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28/10/2018 10:56 CET | Aktualisiert 28/10/2018 11:04 CET

Ich habe 2 Wochen lang ohne Internet gelebt – ihr solltet es auch tun

Mehr Übersicht, mehr Konzentration, mehr Zeit.

Westend61 via Getty Images
Die Regeln des Selbstversuchs: Alle Webbrowser sind verboten, genauso wie alle Programme und Apps, die Internetverbindung brauchen.

“Tut mir leid, da müssen Sie schon online nachschauen”, sagt mir der Verkäufer entschuldigend, als ich spüre, wie der Frust meine Halsschlagader erreicht.

“Würde ich ja gern!”, werfe ich ihm vor die Füße und gehe lieber schnell. Denn ich stecke mittendrin in der Wette mit meinen Freunden: Schaffe ich 2 Wochen ohne Internet?

Keine Suchfunktion, keine Sozialen Medien, kein Messenger, Cloud-Speicher, Handy-Navigation, E-Mails, Podcasts, Online-Banking, YouTube, Musikstreaming, Notiz-Apps oder Multiplayer-Games…Schon nach wenigen Stunden fühle ich mich genervt, gestresst und ausgegrenzt. Warum tue ich mir das nur an?

Und halte ich das wirklich volle 14 Tage lang durch?

Die Regeln des Selbstversuchs: Alle Webbrowser sind verboten, genauso wie alle Programme und Apps, die Internetverbindung brauchen. WLAN und mobile Datenverbindungen bleiben aus. Ausnahmen gibt es nur während der Arbeitszeiten (wichtige Team-Kommunikation, E-Mail), wenn es gar nicht anders geht.

Statt meiner Lieblingsmusik gibt es beim Aufstehen beklemmende Stille

Alles begann bei einem Bierabend unter Schulfreunden. Wir erinnerten uns an damals, an die Jahre vor der Jahrtausendwende, als wir noch durch Bibliotheken stöberten, uns jeden Samstagabend im Videoverleih trafen und unsere Telefone nur zum Telefonieren da waren. Offline ging das doch auch alles – irgendwie.

Seitdem hat das Internet die Welt verändert. Nicht von ungefähr nutzt jeder Deutsche das Netz etwa 46,2 Stunden pro Woche. Bei Jugendlichen sind es sogar 56 Stunden – also 8 Stunden pro Tag! Und als Autor für ein Online-Magazin komme ich wahrscheinlich auf einen noch höheren Wert.

► “Wetten, ich schaffe es auch noch ohne!”, behaupte ich in die Runde und starte damit einen Selbstversuch, der mein Leben gehörig auf den Kopf stellt.

► Schon der erste Tag beginnt im Chaos. Außer Arbeitskollegen und Bekannten Bescheid zu geben, habe ich mich überhaupt nicht vorbereitet.

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Und so laufen viele Routinen erst mal ins Leere: Statt meiner Lieblingsmusik gibt es beim Aufstehen beklemmende Stille – denn der Sound kommt sonst von einem Streamingdienst. Ein klassisches Radio besitze ich nicht mehr. Auch beim morgendlichen Einkauf stehe ich auf dem Schlauch, denn was ich brauche, habe ich immer in einer Online-To-do-Liste gespeichert. Und die Nachrichten-Runde zu Tagesbeginn entfällt ganz, weil es fast alles, was ich lese, mittlerweile nur noch online gibt.

Erste Erkenntnis: Ich verlasse mich sehr auf das Netz, um Informationen zu finden.

Den ersten echten Frustmoment erlebe ich, als ich herauszufinden versuche, wann meine Oma in den kommenden Tagen Geburtstag hat – ohne Cloudspeicher-Liste zermartere ich mein Gedächtnis und rufe dann doch kleinlaut bei meiner Tante an.

Erste Erkenntnis: Ich verlasse mich normalerweise offenbar sehr auf das Netz, um Informationen zu finden. Am zweiten Tag wird alles besser, verspreche ich mir und beginne, mir einen Überlebensplan zu machen.

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Der kalte Entzug setzt ein

Am Morgen des zweiten Tages lege ich mit Stift und Papier eine Einkaufsliste an, durchforste meine verstaubte CD-Sammlung nach Musik, nehme mir morgens im Kiosk eine Tageszeitung mit und setze mich ins Auto, um im Radio die Nachrichten zu hören. Erkenntnis Nummer 2: Das alles ist irgendwie unbequem und kostet viel, viel mehr Zeit.

Erkenntnis Nummer 2: Ohne Internet ist vieles irgendwie unbequem und kostet viel mehr Zeit. 

Für meinen Job bin ich gezwungen, die erste Ausnahme zu machen. Denn die Kollegen sind schon genervt, und ganz ohne Kalender, E-Mail und Teamchat geht es einfach nicht. Da ist der Rechner wieder hochgefahren und ich erwische mich selbst dabei, wie ich in der Mittagspause gedankenverloren auf ein YouTube-Video klicke.

► Wann um Himmels willen habe ich überhaupt den Browser geöffnet?

“Nur ein Ausrutscher”, rede ich mir ein. Doch das Schließen des Browser-Fensters fällt mir richtig schwer. In meinen Gedanken tobt die Angst, etwas zu verpassen: Meine 8 Podcasts, die kriege ich doch nie wieder eingeholt. Wissen wirklich alle meine Kontakte Bescheid? Ich update besser meinen Status… Mist, das geht ja auch nicht!

Erkenntnis Nummer 3: Viele Bereiche meines Lebens sind bereits ins Internet verlagert.

Erkenntnis Nummer 3 trifft mich wie ein Schlag. Mir wird auf einmal klar, wie viele Bereiche meines Lebens ich mittlerweile ins Internet verlagert habe. Und spüre deutlich: Ohne 24-Stunden-Vernetzung bin ich unruhig, gereizt und fühle mich außen vor.

