POLITIK
14/01/2018 13:46 CET

Der Aufnahmestopp für Flüchtlinge in Delmenhorst gibt uns Zeit zum Handeln

"Jetzt können wir aufräumen, was in den vergangenen Monaten liegen geblieben ist."

Sean Gallup via Getty Images

Im September 2017 hatte Niedersachsens Innenministerium die Notbremse gezogen: Angesichts einer überdurchschnittlich hohen Zuwanderung von Flüchtlingen erließ das Ministerium Zuzugsbeschränkungen zuerst für Salzgitter, im November 2017 dann auch für Delmenhorst und Wilhelmshaven.

Muhanad Paulus hat täglich mit Flüchtlingen in Delmenhorst zu tun. In der HuffPost erklärt er, warum er die damalige Entscheidung zum Zuzugsstopp nach wie vor begrüßt – und wie sie den Flüchtlingen hilft.

Als ich 2001 aus dem Irak nach Deutschland floh, war die Situation komplett anders als heute: Keine Willkommenskultur, keine staatliche Unterstützung oder Sprachkurse. Es gab weder Flüchtlingshelfer noch Unterstützer im Alltag.

Die wenige Migrationsberatung leisteten allein die christlichen Wohlfahrtsverbände Diakonie und Caritas.

Heute ist das zum Glück anders. Auch weil wir in Delmenhorst bereits 2007 mit den Integrationslotsen begonnen haben, allen Neuangekommenen zu helfen, seit 2010 in Form eines gemeinnützigen Vereins.

Jetzt werden Flüchtlinge im Alltag weit mehr willkommen geheißen, es gibt breite Beratungsangebote und Pflichtkurse zum Erlernen der Sprache und zur Integration.  

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Wir müssen unsere Kräfte wieder sammeln

Nach der großen Zunahme der Flüchtlinge im Jahr 2015 haben wir Integrationslotsen gesehen, dass auch unser Angebot vielfach nicht mehr ausreichte. Jedem Neuen, der wollte, haben wir daraufhin Delmenhorst gezeigt und ihn gemeinsam zu allen Ämtern oder auch in Restaurants oder Cafés begleitet.

Sie sollten einen Einblick in den Alltag bekommen und sehen, wie hier alles funktioniert – erklärt in ihrer jeweiligen Muttersprache.

Doch jetzt müssen wir unsere Kräfte sammeln, damit wir das wieder schaffen!

Denn in letzter Zeit kamen viele Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten nach Delmenhorst, besonders die Jesiden. Denn wir haben hier mittlerweile eine große jesidische Gemeinde.

Aber das hat das Verteilungssystem etwas gestört. Der individuelle Zuzug, denn ich völlig nachvollziehen kann, hat den offiziellen Verteilerschlüssel durcheinandergewirbelt.

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Integration dauert

Integration ist ein langsamer Prozess. Wir brauchen viel Zeit, die uns gerade fehlt.

Alles ist ins Stocken geraten: Zu wenige Integrationskurse, zu lange Wartezeiten und die Kapazitäten in den Sprachlernklassen ist begrenzt. Wenn wir die Flüchtlinge nicht als Menschen zweiter Klasse sehen wollen, mussten wir handeln.

Und mit dem Flüchtlingsstopp wurde gehandelt – richtigerweise. Denn es geht nicht nur um das bloße Aufnehmen, sondern auch darum, den Menschen gute Leistungen anzubieten. Die Stadt achtet darauf, dass Qualität und Angebote stimmen.

Die Flüchtlinge haben ihre Interessen und Kompetenzen mitgebracht, die wir nutzen sollten. Dazu müssen wir ihnen Möglichkeiten anbieten, sodass sie ihre Rolle in der Gesellschaft finden können. Doch das klappt nur, wenn genug Plätze und Arbeitskreise vorhanden sind.

Zuletzt haperte es daran.

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Aufräumen, was liegen geblieben ist

Dank des Aufnahmestopps können wir jetzt hier aufräumen, was in den vergangenen Monaten liegen geblieben ist. Wir können unsere Strukturen entzerren, Luft und Räume schaffen, unsere Strategien überarbeiten und nach Fehlern suchen.

Nun heißt es Durchschnaufen. Denn wir sehen schon jetzt, dass der Zuzug von Flüchtlingen nicht vollkommen abreißt – es geht nur langsamer.

Der Text wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.