ELTERN
14/11/2018 10:22 CET

Das passiert mit euren Kindern, wenn ihr ihnen jeden Abend vorlest

Es fördert kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten.

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Und obwohl Dreiviertel der Eltern sagen, dass sie die gemeinsame Vorlese-Zeit mit ihren Kindern genießen, lesen deutsche Eltern ihren Kindern zu wenig vor.   
  • Viele Studien belegen die Vorteile des Vorlesens für die kindliche Entwicklung.
  • Trotzdem lesen viele Eltern ihren Kindern zu wenig vor.

Gute-Nacht-Geschichten vor dem Schlafengehen zählen viele zu ihren wertvollsten Kindheitserinnerungen. Und das nicht ohne Grund: Immer wieder untersuchen Wissenschaftler die positiven Auswirkungen von Vorlesen auf Kinder. Und die gehen über reine Sentimentalität weit hinaus. 

So kommt die neue Vorlese-Studie der “Stiftung Lesen” zum Schluss, dass Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, einen deutlichen Vorsprung in der Schule haben: Lesenlernen fällt ihnen leichter.

Leselust statt Lesefrust

So ist nur ein Viertel der befragten Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird vom Lesenlernen frustriert. Bei den Kindern, denen nicht so oft vorgelesen wird, sind es fast doppelt so viele. 

Kinderärzte der “New York University School of Medicine” stellten Anfang des Jahres fest, dass Vorlesen auch gegen kindliche Aggression und Hyperaktivität hilft. 

Mehr zum Thema: Wenn ihr euren Kindern jeden Tag 15 Minuten vorlest, haben sie später bessere Noten - und nicht nur in Deutsch

“Wir haben auf das Lesen aus vielen verschiedenen Perspektiven geschaut, aber ich weiß nicht, ob wir jemals auf diese Art und Weise über das Lesen nachgedacht haben”, sagt einer der Autoren der Studie zur Schweizer Tageszeitung “Der Standard”. 

Seine Kollegen von der gleichen Universität stellten bereits 2013 fest, dass interaktives Vorlesen – das heißt, dem Kind beim Vorlesen auch Fragen stellen und Erklärungen abgeben – den IQ eines Kindes erhöht. Und zwar um durchschnittlich sechs Punkte. Vor dem vierten Lebensjahr ist die Wirkung nach Erkenntnis der Forscher besonders groß.

Emotional auf der Überholspur

Wie wichtig die Interaktion während des Vorlesens ist, betont auch Leseforscherin Ehmig gegenüber der HuffPost. “Hörbücher haben zwar auch ihren Sinn und bilden eine gute Ergänzung, sind aber kein Ersatz für das Vorlesen”, erklärt sie.

Das Vorlesen fördert aber nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern auch emotionale. “Die Kinder versetzen sich in unterschiedliche Geschichten und Charaktere hinein, erfahren Einfühlungsvermögen”, sagte Alexandra Winzinger, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin aus München zur HuffPost. “Das unterstützt die Empathiefähigkeit und somit die emotionale Intelligenz.”

Laut der Vorlesestudie des Instituts für Lese- und Medienforschung aus dem Jahr 2015 haben Kinder dann zudem einen größeren Gerechtigkeitssinn.

Die “Vorlesestudie 2014” zeigt außerdem, dass gemeinsame Vorlesen den Familienzusammenhalt stärkt. Zwei Drittel der befragten Eltern von Kindern zwischen zwei und acht Jahren gaben an, dass die Vorlese-Geschichten weitere persönliche Gespräche in der Familie anstoßen.

Geschichten fürs Leben

Hauptsächlich handelt es sich dabei um Gespräche über alltägliche Themen, die das Kind beschäftigen. Aber auch einschneidende Ereignisse werden mit Hilfe von Geschichten thematisiert, zum Beispiel Familienzuwachs, Umzug, Einschulung oder auch Trennung und Verlust.

Den Eltern ist das bewusst. So sagt knapp die Hälfte der Befragten, dass sie Bücher und Geschichten bewusst auswählen, um ihren Kindern bei der Bewältigung von tiefgreifenden Erlebnissen zu helfen.

Und obwohl Dreiviertel der Eltern sagen, dass sie die gemeinsame Vorlese-Zeit mit ihren Kindern genießen, lesen deutsche Eltern ihren Kindern zu wenig vor

Wie aus der “Vorlesestudie 2013” hervorgeht wird in 30 Prozent der Familien mit Kindern im Vorlesealter von zwei bis acht Jahren selten oder gar nicht vorgelesen. Dies gilt besonders für Haushalte aus bildungsfernen Schichten. Ebenso lesen Väter ihren Kindern deutlich seltener vor als Mütter: Während 29 Prozent der Mütter ihren Kindern täglich vorlesen, machen dies nur neun Prozent der Väter.

“Das Vorlesen muss nach wie vor gefördert werden”, bilanziert Leseforscherin Ehmig.

Denn Vorlesen ist ein uneinholbares Startkapital. Es fördert Kinder auf vielen Ebenen: kognitiv, emotional und sozial.

 

(ujo)