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21/11/2018 18:36 CET | Aktualisiert 22/11/2018 12:02 CET

"Scheiß auf die Frau": Männer erzählen, warum sie Penis-Fotos verschicken

“Ich fand es so unglaublich erregend."

Moore Media via Getty Images
Männer, die Penis-Fotos verschicken, halten sich oft nicht für die Exhibitionisten, die sie sind. (Symbolbild)

Mit Anfang zwanzig saß John* allein auf seinem Bett und schickte Frauen übers Internet unaufgefordert Bilder von seinem Penis. “Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich erklären kann, warum ich es tat”, sagt er über die wenigen Male, die das passierte.

Ich fand es so unglaublich erregend. Ich dachte nicht nach. Es überkam mich und ich tat es einfach.” Seitdem hat er keine Fotos mehr verschickt. 

Dass Erwachsene sich gegenseitig freizügige Fotos schicken, ist kein neues Phänomen. Aber das sogenannte Cyberflashing, sprich das ungebetene Verschicken von Penis-Fotos direkt aufs Smartphone, nimmt offenbar zu.

Es liegen noch nicht ausreichend Daten dazu vor, doch Statistiken aus Großbritannien deuten darauf hin, dass bis zu 41 Prozent der Britinnen ungebeten sexuell anstößige Fotos zugeschickt bekommen haben. 46 Prozent davon waren unter 18 Jahre alt, als es zum ersten Mal passierte.

Männer wissen, dass Frauen keine Penis-Bilder wollen

Laura Thompson von der Londoner City University ist eine der führenden Forscherinnen zu sexueller Belästigung im Internet. Das digitale Versenden von Penis-Fotos entspricht für sie dem Mann, der auf der Straße im Trenchcoat ohne etwas drunter an der Ecke steht. 

Aber die Männer, die Penis-Fotos verschicken, scheinen ihr Verhalten nicht dem von Exhibitionisten gleichzusetzen.

Sophie Gallagher

Richard* zum Beispiel glaubt, dass nur 30 Prozent der Bilder, die er an Frauen geschickt hat, von den Empfängerinnen erwünscht waren. Er vergleicht seine Sicht der Situation mit der eines unwissenden Tieres:

“Eine Katze bringt ihren Besitzern eine tote Maus als ‘Geschenk’ nach Hause”, sagt er. “Die Katze denkt, sie tue ihnen etwas Gutes, doch die Besitzer mögen es manchmal nicht.”

Warum denken Männer so? Es gibt zahllose Beiträge, in denen ihnen erklärt wurde, dass Frauen sich nicht über unaufgefordert verschickte Genital-Fotos freuen.

Ich habe ausführlich darüber berichtet, welche Gefühle diese Bilder in Frauen hervorrufen und welche Schritte sie unternehmen müssen, um sich vor ihnen zu schützen – und ich weiß, dass Twitter voll mit Frauen ist, die ihrem Ärger Luft machen.

Dass Frauen die Fotos verstörend und bedrohlich finden, ist ihnen egal

Umfrage-Ergebnissen des britischen Meinungsforschungsinstituts YouGov von Anfang des Jahres zufolge verstehen die meisten Absender genau, dass die Empfängerin die Bilder nicht will:

► 46 Prozent der Männer, die zugaben, ein Bild von ihrem Penis verschickt zu haben, wussten, dass Frauen diese verstörend finden.

► 44 Prozent dachten, dass Frauen die Bilder bedrohlich finden.

Trotzdem bekommen Frauen weiterhin viele solcher Penis-Fotos zugeschickt.

Peter Saddington, Beziehungsberater beim Netzwerk Relate, erklärt:

“In gewisser Weise gibt es Parallelen zu Beziehungen, in denen häuslicher Missbrauch stattfindet. Die Gesellschaft und die Frauen selbst sagen, dass es inakzeptabel ist, aber Männer tun es immer noch.“

Penis-Fotos als Trotz-Reaktion auf Ablehnung

Sean* gibt der sexuellen Frustration die Schuld für seine Entscheidung, Frauen mit Penis-Bildern zu bedrängen.

Er hatte gerade seine erste ernsthafte Beziehung beendet und wollte sexuell aktiver sein – also nutzte er dafür Dating-Apps. Wenn Frauen Online-Gespräche für seine Begriffe zu früh beendeten, schlug er zu.

“Ich war oft ungeduldig”, sagt Sean heute. “Wenn ich nach einem kurzen Chat keine Antwort mehr bekam, schickte ich manchmal ein Foto von meinem Penis”, und fügt hinzu: “Meine damalige Logik war, dass die Frauen bereits das Interesse verloren hatten, also was hatte ich noch zu verlieren?”

Da die meisten Frauen nicht darauf stehen, ist die Absicht dahinter ziemlich eindeutig: "Scheiß auf die Frau“. Es soll beleidigend sein.

Michelle Zelli, ein in London ansässiger Beziehungscoach, arbeitet mit vielen Paaren und Single-Männern. Sie berichtet, sie habe zahlreiche Kunden gehabt, die Penis-Fotos verschickten und denen es schlicht an Empathie mangele.

Männer, die ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse über die Gefühle der Adressaten stellen würden.

Es geht um Aufmerksamkeit um jeden Preis

Einige Männer, mit denen ich für diesen Artikel gesprochen habe, gaben zu, dass sie wissen, dass ihr Verhalten indiskutabel ist – aber das ist ihnen egal.

