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18/02/2018 18:44 CET | Aktualisiert 18/02/2018 18:44 CET

Das größte Kapital in der Arbeitswelt sind wir selbst

Die digitale Identität als Teil dieser Welt

„Wir sind heute selbst unser größtes Kapital in der Berufswelt“, schrieb der Autor und Digital Native Philipp Riederle 2013 in seinem Erfolgsbuch „Wer wir sind und was wir wollen“. Er erkannte schon damals, dass Wissen fragmentiert und ersetzbar ist, aber Persönlichkeit, Ausprägung und Haltung nicht. Riederle zeigte, dass Menschen auch an ihren Äußerungen gemessen werden und die Bedeutung von Alter und Status schwinden angesichts der Fragen: „Wer willst du sein? Wie möchtest du dich profilieren? Was gibst du inhaltlich von dir?“ Die Aufgabe seiner Generation Y sieht er darin, Medienkompetenz weiterzugeben, das Internet besser zu machen, um selbst besser zu werden: „Früher war die wichtigste intellektuelle Waffe der Stift des Schriftstellers. Heute ist es das Smartphone. Wir können uns mitteilen. Und das bedeutet, … ein Teil dieser Welt sein und unseren Platz in ihr haben.“

Mit dem Thema Selbstvermarktung in den sozialen Medien hat die Generation Y deshalb kein Problem – aber leider noch die meisten Deutschen: Fast 90 Prozent sind zwar täglich online, aber nur 56 Prozent nutzen regelmäßig soziale Medien (EU-Statistikamt Eurostat in einem EU-Vergleich). Ungarn ist mit 83 Prozent Spitzenreiter in der EU. Es braucht deshalb ein radikales Umdenken, denn mit dem digitalen Wandel verändert sich auch der Arbeitsmarkt: Menschen werden sich branchenübergreifend zunehmend statt um Arbeitsplätze um individuelle Aufträge bewerben und die eigene digitale Marke schärfen müssen. Das ergab eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe im Auftrag der Vodafone-Stiftung. Der Fähigkeit zum digitalen Selbstmarketing wird künftig eine Schlüsselrolle zukommen, weil Auftraggeber und Auftragnehmer vor allem über die sozialen Medien zusammenfinden werden. Umso wichtiger wird ein professioneller Internetauftritt sein, der mit den wichtigsten Accounts, Portalen und Netzwerken vernetzt ist, um auch eine „nachhaltige“ digitale Identität zu haben.

Selbstvermarktung im Digitalzeitalter

Ein Kommentar von Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl ist Institutsleiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und Inhaberin des Lehrstuhls für Innovations- und TechnologieManagement (iTM) Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl

Die Digitalisierung bringt umfassende Umbrüche in der Arbeitswelt mit sich. Während zunehmend Maschinen und Computer die hauptsächlich langweiligen Routineaufgaben übernehmen, können wir Menschen attraktiven, neuen Tätigkeiten nachgehen, für die komplexe, kognitive Fähigkeiten notwendig sind. Entscheidend ist, dass wir unsere Problemlösungskompetenz, Kreativität, Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit als zentrale Kompetenzen begreifen lernen und up-to-date halten. Wir verfügen also bereits über die wichtigsten Fähigkeiten für den künftigen Erfolg in der Arbeitswelt.

In der Zukunft geht es weniger um Fachwissen als um universelle Fähigkeiten. Hochspezialisierte Fachkräfte verlieren an Bedeutung, und stattdessen sind "typisch menschliche" Tätigkeitsschwerpunkte – also diejenigen, die nicht Maschinen übernehmen – fächerübergreifend. So gleichen sich Tätigkeitsprofile immer weiter an. Vor allem kommunikative und interaktive Tätigkeiten spielen eine wichtige Rolle. Auch Grundkompetenzen im digitalen Bereich gehören zu den absoluten Basics. Damit einher geht die Notwendigkeit, IT-Kompetenzen in allen Qualifizierungsstufen zu vermitteln. Das ist allein essentiell, um eine soziale Chancengleichheit zu gewährleisten.

Mit der Digitalisierung geht ein weiterer grundlegender Wandel in der Arbeitswelt einher, das zeigt auch eine für die Vodafone Stiftung durchgeführte Studiedes Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung zum digitalen Wandel der Arbeitswelt. Wertschöpfungsprozesse werden in immer kleinere Schritte unterteilt und aus den Unternehmen ausgelagert. Grund dafür ist die Entwicklung hin zu einer kollaborierenden Wirtschaft. Die Produktions- und Arbeitsprozesse werden dabei kleinteiliger und feingliedriger und Unternehmen finden sich bedarfsspezifisch zusammen. Auch die Projektteams werden flexibel und virtuell gebildet.

