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13/09/2018 17:26 CEST | Aktualisiert 13/09/2018 17:26 CEST

Daniel Küblböck, tragischer Anti-Held: Warum uns sein Verschwinden so berührt

Daniel Küblböck wurde für sein Anderssein geliebt. Doch er hatte damit zu kämpfen.

dpa/HuffPost
Der ehemalige "DSDS"-Star Daniel Küblböck verschwand vor Tagen auf einem Aida-Schiff.

Vielleicht ist es sein Anderssein. Und das, was die Medienmaschinerie daraus gemacht hat. 

Vielleicht ist es diese fast kindliche Naivität. 

Vielleicht ist es Mitleid, mit einem, der nie so ganz herausgefunden hat, wo sein Platz in dieser Gesellschaft ist. 

Daniel Küblböck, ein ehemaliger “DSDS”-Sänger, der seit Jahren nicht mehr besonders präsent in der Öffentlichkeit war, ist verschwunden. Und es gibt kaum jemanden, den seine Geschichte kalt lässt. 

Seit Daniel Küblböck von Deck der “Aidaluna” gesprungen sein soll, überschlagen sich die Berichte und die Spekulationen über seinen mutmaßlichen Selbstmord.

Aber was hatte dieser Mann, das uns so sehr berührt? 

Als Küblböck 2002 an der ersten Staffel von “DSDS” teilnahm, war er gerade einmal 17 Jahre alt, ein Teenager aus Niederbayern. 

Er kam mit Gitarre, Brille, schulterlangen Haaren und rot kariertem Hemd zum Casting – und traf mit seiner quietschigen Stimme kaum einen Ton. Doch Dieter Bohlen merkte schnell: Hier hatte er jemanden vor sich, der anders war.

Jemanden, den man vermarkten kann. Einen “schrägen Vogel”, wie er Küblböck nannte.

Er sollte recht behalten. Die Zuschauer liebten Küblböck.

Küblböck passte nicht ins Fernsehgeschäft

Der 17-Jährige, der offen bisexuell war, schaffte es bis ins Halbfinale. Eigentlich konnte er zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht singen. Aber das störte niemanden. Die Töne, die er nicht traf, machte er mit ungelenken Sprüngen über die Bühne, extravaganten Outfits und seiner Art wett. Einer Art, die eigentlich so gar nicht ins harte Fernsehgeschäft passte.

Küblböck war nicht berechnend oder affektiert. Er schien naiv, geradezu kindlich, nett und lustig. 

Er galt als Clown, wurde von den Medien als “Paradiesvogel” bezeichnet. Zugleich war er empfindlich, war im Fernsehen immer wieder den Tränen nahe. Küblböck war ein klassischer Anti-Held. Es waren seine Schwächen, die ihn liebenswert machten. 

Als seine beste Freundin der damaligen Show, Gracia Baur, ausschied, bekam er vor laufenden Kameras einen minutenlangen Heulkrampf. Einen Heulkrampf, der daraufhin von den Medien ausgeschlachtet wurde. 

Schnell wurde klar: Der 17-jährige Küblböck hatte keine Ahnung, in welches Monster er hier hineingeraten war. In die Medienmaschinerie, die Teenager mit Starpotenzial, wie Küblböck es damals war, erst mit der Hoffnung auf den ganz großen Traum anlockt, dann zerfleischt und irgendwann wieder ausspuckt. 

“Damals war ich die Unschuld vom Lande. Ich bin mit 17 Jahren, von heute auf morgen, in das härteste Business der Welt geworfen worden”, sagte Küblböck Jahre später in einem RTL-Interview. 

Er sagte es lächelnd, wie immer, aber man ahnte: Es war schwer. 

“Kermit der Frosch” war mit einem Mal überall 

“Niemand hilft den jungen Kurzzeit-Celebrities damit umzugehen, die Sender und Redaktionen machen sie zu Helden, Witzfiguren oder quotensteigernden Hassobjekten - letztlich aber zu Opfern”, kritisierte der Comedian Oliver Kalkofe das Fernsehgeschäft angesichts des Verschwindens von Küblböck. 

“Kaum einer, der unbeschadet aus der Superstar-Topmodel-SonstwasSuch-Mühle herauskommt.”

Für Küblböck war “DSDS” zunächst ein Karriere-Sprungbrett. Durch die Show hatte der Sänger, den Bohlen wegen seines schiefen Gesangs als “Kermit, den Frosch” bezeichnete, hunderttausende Fans.

Bohlen produzierte ein Cover von “You drive me crazy” für ihn. Es landete auf Nummer eins der Charts. “Kermit der Frosch” ging auf Welttournee. 

Auf einmal war er überall. “Ich bin wie ein Bullterrier. Wenn ich mich einmal an etwas festgebissen habe, lasse ich es nicht mehr los”, sagte Küblböck später über diese Zeit und seinen Wunsch, immer und immer erfolgreicher zu werden. 

“Du bist nichts und du wirst nie etwas werden”

Auch seine Vergangenheit und seine Erziehung wird zu seinem Ehrgeiz beigetragen haben. Seine Mutter sagte ihm einst: “Du bist nichts und du wirst nie etwas werden”, wie er 2015 im Interview mit der “Bunten” erzählte. 

