Mit das erste, was ich in Görlitz gesehen habe: Ein Stromkasten mit der Aufschrift "F*ck N*z*s"
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Mit das erste, was ich in Görlitz gesehen habe: Ein Stromkasten mit der Aufschrift "F*ck N*z*s"
LIFE
22/11/2018 21:18 CET | Aktualisiert 23/11/2018 08:31 CET

Was ich als Wessi bei meinem ersten Besuch im Osten gelernt habe

Im Osten nichts Neues.

Es ist ein sonniger Herbstnachmittag. Vorsichtig navigiert Tobias Ginsburg unser Auto durch die wunderschöne Innenstadt von Görlitz – eine große Baustelle blockiert die Durchfahrt, auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt bleiben wir kurz stehen und orientieren uns noch einmal neu. Ein Spaziergänger mit seinem Hund starrt neugierig durchs Autofenster zu uns hinein.

Wir fahren weiter, finden einen Parkplatz, steigen aus. Direkt vor uns, von der Sonne angestrahlt wie ein Heiligtum, ein Stromkasten, auf dem dick aufgesprüht ist: “F*ck N*z*s” – also “Fuck Nazis”.

Willkommen in Görlitz – der Stadt mit einem der aktivsten rechtsradikalen Netzwerke in Deutschland. Mein erster Ausflug in den Osten.

Als Wessi zum ersten Mal im Osten

Vor einigen Wochen saßen Tobias Ginsburg und ich gemeinsam in einem Café in München. Im März dieses Jahres hat er sein Buch “Die Reise ins Reich” publiziert, für das er sich mehrere Monate lang als der alternative Journalist Tobias Patera ausgegeben und unter Reichsbürger und rechte Gruppierungen gemischt hat. 

Nun erzählte er von seiner geplanten Vortragsreise durch Sachsen – unter anderem nach Pirna, Plauen und eben Görlitz – und fragte, ob ich ihn nicht begleiten wolle. 

“Na klar”, antworte ich.

Den Osten Deutschlands kenne ich, gebürtige Düsseldorferin und seit Jahren in München wohnhaft, ehrlich gesagt, noch gar nicht. Ich war nur zwei Mal auf einem Rock-Festival bei Erfurt, und das fand auf einem Feld mitten im Nirgendwo statt. Das hätte auch im Saarland, den Niederlanden oder der Walachei sein können. 

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Damals in Düsseldorf, zu meiner Teenie-Zeit, kannten wir den Osten höchstens aus Filmen wie “Sonnenallee” oder “Good Bye Lenin!”. Wir wussten, dass es so etwas wie eine “Ostalgie” gibt.

Wir wussten allerdings auch: Drüben ist es irgendwie ärmlicher als bei uns. Das wussten wir aus Witzen über “Dunkeldeutschland”, über den sächselnden Ossi, der mit dem Trabbi über die Grenze brettert, von Sprüchen wie: “Wir hatten doch nüscht.” Oder aus Liedern wie “Brandenburg” von Rainald Grebe:

“Es gibt Länder, in denen richtig was los ist – und es gibt Brandenburg.”

Im Osten sind die Nazis, dachten wir

Naja, und im Osten sitzen halt die Nazis. Das ist ja klar. Also, uns war das zumindest klar. Dass viel näherliegende Städte wie zum Beispiel Dortmund über eine sehr aktive Neonaziszene verfügen, hatten wir irgendwie nicht so auf dem Schirm, oder vielleicht haben wir uns den Osten nur einfach noch viel schlimmer vorgestellt: Städte voller dicker, glatzköpfiger Männer in Bomberjacken und Springerstiefeln, die im tiefsten Sächsisch Hassparolen gegen Ausländer brüllen.

Das ist natürlich alles Bullshit.

Aber so ein bisschen hängen geblieben sind diese Bilder schon – zumal auch heutzutage der Osten nicht allzu häufig mit positiven Schlagzeilen auffällt.

Mal laufen Rechtsradikale zum “Kanakenklatschen” durch Chemnitz, mal schlagen gleich 30 Personen auf zwei Flüchtlinge ein, mal werden Flugblätter mit ausländerfeindlichen Parolen verteilt. Im Osten wurde Pegida geboren, und nirgendwo sonst in Deutschland erreicht die AfD eine so hohe Anzahl von Stimmen wie in den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern.

Dementsprechend hatte ich natürlich eine gewisse, nun, sagen wir, Erwartungshaltung, als ich mich mit Tobias in Dresden getroffen habe, von wo aus wir gemeinsam nach Görlitz fuhren. Der Grund unserer Reise hat meine Aufmerksamkeit für die Klischees zusätzlich geschärft:

Schließlich würde Tobias in einem Görlitzer Restaurant abends aus seinem Buch lesen und über Reichsbürger sprechen – eine Gruppierung, deren Anhänger zu großen Teilen rechtsradikalen Ideologien nahestehen.