Den klassischen Arbeitnehmer wird es immer weniger geben. Er wird von flexiblen, externen Dienstleistern abgelöst: vom spezialisierten Forscherteam, über den freiberuflichen Designer bis hin zu Crowd- und Click-Workern und zwar in allen Hierarchie-Stufen und Berufsfeldern. Unternehmen schreiben Projekte, Frage- oder Aufgabenstellungen einfach aus, für die Auftragnehmer und Lösungs-Geber mit entsprechendem Qualifikationsprofil gesucht werden. Zum Arbeitsalltag gehört es dadurch, sich immer wieder neu um Aufträge zu bewerben und die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten entsprechend zu vermarkten. In der heutigen Welt geschieht das digital. So werden die Profilseiten in den sozialen Medien, die schließlich von jedermann und jederfrau gescreent werden können, zu Visitenkarten im Netz – und müssen aufwendig gestaltet werden. Gut geführte Profile werden zum erfolgsversprechenden Tool, um die eigene Ich-Marke im Netz zu schaffen. Damit der oder die Einzelne aus der Masse stechen und sich dem Wettbewerb stellen kann, ist eine Konzentration auf die eigenen Fähigkeiten elementar. Diese gilt es weiterzuentwickeln und zu vermarkten.

Die eigenen Kompetenzen müssen aber nicht nur gepflegt, sondern sollten auch durch Zertifikate nachgewiesen werden. Die digitalen Möglichkeiten werden auch dazu führen, dass Lern-, Leistungs- und möglicherweise auch Gesundheitsdaten im Internet für Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Was wir bereits aus dem Sportbereich kennen, wird auch in die Berufswelt Einzug halten. Während heute Hobby-Sportler ihre Jogging-Erfolge online präsentieren und vergleichen, wird künftig das Teilen der "beruflichen Fitness" ein zentraler Punkt der Selbstvermarktung in der Arbeitswelt werden.

Das digitale Profil online zu präsentieren, geschieht jedoch nicht nur aus eigenem Antrieb. Es wird auch von Auftraggebern nachgefragt. Vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels können Arbeitgeber auf einen größeren Pool potenzieller Bewerber zurückgreifen. Im Zuge des Bedeutungsgewinns universeller Fähigkeiten bringt die gewandelte Arbeitswelt für Arbeitnehmer auch höhere Chancen für horizontale berufliche Mobilität. Es wird grundsätzlich einfacher, in verschiedensten Themenbereichen und Branchen zu arbeiten, wenn es gelingt, sich in der steigenden Konkurrenzsituation zu behaupten. Um erfolgreich zu sein, bedarf es neben einer guten Selbstvermarktung auch zunehmend einer effizienten Selbstorganisation, Reputation, Praxiserfahrungen und der Fähigkeit zur Vernetzung.

Wer das nicht kann, droht abgehängt zu werden. Letztendlich kann dies zu einer Spaltung des Arbeitsmarktes führen – zwischen Menschen, die perfekt vernetzt sind und ihre Kompetenzen auf den entsprechenden Karriereseiten sowie Auftragsvergabeplattformen im Internet sehr gut darstellen können und denjenigen, die das nicht können. In der Konsequenz fordert die zuvor genannte Studie, dass sowohl die jungen "Digital Natives" als auch alle anderen Altersgruppen darin unterstützt werden, ihre Stärken und Kompetenzen richtig einzuschätzen und diese verantwortungsvoll digital zu vermarkten.

Selbstvermarktung im Digitalzeitalter wird damit zu einem immer elementareren Teil der Arbeitswelt. Darzustellen, wer man ist, was man kann, und wohin man will, ist mitnichten Eitelkeit oder Narzissmus. Denn nur so ist es in der heutigen Arbeitswelt möglich, sich der steigenden Konkurrenz aus Crowd- und Click Workern zu stellen und den Auftraggebern relevante Informationen über die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen zu liefern.

Weiterführende Informationen:

Philipp Riederle: Wer wir sind und was wir wollen. Ein Digital Native erklärt seine Generation. München 2013.

Weissenberger-Eibl, M. (2018): Blick ins Neue, Im Gespräch mit Univ. Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl zu Perspektiven der Innovationsvernetzung, Karlsruhe 2018, Kindle Edition.