POLITIK
10/07/2018 12:22 CEST | Aktualisiert 11/07/2018 08:54 CEST

Wie der Mythos ums Jungfernhäutchen Frauen in Geiselhaft nimmt

Frauen tricksen mit Kunstblut und teuren OPs, um dem Zorn der Männer zu entgehen.

kieferpix via Getty Images

Es ist ein Mythos. Ein Symbol für Keuschheit, Unschuld und Ehre. Ein biologisches Machtinstrument.

Dabei ist es nur ein Hautfetzen.

Der Mythos ums Hymen, vulgo Jungfernhäutchen, treibt die Menschen seit Generationen um und scheint in Deutschland jetzt ein Revival zu erleben. Er lautet: Beim ersten Sex wird das Jungfernhäutchen einer Frau beschädigt und blutet.

Jungfräulichkeit sei “ein Riesenthema” unter Jungen und Mädchen, sagt die Kölner Therapeutin Susan Bagdach. Sie ist eine der bekanntesten Beraterinnen fürs das Thema in Deutschland, leitet seit vielen Jahren Workshops für Mädchen und Frauen zu Empowerment und sexueller Selbstbestimmung. 

Bagdachs Eindruck ist, “dass das Thema wie ein permanentes Summen über den jungen Menschen hängt. Und dass dieses Summen in den letzten Jahren lauter geworden ist”.

Die Logik: Kein Blut gleich Schlampe

Menschen, die Sex ohne religiösen oder amtlichen Segen für Teufelszeug halten, glauben, dass eine Frau in der Hochzeitsnacht bluten muss. Und zwar so, dass man am Morgen danach das befleckte Betttuch präsentieren kann.

Die Logik: Blut gleich ehrbare Frau. Kein Blut gleich Schlampe. Also gleich Frau, die verachtet, verstoßen oder im Extremfall zur Wiederherstellung der Familienehre umgebracht wird. 

Einige Sozialarbeiter und Ärzte in der Bundesrepublik berichten von mehr und mehr Frauen voller Panik, die nicht als Jungfrau in die Ehe gehen.

Von Frauen, die sich deswegen Packungen mit Kunstblut in die Vagina stecken. Von Frauen, die für hunderte Euro in einer Operation zusammenflicken lassen, was nicht zusammen gehört. 

Und trotzdem lebt der Mythos weiter. 

Was das Thema wieder groß gemacht hat

Warum das Thema so groß geworden ist, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Bagdach sagt: “Das Bedürfnis nach Treue scheint größer als früher, bei Mädchen wie Jungen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass es so viele Ungewissheiten in der modernen Gesellschaft gibt, vielleicht ist es eine Art Auflehnen gegen die Hippie-Generation der Eltern. Vielleicht spielt es eine Rolle, dass Menschen verschiedenster Herkünfte zusammentreffen.” Migration sei ihrer Erfahrung nach nicht die Ursache.

Bei Terre des Femmes sieht man da dagegen schon einen Zusammenhang, ebenso argumentiert der Gynäkologe Robinson Ferrara aus Rheinland-Pfalz, der viel mit dem Thema zu tun hat.

Beim Berliner Landesverband von Pro Familia beobachtet man, dass sich nicht nur, aber vor allem Mädchen aus der zweiten Generation von Einwandererfamilien zum Thema beraten lassen.

Die fatalen Traditionen

 “Das hat nichts mit Religion zu tun”, glaubt Bagdach. “Vielmehr gibt es bestimmte Landstriche, in denen die Tradition fordert, dass das Bettlaken nach dem ersten Sex Blut befleckt ist.” Bagdach hat deutsche Christinnen wie Jesidinnen und Musliminnen getroffen, die wegen des Mythos unter Druck standen.

Ärzte berichten der HuffPost allerdings, dass es vorwiegend Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis oder türkischem Hintergrund seien, die das Thema umtreibe.