Von seinen schwierigen Familienverhältnissen berichtete Küblböck auch in seiner Biografie “Ich lebe meine Töne”, die er kurz nach seiner “DSDS”-Teilnahme 2003 mit einer Journalistin geschrieben hatte. Seine Fans liebten ihn wegen seiner schwierigen Vergangenheit nur noch mehr. Küblböck hatte viele Fehler und viele Probleme – wie die meisten seiner Fans vermutlich auch. 

Bei seiner Teilnahme beim Dschungelcamp 2004 waren es erneut seine Emotionen, die die Zuschauer mitrissen. Doch dieses Mal verehrten sie ihn nicht. Sie ließen ihn leiden. Überraschend ist das nicht. Menschen wie Küblböck werden oft geradezu fanatisch verehrt, aber sie werden auch ebenso schnell zu Mobbing-Opfern, wenn sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle haben. 

Erbarmungslos schickten die Zuschauer Küblböck in einen gläsernen Sarg voller Kakerlaken oder in einen Wassertank mit riesigen Spinnen. Im Gegensatz zu den anderen Kandidaten hatte sich Küblböck für das Showgeschäft noch immer keine Maske zugelegt. Er schrie, kreischte und weinte. Und RTL verzeichnete Bestquoten. 

Vom Paradiesvogel zum ernsthaften Unternehmer und zurück

Nach der Fernsehshow ebbte das Interesse an Küblböck ab. Der Sänger, der noch immer nicht so richtig zu wissen schien, wer er eigentlich war, legte seine extravagante Kleidung ab. Er begann, ernsthaft zu singen, klang auf einmal gar nicht mehr so schräg und sah auch nicht mehr so schräg aus. In der Öffentlichkeit zeigte er sich mit Kurzhaarschnitt und gewöhnlicher Kleidung. Fast schien es, als versuche er, sich anzupassen. 

Küblböck gründete eine Firma: “Positive Energie” und investierte in Solaranlagen. Zunächst sei er erfolgreich gewesen, doch nach einigen Jahren wurde die Firma aus dem Handelsregister gelöscht. 

2011 fand Küblböck dann etwas, was er sein ganzes Leben nicht gehabt hatte: eine Mutter. Der damals 26-Jährige ließ sich von der Immobilien-Millionärin Kerstin Elisabeth Kaiser adoptieren. Seitdem trägt er offiziell den Doppelnamen Kaiser-Küblböck. “Sie hatte mein Herz berührt, ich ihres. Wir sind seelenverwandt”, sagte er 2013 der “Bunten”. 

Als Kind soll seine leibliche Mutter ihn gewürgt und ihm gesagt haben: “Du bist nicht mein Kind! Du sollst nicht mein Kind sein!” 

Auf der Suche nach sich selbst 

Doch trotz Adoptivmutter – Küblböck wusste noch immer nicht, wo er hingehörte. Dieses Mal versuchte er es als Schauspieler. Am Europäischen Theaterinstitut in Berlin soll er gemobbt worden sein, wie ein Facebook-Post, der von ihm selbst stammen soll, nahelegt. Wenn die Mobbing-Vorwürfe stimmen, dann wurde Küblböck nicht einmal an einer Schauspielschule, von der man annehmen könnte, sie sei bunt und offen, akzeptiert. 

Zuletzt schien es, als wolle er sich wieder neu erfinden. Mit Beginn seiner Kreuzfahrt eröffnete er einen neuen Instagram-Account, zeigte sich geschminkt und in Frauenkleidern. Der neue Account, auf dem er auch ein Foto mit sich und seinem besten Freund, seinen Hund und seine Vorbilder postete, wirkt im Nachhinein wie ein Abschiedsbrief.

Der Account trägt den Namen der Theaterfigur, die Küblböck in dem Stück “Unschuld” Berichten zufolge spielen sollte: Rosa. In dem Stück geht es unter anderem um eine Frau namens Rosa, die ins Wasser geht, um dort den Tod zu finden. Sie fühlte sich als Außenseiterin der Gesellschaft. Kurz bevor er an Bord ging, soll Küblböck in einer SMS an seinen Theater-Chef verkündet haben, eine Frau werden zu wollen. 

Am neunten September dann verschwand Küblböck.

Er gilt als verschollen. Es kann sein, dass Daniel Küblböck nie gefunden wird. Alles, was jetzt bleibt, ist Hoffnung. Dass dieser Mensch, der anders, und ja, auch ein wenig seltsam war, überlebt hat, durch ein Wunder. Und noch eine andere Hoffnung bleibt: Dass Daniel Küblböck sich nicht sein Leben genommen hat aus Angst, nicht in diese Gesellschaft zu passen.  

Der Comedian Oliver Kalkofe schrieb über ihn: 

“Wo wären wir ohne genau diese seltsamen und verrückten Figuren, die uns zumindest Emotionen schenken statt immer gleicher Langeweile?”

Hinweis der Redaktion: Wenn du das Gefühl hast, dein Leben macht keinen Sinn mehr, wende dich bitte an die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Beim Jugendinformationszentrum München findest du zudem persönliche und telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche. Telefonnummer: 089 550 521 50 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag von 13 – 18 Uhr). 

(ben)