Dabei habe ich doch sonst gar kein Problem mit dem Internet! Ist das noch normal?

Das sagt ein Therapeut zum Selbstversuch

Am Telefon bespreche ich die negativen Auswirkungen des Selbstversuchs mit Stephan Pitten. Der Psychotherapeut behandelt auch Patienten, die unter ihrem Internetkonsum leiden. Als Vorstandsmitglied des Fachverbandes Medienabhängigkeit e. V. wirbt er für einen bewussteren Umgang mit der heutigen Technologie und verschreibt sich selbst regelmäßig Offline-Tage:

“Wir merken heute kaum noch, wie viele Daten wir permanent verarbeiten und verwerten wollen. Das ist nicht nur Gewohnheit, denn das Internet hat ja auch einen starken Belohnungseffekt. Außerdem werden unsere Grundbedürfnisse – zum Beispiel Kontrolle und Orientierung – von digitalen Medien maximal bedient.”

Wie der moderne Mensch das Internet nutze, erklärt Stephan Pitten, ähnele nicht selten einer Prothese. Wir alle lagern ganz ursprüngliche Funktionen des Gehirns, etwa das Gedächtnis oder unser Bindungsstreben, teilweise aus.

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► Falle das plötzlich weg wie in meinem Selbstversuch, sei man auf sich selbst zurückgeworfen. Und dass diese Umstellung erst mal stressen kann, sei völlig normal:

“Problematisch wird es erst, wenn sich Gewohnheiten nicht wieder zurückbilden lassen. Einige Patienten etwa haben bereits nach Stunden Entzugssymptome – und sie halten nicht selten monatelang an.”

Mit Stephan Pittens Einordnung sehe ich der restlichen Zeit des Selbstversuchs gelassener entgegen. Und lerne in den folgenden Tagen immer mehr Vorteile meines Offline-Lebens schätzen.

Ich entdecke die Langeweile wieder – und lerne sie lieben

Am Ende der ersten Woche spüre ich langsam, wie meine Wahrnehmung sich verändert. Ich sitze im Café und genieße die Herbstsonne – während um mich herum alle nur auf ihre Smartphones starren.

“Was für Smombies”, denke ich unwillkürlich. Dabei gehörte ich vor 7 Tagen noch zu ihnen und hätte die Umgebung nicht einmal bemerkt. Und auch ich habe noch den Impuls, zwischendurch mal schnell online zu gehen. Doch was ich online tun würde, das weiß ich schon gar nicht mehr.

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Stattdessen lasse ich meine Gedanken schweifen und notiere mir – mit Stift und Papier – genau, wie sich mein Leben ohne Netz verändert. Und zwar so:

  • Mehr Übersicht (aber weniger Spontanes): Offline plane ich strukturierter voraus. Mein liebster Begleiter ist nun mein kleines Notizbuch, in dem ich Daten, Öffnungszeiten und Telefonnummern griffbereit aufschreibe. Damit fühle ich mich organisierter und behalte sogar mehr im Gedächtnis. Der Preis dafür ist, dass ich ohne Messenger und Soziale Medien spontane Anfragen von Bekannten einfach verpasse – oder gleich vergessen werde.
  • Mehr Konzentration (aber weniger Vielfalt): Offline sind Nachrichten deutlich weniger hektisch, so weiß ich Informationen mehr zu schätzen und verzichte auf Multitasking. Ich lasse mich ganz auf Musik oder komplexere Texte ein und arbeite sogar endlich meine Leseliste ab. Dafür informiere ich mich über deutlich weniger und verpasse Themen, nach denen ich von allein nie gesucht hätte.
  • Mehr Zeit für mich (aber alles auch unbequemer): Offline habe ich viel mehr Zeit für mich selbst. Aus anfänglicher Langeweile entdecke ich auch viel Neues. So betrete ich etwa spontan ein Kunstmuseum nahe meiner Wohnung, das mir vorher nie aufgefallen ist. In der Mittagspause unterhalte ich mich jetzt lieber mit Kollegen, statt einen Podcast anzuschalten. Dafür sind viele alltägliche Handlungen unbequemer: Warum etwa muss ich 4 CDs mit mir herumtragen, wenn ich 100-mal so viel Musik streamen könnte?

Würde ich es noch mal machen? Unbedingt!

Trotz einer gehörigen Portion Frust und Stress bin ich am Ende meines Selbstversuchs dankbar für die Erfahrung. Denn meine Bilanz von 14 Tagen ohne Netz kann sich sehen lassen: Ich habe einen Roman gelesen, war in 2 Museen und habe meinen alten Plattenladen wiederentdeckt. Außerdem kann ich jetzt den Drang, mich digital abzulenken, noch viel besser beherrschen.

Auch eine Erkenntnis: Das Internet hat unschlagbare Vorteile.

► Als ich mich am Morgen von Tag 15 wieder einlogge, überkommt mich trotzdem ein positiver Gefühlsschwall – ich bin erleichtert, fühle mich auf seltsame Weise wieder verbundener mit der Welt. Das Internet hat viele Vorteile, die ich nicht missen will, weil sie unschlagbar sind. Trotzdem weiß ich Wikipedia, YouTube und Co. jetzt auch ein wenig mehr und achtsamer zu schätzen.

Genau das ist der beste Schutz davor, dass ich jemals ein ernsthaftes Problem mit meinem Internetkonsum bekommen könnte, sagt auch Psychotherapeut Stephan Pittens.

Und das Beste daran: “Das kann jeder!” Also, worauf wartest du – wetten, du schaffst das?

Der Beitrag erschien zuerst bei “Perspective Daily”.