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03/09/2018 17:53 CEST | Aktualisiert 03/09/2018 18:21 CEST

"Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz hilft den Sachsen nicht

Denkt an Ostdeutschland, auch wenn die Bühne morgen wieder abgebaut wird!

dpa

Heute Abend will Chemnitz – will Sachsen – sein anderes, sein wahres Gesicht zeigen. Unter dem Motto “Wir sind mehr“ treten unter anderem die Toten Hosen, Casper und K.I.Z. live und kostenlos auf.

Oder soll ich lieber sagen: umsonst. Denn das trifft es leider eher. Derartige bunte und musikalische Sondereinlagen gab es auch schon in Dresden als Antwort auf die Pegida-Demonstrationen.

Spürbar bewirkt haben die Konzerte nichts.

Insgesamt ist der Ablauf immer gleich: Neonazis und Rechtsextreme sorgen bei Demonstrationen mit ihren Aussagen und Handlungen für neue Tabubrüche.

Ganz Deutschland echauffiert sich und zeigt mit dem Finger auf Sachsen oder Ostdeutschland. Dann kommen die moralischen Leuchttürme der deutschen Musikszene und treten spontan und für lau in der betroffenen Stadt auf.

 

Für ein paar Stunden pilgern jetzt auch allerlei Menschen aus Nord, Süd, West und Ost nach Sachsen. So wie heute nach Chemnitz.

Es wird die Demokratie und die moralische Überlegenheit gefeiert. Gute PR – vor allem für die Künstler. Doch das eigentliche Problem bleibt bestehen. Nach drei Anti-Nazi-Songs fahren alle wieder heim und Chemnitz bleibt Chemnitz.

Nicht mit allen macht es Sinn, zu reden

Ich würde mich freuen, wenn über Sachsen und Ostdeutschland nicht nur berichtet wird, wenn Neonazis demonstrieren oder wenn ein paar Musiker ein Konzert geben.

Thematisiert werden müssen die hohe Arbeitslosigkeit, die nach wie vor extremen Lohnunterschiede zwischen Ost und West, der Umgang mit den Herausforderungen einer globalisierten Gesellschaft, mit denen sich vor allem die Wendeverlierer schwertun.

Und das dauerhaft, bis die Probleme gelöst sind.

► Nur wenn sich die Ostdeutschen ernstgenommen fühlen, kann man über die Integration von Flüchtlingen reden. Und wenn ich sage mit den Betroffenen reden, meine ich nicht die randalierenden Idioten, die stolz den Hitlergruß zeigen.

Da bringt reden nichts mehr. Aber es gibt genügend Chemnitzer, Sachsen, Deutsche, die nicht wissen, wie sie ihren Protest ausdrücken sollen. Wie ihre Probleme endlich Gehör finden.

Denkt an Sachsen, auch wenn das Konzert vorbei ist

Wenn fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch extreme Unterschiede in sozialen Fragen zwischen Ost und West erkennbar sind, braucht man sich über antidemokratische Stimmungen nicht wundern.

Hannibal Hanschke / Reuters

Den Nährboden für den strukturellen Rechtsextremismus hat die Politik in Sachsen, aber auch die Bundespolitik selbst gelegt. Und den bekommt man nicht mit einem kostenfreien Konzert bekämpft.

Ich wünsche mir mehr Differenzierung bei der Lösung der Probleme in diesem Land. Damit sind auch alle gemeint, Medien und Bürger, die jetzt gern von “den Nazi-Sachsen“ und “den Chemnitzern“ sprechen.

Mit solchen Pauschalisierungen steht man auf einer Stufe mit den Wutbürgern, die auch gern von “den Medien“ und “den Flüchtlingen“ sprechen.

► Ich wünsche allen, die heute das Konzert in Chemnitz besuchen, dass es nicht umsonst war. Denkt an Ostdeutschland, auch wenn die Bühne morgen wieder abgebaut wird.

Denkt an den strukturellen Rassismus, den es mit klugen Lösungen zu bekämpfen gilt. Denkt aber auch an die Wendeverlierer und Arbeitnehmer im Osten, die 2018 immer noch nicht wirtschaftlich und finanziell integriert sind.

Und hört auf mit der Ossis-Wessi-Spalterei, die uns wieder trennt und nicht verbindet. Wir sind ein Land und ja, wir schaffen das.