Deswegen ist es wohl kein Wunder, dass ich schon beim Eintreffen in Görlitz nach Spuren für oder gegen Rechtsradikale suche und mir, neben den wunderschönen Jugendstil-Gebäuden und nahezu menschenleeren Straßen, als erstes der Stromkasten mit dem Spruch gegen Nazis auffällt. 

Ein Spaziergang durch Görlitz zeigt wandelnde Klischees

Bevor Tobias und ich zum Veranstaltungsort seiner Lesung gehen, machen wir einen Spaziergang durch die Stadt. Wir wundern uns, dass es hier nicht mehr Touristen gibt: Görlitz ist geradezu malerisch und wirkt wie der perfekte Ort für einen kurzen Städtetrip. 

Wenn man durch die Straßen läuft, trifft man allerdings nicht allzu viele Menschen. Von den wenigen Passanten, die an einem vorbeihuschen, sprechen einige Polnisch miteinander. Wahrscheinlich sind sie für einen kurzen Besuch oder eher noch zum Arbeiten über die begehbare Brücke, die die beiden Länder miteinander verbindet, herüber spaziert.

Görlitz / privat
So malerisch sieht Görlitz aus.

Görlitz verfügt über eine der größten Altstädte Europas mit über 3500 Baudenkmälern. Die meisten denkmalgeschützen Bauten sind aufwendig restauriert und stammen aus der Gotik, der Renaissance und dem Barrock.

Die Idylle trügt allerdings: Neben schöner Architektur verfügt die Stadt im Verhältnis zur Einwohnerschaft über eines der aktivsten rechtsradikalen Netzwerke Sachsens.

Und schon nach zehn Minuten begegnet uns der erste offensichtlich Rechte: Glatze, Bomberjacke mit Parole auf dem Rücken, Springerstiefel. Das wandelnde Klischee eines Neonazis.

Aber nach nur zwei Mal um die Ecke biegen sehen wir eine kleine Gruppe Jugendlicher mit Dreadlocks und Schlabber-Pullis in einem Sprinter mit weit offen stehenden Türen sitzen. Der Wagen ist voll beladen mit Matratze, Bettzeug und Kleidungsstücken. Noch mehr Stereotype also, diesmal vom entgegengesetzten politischen Lager.

“Hier sehen die Rechten noch rechts aus und die Linken noch links”, stellt Tobias fest.

Ein Abend mit Reichsbürgern

Etwa zwei Stunden später beginnt Tobias’ Vortrag, bei dem er über Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker und braune Esoteriker spricht und aus seinem Buch vorliest. Im Publikum sitzen Bürger, die offensichtlich besorgt sind ob der aktuellen Entwicklungen: der steigenden Anzahl der Reichsbürger. Der Entwicklung rechter Gewalt. 

Dass dieser Vortrag ausgerechnet hier, in Görlitz, in Sachsen stattfindet, muss jetzt erst mal nichts heißen, das ist mir klar. Neonazis, Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker – Anhänger extrem rechter oder extrem linker Ideologien gibt es in ganz Deutschland.

Trotzdem fühlt sich dieses Thema für mich bedrohlicher an im Osten. Gleichzeitig stelle ich fest: Ich schaue wieder durch meine Wessi-Brille und suche geradezu nach bedrohlichen Spuren von politischem Radikalismus.

Nach der Lesung erwarten uns draußen vier Menschen – anscheinend haben sie fast zwei Stunden auf Tobias vor dem Restaurant gewartet. Anscheinend sind sie, zumindest teilweise, als Reichsbürger bekannt. Das erfahre ich im Gespräch mit den anderen Besuchern des Vortrags.

Misstrauisch beäuge ich die Gruppe. So verbringe ich also meinen ersten Abend im Osten – mit einer Gruppe rechtsgesinnter Verschwörungstheoretiker.

Eine gepflegte Dame mit kurzen, grauen Haaren lächelt milde, aber stolz – als würde sie auf uns schlafenden Schafe, die die Wahrheit noch nicht erkannt haben, herabsehen. Als wäre sie sich sicher, dass wir an die große Wahrheit, die sie schon kennt, nicht herankommen könnten. Dabei filmt sie uns die ganze Zeit mit einer kleinen Kamera. Ein Herr mittleren Alters schaut grimmig und scharrt mit den Füßen wie ein nervöses Pferd.

Ich unterhalte mich gerade mit einer Gerichtsvollzieherin, die regelmäßig von Reichsbürgern bis vor die Tür verfolgt wird – da merke ich, wie ein zweiter Mann mit schütterem Haar und Windjacke mir förmlich in den Nacken atmet. Ich drehe mich um, er sagt freundlich, aber irgendwie abgehoben: “Guten Abend.”

