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02/08/2018 14:00 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 14:00 CEST

Das Leben in vollen Zügen genießen

Natürlich konnte die Bahn nicht wissen, dass in Bayern und Baden-Württemberg die Ferien begonnen haben. Ist ja ein streng gehütetes Geheimnis. Trotzdem wäre es vielleicht eine gute Idee gewesen, an diesem ersten großen Ferienwochenende etwas längere Züge am Münchner Hauptbahnhof bereit zu stellen. Denn: Der Bahnsteig sah genau so aus, wie man sich Ferienbeginn vorstellt: rappelvoll mit Reiselustigen. Rucksacktouristen, Kleinfamilien, Großfamilien, Senioren mit Wanderstöcken, Kids mit dröhnenden Kopfhörern; Menschen mit wandschrankgroßen Koffern, Mütter mit Kinderwägen, Teenies mit Döner-Tüten. Alt, jung, klein, groß, laut, leise. Alles da. Alles sehnsüchtig wartend, auf den Zug in den Urlaub.

Gunther Matejka

Als dann mit zehnminütiger Verspätung der ICE einlief, war das aber: ein auffallend kurzer Zug – was zu einer hitzigen Schlacht unter der Reisegesellschaft beim Einsteigen führte. Ist ja klar: wer flugs drin ist, hat die Chance auf einen Sitzplatz. Wer’s verpennt: steht. So wie ich. Der Zug war innerhalb von drei Minuten so was von voll, dass selbst die Schaffner nur mehr mit Mühen durchkamen. Einem davon, ein netter, Sächsisch sprechender Mann mittleren Alters, stellte ich die Frage, warum die Bahn zu Ferienbeginn einen so kurzen Zug einsetze? Die famose Antwort: „Das ist von der Bahn halt so geplant.“ Aha, verstehe, alles klar. Klar war für mich aber auch, dass ich so – stehend, eingepfercht – die gut sechsstündige Fahrt nach Hamburg nicht überleben würde – und verließ das menschenverachtende Verkehrsmittel fluchtartig.

Gunther Matejka

Nie vorher war der Bahnsteig mit seiner frischen Luft und dem plötzlichen Überangebot an Platz ein schönerer Ort. Also den späteren Zug. Zumal meine frühere Variante immer noch massiv vor sich hinstand und bereits eine 35-minütige Verspätung ausgab. Und: für den anderen, den späteren ICE hatte ich ausnahmsweise – hatte ich den Ferienbeginn in Bayern schon erwähnt? – eine Platzreservierung gebucht. Beschwingt beförderte ich also meinen Koffer, meine Tasche, meine Flasche Mineralwasser plus Reiselektüre zum benachbarten Bahnsteig, an dem – überpünktlich –  der Intercity gerade einrollte. Waggon 24, Platz 22. Ein gutes Gefühl, das mir noch einen Zwischenstopp beim nächsten Kaffeestand erlaubte. War schon eine gute Idee mit der Reservierung.

Denn an dem Bahnsteig zeigte sich das gleiche erschreckende Bild mit einer Unzahl an Rucksacktouristen, Senioren, kleinen und großen Familien. Mein von der Bahn zugewiesener Platz war, wie ich später erfuhr, in einem „Kinder-Waggon“. Bis dato wusste ich gar nicht, dass es das überhaupt gibt. So viel vorab: Wer gerade keine Kleinkinder zu seinem familiären Umfeld zählt und zufälligerweise nicht über Nerven aus meterdicken Stahlseilen verfügt, sollte diesen Ort unbedingt meiden. Nicht, dass ich etwas gegen Kinder hätte. Keinesfalls. Ich liebe diese kleinen phantasievollen und verspielten Geschöpfe. Ich mag ihre Unverstelltheit, ihre vorurteilsfreie Unbekümmertheit, ihre pure Lust am Leben. Diese Lebenslust kann bei einer sechsstündigen Zugfahrt in einem hoffnungslos überfüllten ICE allerdings die Hölle sein, wenn die Eltern ihre kleinen Lieblinge zu immer weiteren Glanztaten an der Kindertröte ermutigen. Oder wenn das zweijährige rhythmische Naturtalent –natürlich direkt hinter mir sitzend – mit seinen Stiften ein Trommelsolo nach dem anderen an meiner Rücklehne spielen darf. Bei den erschrocken dreinblickenden Eltern machte ich mich etwas unbeliebt, als ich recht humorlos um Einhalt bat: Die Fahrt in diesem rollenden, heillos überfüllten Chaos sei ja ohnehin schon nervig genug, sagte ich. Sie hatten ein Einsehen.

Letztlich kriegten die armen Mamis und Papis aber ab, was sich an Ärger über die Bahn aufstaute: Kurzzüge zu Ferienbeginn. Technisches Versagen. Rappelvolle Züge. Zugabsagen. Streckensperrungen. Und dazu ein Zugführer, der – garantiert irgendwo gemütlich sitzend – gut gelaunt Durchsagen machte und etwas von „hilft ja nicht“, „da müssen wir jetzt durch“, „meckern hilft auch nicht“ zynisch nuschelte. Mit zwei Stunden Verspätung kam ich – nervlich ein Wrack – in Hamburg an.