Charlie* sagt zum Beispiel:

“Männer wissen, dass Frauen im Allgemeinen keine Fotos von Penissen geschickt bekommen wollen. Es ist ihnen aber egal. Sie denken so: ‘Wenn sie darauf steht – toll. Wenn nicht, scheiß auf sie.’ Da die meisten Frauen nicht darauf stehen, ist die Absicht dahinter ziemlich eindeutig ein ‘Scheiß auf sie‘. Es soll beleidigend sein.“

John*, der mit Anfang 20 regelmäßig Penis-Fotos verschickte, erklärt, dass sich für einige Männer jede Art von Aufmerksamkeit besser anfühlt, als komplett ignoriert zu werden :

“Das ist ähnlich wie mit einem ignorierten Kleinkind, das deshalb die Wände anmalt, oder ein vernachlässigter Welpe oder Hund, der auf Gegenständen herumkaut, die er normalerweise ignoriert.”

Sophie Gallagher
Eine HuffPost-Reporterin bekam 120 obszöne Bilder geschickt.

Die HuffPost erhielt mehr als 100 Zuschriften zu dem Thema. Von den vielen Männern, die ihre Gedanken und Erfahrungen mitteilten, war Simon* einer der wenigen, der zugab, dass ihm die Tabuisierung der Bilder einen besonderen Kick gibt:

“Erregung und Adrenalinpegel schießen hoch, weil es tabu ist – gleichzeitig ist das Risiko minimal, wenn man nichts weiter als seinen Penis zeigt. Manchen Menschen macht es Spaß, Unbehagen zu verursachen.”

Die Wissenschaftlerin Thompson sagt, dass diese Erklärung mit einigen ihrer Forschungsergebnisse übereinstimmt: Einschüchterung sei für das Senden obszöner Bilder ein Hauptgrund, auch wenn die Männer selbst das nicht zugeben würden.

Online-Apps: Einschüchterung von Frauen leicht gemacht

Die Forscherin erzählt:

“Eine Frau hatte eine unangenehme Chat-Unterhaltung mit einem Mann. Er schickte ihr ein Foto von seinem erigierten Glied neben einem Messer. Das war eine Drohung, durchaus auch eine sexualisierte, weil er seinen Penis mit dem Messer als Waffe gleichsetzte, und so als einen Gegenstand mit Verletzungspotenzial zeigte.”

Obwohl Thompson einräumt, dass es sich dabei um ein extremes Beispiel handelt, argumentiert sie, dass dies Teil der Logik aller Cyberflasher sei:

Sie würden denken, sie hätten das Recht, sich jemand anderem aufzudrängen. Ob diese Person das als bedrohlich empfinde, sei zweitrangig.

Andere Männer, mit denen die HuffPost gesprochen hat, sagten, dass Einschüchterung überhaupt nicht ihre Absicht sei – das Problem sei die Unwissenheit; dass die Gesellschaft es schwer mache, Sex und Beziehungen zwischen Männern und Frauen zu steuern.

Unsicherheit der Männer führt angeblich zum Verschicken von Penis-Fotos

Alex* zum Beispiel führt an, dass es widersprüchliche Aussagen darüber gebe, was Flirten bedeutet. Die Männer wüssten daher nicht mehr, was erlaubt sei:

“Im besten Fall ist alles unglaublich verwirrend, im schlimmsten Fall völlig widersprüchlich. Sei selbstbewusst und direkt. Sei nicht unheimlich. Sprich uns nicht beiläufig im Bus an. Du musst von Anfang an zeigen, dass du weißt, was du willst. Ihr Einverständnis ist immer erforderlich. Wenn man vor dem Küssen um Erlaubnis fragt, ist das ein Abtörner. Stelle dem Mädchen nach, dann wirst du es irgendwann bekommen. Große Gesten wirken verzweifelt und seltsam. Große Gefühle zeigen ist bezaubernd. Und so weiter.“

Bessere Gesetze könnten helfen, einige dieser offenbar vorhandenen (oder vorgeschobenen) Unklarheiten zu beseitigen. Doch ohne kulturellen Wandel wird sich nichts ändern.

Das sehen auch einige Politiker so. So beispielsweise Maria Miller, Abgeordnete der Conservative Party, die im britischen Parlament einen neuen Gesetzesentwurf mit anstößt. Sie mahnt:

“Wir müssen uns mit einigen zutiefst unbequemen Wahrheiten über unsere Gesellschaft und über die Einstellungen einiger Männer auseinandersetzen. Gesetze allein können die kulturelle Akzeptanz von sexueller Belästigung nicht verschwinden lassen.”

Zur Rechtslage in Deutschland:

Das Verschicken unangebrachter Fotos ohne Einverständnis – wie beispielsweise von Penis-Bildern – fällt unter den Tatbestand der Verbreitung pornographischer Schriften und ist strafbar (Tatbestand des §184 Abs. 1 Nr. 6 StGB). Auch das Versenden anzüglicher Nachrichten, kann den Tatbestand sexueller Beleidigung erfüllen, wenn der Empfänger oder die Empfängerin der Nachricht nicht einverstanden ist (Tatbestand des §185 StGB).

*Alle Namen wurden zum Schutz der Beteiligten anonymisiert.

Dieser Beitrag erschien ist zuerst in der britischen Ausgabe der HuffPost erschienen und wurde von Katharina Wojczenko übersetzt.

(ujo)