Die Gerichtsvollzieherin zischelt leise: “Sehen Sie, das meinte ich”. Kurz darauf verabschiedet sie sich und geht schnellen Schrittes nach Hause. 

Ich bin ein wenig nervös – sind diese Menschen so friedlich, wie sie tun? Ich denke an sämtliche Geschichten, die ich über Reichsbürger gehört habe, denke an Waffenbesitz und Polizistenmorde, überlege, was ich tun würde, wenn sie uns verfolgen würden.

Schließlich tritt Tobias Ginsburg aus dem Restaurant, gleich gehen seine Anti-Fans auf ihn zu, belagern ihn, stellen ihm Fragen: Warum er solche Lügen in seinem Buch verbreite? Der grimmig dreinschauende Mann bezweifelt sogar, dass Tobias Jude sei: “Welcher Gemeinde gehörst du überhaupt an? Ich bin nämlich selbst Jude!” – “Mazel tov”, antwortet Tobias. “Und wo soll das sein?”, fragt der Mann erstaunt.

Es ist absurd. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Der Mann ruft uns noch ein paar wütende Worte zu, die freundliche Dame lächelt süffisant, langsam bewegt sich das kleine Grüppchen zu ihrem Sprinter, wo sie laut Musik hören und – ich weiß es nicht genau, was feiern. Ihren Sieg? Ihre scheinbare Überlegenheit? Einfach nur sich selbst?

Die Veranstalter begleiten uns noch zu unserem Auto, wir fahren zurück nach Dresden.

Ich weiß, dass die Szene nicht bezeichnend ist für den Osten. Aber sie brennt sich in mein Gedächtnis ein.

Hier im Osten ist eigentlich alles so wie immer – nur anders

In den nächsten Tagen spazieren wir viel durch größere und kleinere sächsische Städte, bewundern die Neustadt in Dresden. Ich begleite Tobias zu einer weiteren Lesung in einer Volkshochschule in Plauen, wir gehen nachmittags Kaffee trinken und abends Gin Tonic.

Eigentlich ist alles so wie immer, bloß, dass ich in einem Café Bambes anstatt Kartoffelpuffer bestelle und wir in der Sportbar abends rauchen dürfen.

Am Ende des Ausflugs stehe ich allein am Bahnhof in Zwickau und warte auf meinen Zug nach München. Ich glaube, ich war noch nie an so einem tristen Bahnhof. Selbst die Brezel, die ich mir am Kiosk kaufe, schmeckt nach Traurigkeit und ein wenig Salz, als hätte die Verkäuferin gerade erst draufgeweint.

Draußen gießt es wie aus Eimern, als würde der Osten mich “Besserwessi” mit ausgestrecktem Mittelfinger verabschieden. 

Was habe ich gelernt?

Eigentlich nicht viel. Und genau das ist meine größte Erkenntnis dieser Reise.

► Ich bin nach Ostdeutschland gefahren mit einer Haltung, als würde ich in ein anderes Land fahren. Als würden dort Gefahren lauern, die ich im Westen nicht erleben könnte. Und natürlich habe ich ebendiese Gefahren auch lauern sehen. Aber längst nicht in dem Maße, wie man sich mit seinem sonst gen Westen gerichteten Blick vorstellt. 

► Ich habe gelernt, dass ich Klischees finden werde, wenn ich nach ihnen suche. Dass die Straßen tatsächlich schlechter beleuchtet sind und ich den Begriff Dunkeldeutschland endlich verstehe. Dass Bambes mir genauso wenig schmecken wie Reibekuchen. Dass Sächsisch kein so unsympathischer Dialekt ist, wie alle immer meinen.

Aber genauso hätte mein Besuch auch im tiefsten Schwabenländle oder Ostfriesland oder Niederbayern verlaufen können. 

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Trotzdem ist die Kluft zwischen Ost und West noch besonders spürbar. Warum?

Vielleicht, weil wir sie immer noch spüren wollen. Weil auch eine Kluft Stabilität gibt. Wie schön ist es doch, sich als Wessi darauf verlassen zu können: Da drüben ist alles kacke. Wie schön ist es doch, sich als Ossi darauf verlassen zu können: Da drüben sind alle Snobs.

Und so machen wir uns alle zu wandelnden Klischees.

Mein erster Besuch im Osten hat mir also meinen westlich geprägten Blick so richtig deutlich gemacht: Ich habe im Osten nach dem Osten gesucht, wie ich ihn aus den Medien kenne und wie ich ihn mir immer vorgestellt habe – und ihn teils auch gefunden.

Teils bin ich allerdings auf ein völlig normales Deutschland gestoßen – was vielleicht gar nicht so überraschend ist. 

(ben)