 “Dieser Mythos beeinflusst das ganze Leben”

Die Frage, ob das Hymen unbeschädigt ist oder nicht, belastet Mädchen und Frauen nicht erst zur Hochzeit. Der Gedanke, dass sich intimste Geheimnisse nicht vor Ärzten, Verwandten oder dem Ehemann bewahren lassen, verfolgt viele Mädchen von Anfang der Pubertät an.

Es geht um das Gefühl, ihre Sexualität sei kontrollierbar, aber auch um die Frage nach der Benutzung von Tampons, um das Körpergefühl an sich.

Bagdach sagt über die Mädchen: “Sie erkunden ihren Körper nicht selbst, aus Angst, etwas kaputt zu machen, was es gar nicht gibt.”

Viele Mädchen trauten sich nicht, einen Spagat zu machen, lernten nicht reiten, aus Angst, dieses “Ding” könne kaputtgehen, sagt Bagdach. Mit anderen Worten: “Dieser Mythos beeinflusst das ganze Leben.”

Selbst Vergewaltigungsopfer sorgen sich um ihr Hymen

Besonders fatal: Selbst Frauen, die vergewaltigt wurden, sind wegen ihres Hymens verzweifelt. Als hätten sie nicht genug andere Sorgen.

“Ich finde es furchtbar”, sagt Bagdach. Statt dass die Frauen sich darum kümmern könnten, die Gewalterfahrung zu verarbeiten, überlegten sie sich, wie sie sich schnellstmöglich zunähen lassen könnten.

Bagdach spielt auf die sogenannte Hymen-Rekonstruktion an. Wobei der Begriff Wiederherstellung, den Ärzte da verwenden, angesichts der Biologie einigermaßen irreführend ist.

Wo zusammenkommt, was nicht zusammengehört 

Die Mediziner nähen, in der Regel unter lokaler Betäubung, die Fragmente des Hymens zusammen. Ist das Hymen zu klein, können die Ärzte Gewebe aus der Scheidenwand dafür verwenden. 

Wie oft diese Operation in Deutschland durchgeführt wird, ist nicht bekannt. Der Eingriff ist keine Kassenleistung und taucht damit in den Zahlen der gesetzlichen Versicherer nicht auf. In den Statistiken der zuständigen Vereinigung der ästhetisch-plastischen Chirurgen (VDÄPC) wird die OP nicht separat ausgewiesen.

Wie das Jungfernhäutchen wirklich aussieht

  • Das Hymen ist ein Schleimhautsaum am Eingang der Scheide, der die Vagina des Embryos verschließt und sich noch vor der Geburt zu einem Hautkranz öffnet, der kaum wahrnehmbar winzig oder ausgeprägt sein kann.
  • Bei den meisten der neugeborenen Mädchen sieht diese Haut wie ein glatter Ring aus, bei den anderen wie ein deutlich fransiger Ring.
  • Nur im einstelligen Prozentbereich liegt der Anteil der Mädchen, deren Hymen an einer oder mehreren Stellen zusammengewachsen ist, sodass die Schleimhaut zwei größere oder mehrere kleine Löcher lässt.
  • In extrem seltenen Fällen kann die Schleimhaut vollständig zugewachsen sein. Sind die Löcher zu klein oder nicht vorhanden, müssen sie vom Arzt vergrößert werden, damit Scheidensekret und Menstruationsblut abfließen können.

Was das Bluten wirklich aussagt

  • Blutet eine Frau beim Sex, muss das nicht vom Hymen kommen – die ganze Vagina ist mit Schleimhaut ausgekleidet, die bluten kann. Ähnlich wie die Mundschleimhaut beim Zähneputzen.
  • Das heißt: Eine Frau kann beim ersten Mal bluten oder nicht. Und beim x-ten Mal wieder bluten oder nicht. Die Aussagekraft der Bluterei ist gleich Null.
  • Und wenn eine Frau nicht gerade eine höchst seltene Verwachsung des Hymens hat, ist die Aussagekraft der Form des Jungfernhäutchens ebenfalls gleich Null. 

