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10/12/2018 17:59 CET | Aktualisiert 10/12/2018 18:00 CET

Das ist das erste Secondhand-Einkaufszentrum der Welt – so sieht es darin aus

Alles bei ReTuna wurde recycelt, wiederverwertet oder nachhaltig produziert.

ReTuna
Alles im ReTuna-Einkaufszentrum ist wiederverwertet.

Cato Limås strahlt vor Glück. In der Hand hält er eine weiße Papiertüte voller Spielzeug und Porzellan-Souvenirs. Er und seine Freundin haben diese Sachen für ihr neugeborenes Baby ausgesucht.

Die beiden sind vor knapp einer Stunde im ReTuna Einkaufszentrum angekommen, das sich in einem zweistöckigen Gebäude am Stadtrand von Eskilstuna befindet. Die schwedische Kleinstadt liegt an einem Fluss und liegt  ungefähr 120 Kilometer westlich von Stockholm.

“Es macht Spaß, Dinge zu entdecken, die andere Leute bereits benutzt haben und die wir jetzt weiterverwenden können”, sagt Limås. Zum Beweis packt er eine ungewöhnliche Sparbüchse in Form einer Kuh aus. “Die Dinge, die hier verkauft werden, sind so gut wie neu. Warum sollte man also etwas Neues kaufen?”

Limås und seine Freundin sind zum ersten Mal hier. Das Paar hat die 90-minütige Autofahrt von seinem Wohnort aus in Kauf genommen, nachdem Limås das Einkaufszentrum zufällig in einem YouTube-Video entdeckt hatte.

99 Prozent des Hausmülls wird in Schweden recycelt

Bisher haben die beiden für ihre Einkäufe insgesamt knapp 7 US-Dollar ausgegeben. Das seien “in etwa” die Kosten für einen Kaffee und eine schwedische Zimtschnecke, lacht Limås. Er weist jedoch auch darauf hin, dass es ihm nicht in erster Linie ums Geld gehe.

HuffPost / Maddy Savage
Cato Limås und seine Freundin.

“Es geht um Ressourcen. Dinge wiederzuverwerten, ist einfach eine gute Sache”, erklärt er mit Nachdruck.

Schweden ist schon lange für seine Bemühungen um Nachhaltigkeit bekannt. Die Schweden recyceln mehr als 99 Prozent des normalen Haushaltsmülls –wobei 50 Prozent dieses Mülls zur Energiegewinnung verbrannt werden.

Den Müll zu trennen und ihn in Wohnanlagen in verschiedene Container zu werfen oder bei Recycling-Stationen abzugeben, gehört für die meisten Schweden bereits seit den 1980er-Jahren zur wöchentlichen Routine.

Seit einiger Zeit ist jedoch auch die Nachfrage nach Bioprodukten enorm angestiegen. Außerdem erfreut Urban Gardening sich wieder einer zunehmenden Beliebtheit. Darüber hinaus hat Schweden ein Gesetz erlassen, das festlegt, wie das Land bis zum Jahr 2045 klimaneutral werden will.

“Obwohl den Menschen Nachhaltigkeit durchaus am Herzen liegt (...), konsumieren wir noch immer zu viel. Wir leben weit über unseren Verhältnissen” Rosanna Endre, Greenpeace

In der heutigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft muss das nordische Land jedoch genauso gegen die Auswirkungen von Massenkonsum ankämpfen wie alle anderen Länder auch.

Laut einem aktuellen Bericht des World Wildlife Fund (WWF) würden wir 4,2 Planeten brauchen statt nur einem, wenn die ganze Welt so konsumieren würde wie die Schweden.

“Obwohl den Menschen Nachhaltigkeit durchaus am Herzen liegt (...), konsumieren wir noch immer zu viel. Wir leben weit über unseren Verhältnissen”, erklärt Rosanna Endre, eine Projektleiterin für Greenpeace Schweden. “Wir veranstalten ja noch immer den Black Friday.”

Erstes Einkaufszentrum der Welt, das den Fokus auf nachhaltiges Einkaufen legt

ReTuna feierte vor kurzem seinen dritten Geburtstag. Das Einkaufszentrum wurde entwickelt, um auf lokaler Ebene eine Lösung gegen den steigenden Konsum zu finden.

Eskilstuna sollte durch die Aktion als “grünes Vorbild” für andere schwedische Städte beworben werden. ReTuna ist das erste Einkaufszentrum auf der Welt, das seinen Fokus auf nachhaltiges Einkaufen legt. Betrieben wird es von einem städtischen Energieunternehmen.

