder ist es mehr?

“Wir wollen es verstehen, weil wir es fürchten”

A.J. Marsden ist Assistenz-Professorin für Psychologie am Beacon College in Leesburg, Florida.

Der HuffPost erklärt sie: Ein Grund für die Faszination an diesen echten Kriminalgeschichten sei, dass man so einen flüchtigen Blick in die Abgründe der menschlichen Psyche erhaschen könne. Wir fühlen uns von solchen Geschichten teils angezogen, weil wir die Motivation hinter diesen grausamen, bizarren, sinnlosen Gewalttaten gern verstünden, erklärt sie. “Wir wollen es verstehen, weil wir es fürchten”, ergänzt sie.

Solche echten Kriminalfälle zu Hause anzusehen gebe uns die Möglichkeit, unsere Ängste in einem sicheren Umfeld zu erforschen, meint sie. So könne man tatsächlich “in die Abgründe der menschlichen Seele hinabzusteigen, allerdings von der eigenen Couch aus, wo es sicher ist”. Es könnte aber auch noch andere psychologische Beweggründe haben. Mehr über echte Kriminalfälle zu erfahren, spricht unseren angeborenen Überlebensinstinkt an, sagt Amanda Vicary, eine Assistenz-Professorin für Psychologie an der Illinois Wesley Universität.
“Umso mehr man über Mordfälle erfährt – welche Menschen zu Mördern werden, wie diese Verbrechen ablaufen, wer die Opfer sind – umso mehr erfährt man darüber, wie man sich davor schützen kann, selbst zum Opfer zu werden”, sagt Vicary der HuffPost.

Besonders Frauen sind von dem Trend betroffen

Dieser innere Beweggrund trifft besonders auf Frauen zu. Eine Studie der Zeitschrift Social Psychological and Personality Science fand 2010 heraus, dass sich Frauen stärker von diesen echten Kriminalfällen angezogen fühlen als Männer. “Das macht Sinn, wenn man sich die Art der Kriminalfälle ansieht, die in Podcasts und Dokumentationen präsentiert werden.” Die meisten seien brutale, verstörende Fälle, in denen Frauen das Opfer seien, sagt Vicary, die selbst Co-Autorin der Studie war.
“Wenn man verhindern will, selbst zum Opfer solcher Verbrechen zu werden, ziehen Frauen mehr Nutzen daraus, solche Podcasts zu hören und diese Bücher zu lesen, als Männer”, sagt sie.

Hat man dadurch irgendeinen Vorteil?

Auch wenn der Nutzen, den Vicary erwähnt, nur schwer zu messen ist, so hat die Obsession für echte Kriminalgeschichten doch einige konkrete, positive Folgen. “Wenn Leute ihr Verhalten in einem sozial akzeptablen Rahmen ändern, weil sie mehr über Verbrechen wissen – wie sie beispielsweise sicherstellen können, dass die Haustür nachts abgeschlossen ist – dann ist das eine gute Sache”, sagt sie.
Dabei muss man auch an die “Murderino”-Community denken, ein internationales Netzwerk für Fans des Podcasts “My Favorite Murder”.
Die Gruppe hat sich zu einer Art Unterstützer-Netzwerk entwickelt. Dort können Leute ihre Ängste und Sicherheits-Tipps miteinander teilen – im persönlichen Austausch oder über soziale Medien wie Reddit und Facebook. Informationen darüber zu sammeln, wie man sich selbst schützen kann, ist allerdings nur bis zu einem gewissen Grad gesund. Leicht kann man in einen gefährlichen, paradoxen Strudel geraten – der die Ängste nur noch mehr schürt und vergrößert, statt sie zu verringern.
“Frauen wollen sich vielleicht nur über Verbrechen informieren, weil sie fürchten, selbst zu einem Opfer dieser Taten zu werden. Aber mit jedem weiteren Podcast, den sie sich anhören und jedem Buch, das sie lesen, erfahren sie mehr über entführte oder getötete Frauen – was letztendlich die Angst noch mehr steigert”, sagt Vicary.

Der Preis für die Krimi-Sucht

Zusätzlich zu den gesteigerten Angstzuständen und den Alpträumen, kann dieses übertriebene Interesse für echte Kriminalfälle auch andere negative Auswirkungen haben. Diesem Genre exzessiv zu frönen, könne zu gesteigerter Paranoia führen und einen davon abhalten, selbst die kleinsten Risiken einzugehen, sagt Marsden.
“Zum Beispiel, wenn man ein Treffen mit seinen Freunden oder seiner Familie absagt, weil man nicht das Risiko eingehen will, in eine mögliche Gefahrensituation zu kommen – wie beispielsweise nachts allein auf einem Parkplatz herumzulaufen”, sagt sie.
Daher empfiehlt Marsden, das eigene Verhalten und die Emotionen dahinter von Zeit zu Zeit zu hinterfragen. Um besser verstehen zu können, wie man persönlich davon beeinflusst wird, wenn man über solche Kriminalfälle liest oder sie im Fernsehen anschaut.

Als Beispiel: Auf dem Höhepunkt meiner Obsession für echte Kriminalfälle stellte ich fest, dass meine Stimmung sich merklich veränderte - von generell euphorisch zu melancholisch. Ich hatte auch Probleme, mich von den konsumierten Geschichten zu lösen. Das führte zu einer ständigen Anspannung.
Wenn man ständig mit diesen echten Kriminalfällen konfrontiert sei, könne sich das auch negativ auf den eigenen Körper auswirken, sagt Marsden.

Das eigene Stress-Level würde ständig auf die Spitze getrieben, wenn man über so etwas lese oder es sich ansehe. Selbstverständlich spürt nicht jeder hartgesottene Krimi-Fan diese negativen Auswirkungen. Jede Person hat eine andere Toleranz, was den Umfang und die Art des konsumierten Inhalts anbelangt. Wenn man aber den Inhalt immer erschütternder findet und die eigene Obsession das tägliche Leben zerstört, dann ist es Zeit für eine Neubewertung.
“Wenn man an einen Punkt gerät, an dem man ständig Alpträume hat oder das Haus nicht verlassen will, dann könnte das ein Zeichen sein, eine Zeitlang die Finger von den Büchern und den Podcasts zu lassen”, sagt Vicary.
Ihr könnt also auch weiterhin eurer Vorliebe für echte Kriminalfälle nachkommen. Was die Popkultur auf jeden Fall zeigt: Dokumentationen und Podcasts über echte Mordfälle werden nicht so schnell verschwinden.


Der Artikel erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt.

(nmi)