Gynäkologe Ferrara bietet den Eingriff offen an. “Ich bekomme fast wöchentlich eine Anfrage zur Hymen-Rekonstruktion. Das ist fast doppelt so viel wie noch vor ein paar Monaten”, sagt er.

Eine Privatklinik in München wirbt damit, seit 1995 mehr als 3500  Hymen-Rekonstruktionen durchgeführt zu haben, das wären mehr als 150 im Jahr.

Aberhunderte Euro für eine Lüge

Kostenpunkt: Niedergelassene Gynäkologen böten die OP teils für ein paar Hundert Euro an, sagt Experte Ferrara. Doch viele Kliniken verlangen dafür mehr als 1000 Euro, in München sind Patientinnen teils mit 2200 Euro für den ambulanten Eingriff dabei.

Die Angst der Frauen ist auch ein Geschäft.

Noch dazu mit fraglichem Erfolg. Der VDÄPC verweist bei Fragen zum Thema an den Münchner Intimchirurgen Dominik von Lukowicz. Er sagt, er könne keine Angaben darüber machen, wie zufrieden die Frauen mit dem Ergebnis der Operation seien, er habe noch keine einzige Rückmeldung der Betroffenen bekommen.

“Warum soll ich solche Schauspielerei unterstützen?”

Die Eingriffe sind höchst umstritten. Lukowicz sagt: “Ursprünglich habe ich selbst gesagt, so einen Quatsch mache ich nicht mit, warum soll ich solche Schauspielerei unterstützen?”

Aber eine völlig verängstigte Frau sei ein Opfer, das einer Bedrohung ausgesetzt sei. In solchen Fällen versuche er dann eben nicht, der Frau die Behandlung auszureden.

Gynäkologe Ferrara sagt: “Ich versuche, wirklich nur die Patientinnen zu operieren, die unter sehr großem Druck stehen, und nur Frauen ab 18.”

Wenn die Operation als Emanzipation verkauft wird

Manche Ärzte scheinen allerdings wenig zurückhaltend zu sein, wenn es ums Geld geht. Während Experten sagen, nur etwa jede zweite Frau blute beim ersten Mal, suggeriert ein Münchner Mediziner, der den Eingriff anbietet, auf seiner Website, dass das Hymen meist reiße und es “in der Regel” dann auch deutlich sichtbar blute.

Eine Nürnberger Klinik schreibt gar, die Wiederherstellung des Jungfernhäutchens sei ein Thema, weil das “Selbstwertgefühl und die Selbstständigkeit der Frauen” stetig steige. Die Klinik nennt die Operation beschönigend “Versorgung”.

Da verkauft also ein Krankenhaus die Tatsache, dass Frauen glauben, nur zugeflickt heiraten zu können, als Emanzipation. 

“Jede Operation befeuert den Mythos”

Gynäkologe Ferrara sagt: “Wenn man es streng sieht, kann man sagen, dass jede Operation den fatalen Mythos befeuert und die üble Haltung, dass ein Mann keine ‘benutzte’ Frau heiraten könne.”

Terre des Femmes fordert daher, die Operationen nur in Fällen “extremen psychischen Drucks” durchzuführen. In Extremfällen solle die Operation dann auch bezahlt werden. 

Das Rinderblut aus der Konserve

Wer sich nicht operieren lassen kann oder will, hat noch eine andere Möglichkeit.

Die baden-württembergische Firma Virgina Care verkauft angebliche Jungfräulichkeit für 53,50 Euro. Made in Germany. Und halal, also Islam-konform, soll es auch sein. 

Online bekommen die Kundinnen ein “künstliches Jungfernhäutchen”, laut Hersteller ein mit Rinderblutpulver gefülltes Zelluloseblättchen, das sich die Frauen einige Zeit vor dem Sex einführen. Die Zellulose löse sich auf, das Pulver vermische sich beim Sex mit den Sekreten in der Scheide. 