Bislang sind in vielen Städten Secondhand-Läden überall im Stadtgebiet verteilt. Das Einkaufszentrum bringt stattdessen verschiedene Nischengeschäfte unter ein Dach. Dadurch soll den Kunden umständliche Weg ersparen und sie dazu bringen, weniger online shoppen zu müssen

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Fast alle der angebotenen Waren stammen aus öffentlichen Spenden. Sie werden von Bewohnern der Stadt direkt zur Annahmestelle des Einkaufszentrums gebracht, das direkt neben der größten Recycling-Anlage von Eskilstuna liegt.

Angestellte von ReTuna sortieren anschließend ähnliche Gegenstände in die Lagerbereiche der 11 Geschäfte des Einkaufszentrums ein. Zu diesen Läden gehören unter anderem ein Möbelausstatter, ein Fahrradgeschäft und ein Buchladen.

Wer einen Laden eröffnet, verpflichtet sich auch, keinen Müll zu produzieren

“Ich habe eine eigene Liste mit Dingen, die ich für meine Läden brauche. Darauf steht beispielsweise Keramik. Wenn also eine Kiste mit Geschirr abgegeben wird, stellt man sie mir in meine kleine Abteilung”, erklärt Maria Larsson, die die Läden für Haushaltswaren und Pflanzen leitet.

HuffPost / Maddy Savage
Maria Larsson in ihrem Laden

Larsson hat gerade den kompletten Vormittag damit verbracht, die neu angekommenen Waren in der riesigen Betonlagerhalle zu durchsuchen.

Gegenstände, von denen sie glaubt, dass man sie nicht mehr verkaufen kann, legt sie für andere Läden zur Seite – wie beispielsweise angeschlagene Glasvasen, die man noch zur Aufbewahrung von Blumen in der Schaufensterdekoration verwenden könnte.

Als ich dann von ReTuna erfahren habe, bin ich 600 Kilometer zurück nach Hause gezogen. Ich habe meinen Job und alles aufgegeben, nur um diesen Laden eröffnen zu können. Maria Larsson, Ladenbesitzerin

“Wenn man hier einen Vertrag [zum Betrieb eines Ladens] unterzeichnet, verpflichtet man sich auch zu unserem Vorhaben, keinerlei Müll zu erzeugen. Denn genau das wollen wir erreichen. Natürlich funktioniert das nicht immer, doch wir bemühen uns wirklich sehr darum”, erklärt Larsson, während sie eine rote Kaffeetasse inspiziert.

Die 27-jährige Maria Larsson gehört zu den 50 Mitarbeitern, die in dem Komplex beschäftigt werden. Sie ist in Eskilstuna aufgewachsen. Bevor sie sich ihrer neuen Rolle widmete, hat sie als Gärtnerin in Südschweden gearbeitet.

Das Einkaufszentrum schafft auch Arbeitsplätze für Einwanderer

“Ich liebe Second-Hand. Alles, was ich habe, stammt aus zweiter Hand – sogar meine Katzen! Als ich dann von ReTuna erfahren habe, bin ich 600 Kilometer zurück nach Hause gezogen. Ich habe meinen Job und alles aufgegeben, nur um diesen Laden eröffnen zu können.” 

Das Einkaufszentrum engagiert sich auch für die Schaffung von Arbeitsplätzen für Einwanderer, die zum ersten Mal in den schwedischen Arbeitsmarkt hineinschnuppern wollen.

Wir retten die Umwelt, wir schaffen Arbeitsplätze und wir bieten Produkte für Menschen mit einem geringen oder mittleren Einkommen an. (…) Für mich ist das eine eindeutige Win-Win-Situation. Amjad Al Chamaa, Ladenbesitzer

Viele der Läden nutzen ein nationales Programm, das die Gehälter von neu hinzugezogenen Einwanderern für bis zu zwei Jahre subventioniert. Darüber hinaus bietet das Einkaufszentrum auch Weiterbildungsmaßnahmen für Erwachsene im Bereich designbasiertes Recycling an.

Im Eröffnungsjahr 2015 lag der Umsatz bei ungefähr 275.000 US-Dollar. Im Jahr 2017 ist er bereits auf 1,12 Millionen US-Dollar angestiegen.

“Wir retten die Umwelt, wir schaffen Arbeitsplätze und wir bieten Produkte für Menschen mit einem geringen oder mittleren Einkommen an. (…) Für mich ist das eine eindeutige Win-Win-Situation”, findet der 34-jährige Amjad Al Chamaa.

HuffPost / Maddy Savage
Amjad Al Chamma verkauft alte Elektrogeräte.

Er wurde in Syrien geboren und leitet jetzt einen Laden, in dem alte Elektrogeräte verkauft und Reparaturdienstleistungen angeboten werden. 