“Du solltest so spielen, als hättest Du Schmerzen”

Besonders perfekt soll die Vorstellung mit diesemTipp des Herstellers werden: “Du solltest Dich in deiner Hochzeitsnacht verkrampfen und so spielen, als hättest Du Schmerzen. Den eigentlichen Effekt bringt dir dann VirginiaCare durch die Blutspuren, die dein Mann am Glied hat und am Bettlaken zu sehen sind.”

Die Pressesprecherin von Virgina Care sagt, die Firma verkaufe immer mehr der Blutpäckchen, weil sich das Thema herumspreche. Die Firma mutmaßt, dass die Nachfrage im europäischen Raum auch an der Einwanderung aus muslimischen Ländern liegen könne.

Die Produkte würden vor allem an Frauen verschickt, deren Namen man dem muslimischen Kulturkreis zuordne. 

“Zwiespältige Geschichte”

Die Pressesprecherin gibt zu, dass das Fake-Blut “eine zwiespältige Geschichte” sei. Aber der Mythos werde nie ganz wegzukriegen sein.

Die Logik: Faken ist besser als operieren ist besser als sich der Wut der Familie aussetzen. 

Für den Einzelfall stimmt das wohl auch. 

Das Fatale ist nur, dass der gefräßige Mythos mit jeder blutenden Jungfrau neues Futter erhält. 

Bagdach hält daher Operationen wie Fake-Blut für einen “hundertprozentigen Rückschritt”. “Das ist Pathologisierung und Bereicherung auf dem Rücken von Mädchen- und Frauenkörpern, mit Medizin und Heilung hat das nichts zu tun.”

Sie warnt, die Hymen-Rekonstruktionen könne bei Menschen, die sexualisierte Gewalt erleben mussten, außerdem zu einer erneuten Traumatisierung oder Retraumatisierung führen.

Aufklärung? Kaum vorhanden

Durchbrechen lässt sich dieser Kreislauf aus Druck, Angst und Lüge nur durch Aufklärung.

Myria Böhmecke von Terre des Femmes sagt: “Wir beobachten, dass die Unwissenheit in Sachen Hymen in der ganzen Bevölkerung Deutschlands groß ist. Wir bräuchten sehr viel mehr Aufklärung an den Schulen, um den Mythos zu beseitigen.”

Noch besser fände sie, die Eltern der betroffenen Mädchen aufzuklären, “aber an sie heranzukommen, ist unendlich schwer”.

Mit einer Broschüre gegen den Blödsinn

Bleibt also die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. In Köln hat der Verein Holla, deren Geschäftsführerin Bagdach ist, eine lesenswerte Broschüre mit dem Titel “Mythos Jungfernhäutchen” herausgegeben, mit Infos zum Hymen, zum Mythos und Tipps, was man sagen kann, wenn jemand wissen will, ob man noch Jungfrau ist.

Wie bitter nötig solch eine private Initiative ist, zeigt eine Anfrage der HuffPost bei den Kultusministerien der Bundesländer. Die HuffPost wollte wissen, ob die Aufklärung über den Mythos Teil des Lehrplans ist.

Aufklärung ist Glücksache

Das Ergebnis: In aller Regel entscheiden die Lehrer selbst, was genau sie den Kindern erzählen. Oder von externen Experten erzählen lassen.

Aus Sachsen etwa heißt es, Themen vorzugeben, sei nicht sinnvoll. Die Schule könne nicht “Verantwortung für alle möglichen Gefahren, die im späteren Leben eines jeden Schülers erwachsen können” übernehmen.

Mit anderen Worten: Schulbehörden diktieren ihren Lehrern teils noch die Schreibschrift bis zum letzen Schnörkel, die Kinder lernen sollen. Aber Basics der Sexualaufklärung werden dem Ermessen überlassen.

Da muss Deutschland ran. Sonst wird Bagdach noch in zehn Jahren sagen müssen: “Es ist Wahnsinn, was an diesem Stück Schleimhaut alles dranhängt. Welche Mythen, welcher Druck, welche Unterdrückung.”

(jds)