ReTuna setzt einen Nachhaltigkeits-Trend, der auch in den USA und Finnland aufgegriffen wird

Obwohl ReTuna das erste Einkaufszentrum dieser Art ist, entstehen weltweit immer mehr solcher Einrichtungen. Die Konsumenten sollen dazu angeregt werden, nicht immer alles sofort neu kaufen und Gegenstände, die sie nicht mehr brauchen, zu spenden.

► Das knapp 2.000 Qaudratkilometer große ReUse Center in Ann Arbor im US-amerikanischen Bundesstaat Michigan gehört zum Beispiel zu den größeren Initiativen in den USA. Dort werden vor allem gebrauchte Haushaltsgeräte sowie Baumaterialien und Gartengeräte verkauft.  

► In Finnland hat kürzlich eine Kette großer Second-Hand-Märkte namens Kierrätyskeskus eröffnet, in denen neben Möbeln und Elektroprodukten auch Gebrauchsgegenstände wie Bücher und Textilien verkauft werden.  

Das Problem ist, dass viel zu wenige Produkte tatsächlich in Secondhand-Läden landen. Denn heutzutage wird vieles in so minderwertiger Qualität produziert, dass es keiner mehr in einem Gebrauchtwarenladen weiterverkaufen will. Rosanna Endre, Greenpeace

Umweltschützern diskutieren jedoch, inwiefern sich solche Initiativen angesichts der weltweit profitorientierten Massenproduktion auf lange Sicht positiv auswirken können.

“Das Problem ist, dass viel zu wenige Produkte tatsächlich in Secondhand-Läden landen. Denn heutzutage wird vieles in so minderwertiger Qualität produziert, dass es keiner mehr in einem Gebrauchtwarenladen weiterverkaufen will”, sagt Rosanna Endre von Greenpeace Schweden. 

Endre ist der Meinung, dass stärkere Bemühungen von Seiten der Politik und der Industrie nötig wären. Es müsse mehr darauf geachtet werden, dass Unternehmen Produkte herstellen, die man leicht reparieren oder wiederverwerten könne.

Ziel muss sein: Das Konzept von Wegwerfprodukten abzuschaffen

“In vielen Köpfen herrscht die Vorstellung, dass man unbedingt immer neue Sachen kaufen muss. Die Unternehmen müssten diese Idee verändern und andere Wege finden, um damit Geld zu verdienen”, so Endre.

Andere Non-Profit-Organisationen gehen das Problem direkt an. Eine davon ist das Institut Cradle-to-Cradle, das von dem US-amerikanischen Architekten William McDonough und dem deutschen Chemiker Michael Braungart gegründet wurde.

Das Institut bietet Open-Source-Bildungsprogramme für Unternehmen in den USA und in Europa an, die auf der Suche nach Materialien und Techniken sind, mit denen sie nachhaltige Konsumgüter herstellen können, die einen langfristigen Wert haben.

“Ziel ist es, das Konzept von Wegwerfprodukten abzuschaffen und stattdessen erneuer- und recycelbare Produkte zu entwickeln”, erklärt Thijs Maartens, der als Senior Engagement Manager für die Organisation tätig ist.

Maartens gibt jedoch zu, dass es eine Weile dauern könne, bevor sich auf dem Massenmarkt etwas bewegen werde.

Das Geschäft mit Secondhand boomt 

“Wir versuchen noch immer herauszufinden, welche Voraussetzungen [erforderlich wären], um eine effiziente nachhaltige Kreislaufwirtschaft aus der Sicht von Herstellern und Produktion realisieren zu können”, erklärt Maartens. “Im Moment ist es also auf gewisse Weise ein Vertrauensvorschuss.” 

In der Zwischenzeit entwickeln sich Projekte wie ReTuna in Eskilstuna immer besser. Das liegt vor allem daran, dass es vielen Menschen Spaß zu machen scheint, dort einzukaufen.

Das schwedische Einkaufszentrum baut gerade einen neuen Lagerbereich auf. Auf dem bisherigen Gelände soll Platz für weitere Läden geschaffen werden. Und in vielen anderen Gemeinden in verschiedenen Teilen des Landes sind bereits ähnliche Projekte in Planung.

“Man hat nicht den Eindruck, auf einen Flohmarkt zu gehen. Es fühlt sich eher so an, als würde man in ein schickes Geschäft gehen, in dem man schnell fündig wird”, berichtet die 40-jährige Kundin Terese Nordqvist. Sie lebt zwar 400 km von dem Einkaufszentrum entfernt, doch sie schaut regelmäßig dort vorbei, wenn sie ihre Eltern in Eskilstuna besucht.

“Es ist gut für die Umwelt und man kann nie wissen, welche Schätze man dort entdeckt.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(ujo)