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13/07/2018 23:59 CEST | Aktualisiert 13/07/2018 23:59 CEST

Connectedness: Verbundenheit im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung

Im Gespräch mit Prof. Dr. Hüther: Er ist Neurobiologe, Sachbuchautor und Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung. Er befasst sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung, z. B. Akademie für Potenzialentfaltung und Kulturwandel in Unternehmen und Organisationen.

Foto und Copyright: Gerald Hüther

Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Leider ist der Begriff „Nachhaltigkeit“ zu einem Schlagwort geworden, das inzwischen all zu oft benutzt wird, um nach wie vor primär profitorientierte Interessen angesichts einer für die Folgen der rücksichtslosen Zerstörung natürlicher Ressourcen sensibilisierten Öffentlichkeit durchzusetzen. In dieser Weise missbrauchen lässt sich dieser Begriff wohl deshalb, weil er nicht klar zum Ausdruck bringt, worum es geht, wenn etwas nachhaltig sein soll.

Vor welchen großen Herausforderungen steht die Menschheit und welche Rolle spielt dabei das Thema Nachhaltigkeit?

Es scheint schon immer die gleiche Herausforderung zu sein, vor der die Menschheit steht: Erst verändern die Menschen ihre Lebenswelt und nennen das begeistert Fortschritt und anschließend stehen sie ratlos vor den Folgen dieser Veränderungen. Nun müssten sie sich selbst verändern, wissen aber nicht, wie das gehen soll.

Wir haben gegenwärtig das große Problem, das die hierarchische Ordnungsstruktur, die unser Zusammenleben während der letzten zehntausend Jahre gelenkt und bestimmt hat für die nun notwendigen Veränderungen nicht mehr geeignet ist. Unsere Lebenswelt ist viel zu komplex geworden und verändert sich viel zu rasch. Die hierarchischen Ordnungen sind für diese neuen Herausforderungen einer komplexen, vernetzten, digitalisierten und auf so vielfältige Weise voneinander abhängigen Lebenswelt viel zu starr und erzeugen zu große Reibungsverluste. Einen geeigneteren, kohärenz-stiftenden Ansatz für die Aufrechterhaltung und die Weiterentwicklung eines konstruktiven menschlichen Zusammenlebens haben wir noch nicht gefunden. Als Einzelkämpfer kommen wir nicht weiter, als hierarchisch organisierte Not-, Zwangs- und Besitzstandwahrungsgemeinschaften auch nicht und ohne irgendeine Ordnung, also in einer Anarchie, geht es auch nicht. Das ist unser Problem, und das werden wir irgendwie lösen müssen, wenn wir auf diesem Planeten überleben und ihn nicht wie die Heuschrecken kahl fressen wollen.

Was hält unsere Welt und uns als menschliche Gemeinschaft zusammen und gibt es ein Ende des wirtschaftlichen Wachstums?

Zusammengehalten werden menschliche Gemeinschaften nicht durch besonders ausgeklügelte Organisationsformen, sondern durch ein von allen Mitgliedern erlebtes Gefühl von Zugehörigkeit, das aber die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten nicht unterdrückt, sondern in vollem Umfang zur Entfaltung bringt. Es geht also um das Gefühl von Verbundenheit, und zwar so, dass sich jedes Mitglied einer Gemeinschaft dabei gleichzeitig so autonom und frei wie möglich fühlt. „Individualisierte Gemeinschaften“ nennen das die Anthrophologen. Was in solchen Gemeinschaften wächst und auch unbegrenzt wachsen kann, ist die Intensität und die Qualität der Beziehungen, die ihre Mitglieder verbinden und damit auch das in jedem einzelnen Mitglied und in der ganzen Gemeinschaft zur Entfaltung kommenden Potential. Aufgabe der Wirtschaft ist es, diesen Entfaltungsprozess zu ermöglichen, nicht aber wie bisher, ihn zu unterdrücken. Dazu braucht es kein wirtschaftliches Wachstum, sondern eine andere Ausrichtung und Zielsetzung unternehmerischen Handelns.

Warum brauchen wir ein neues Weltbild und welche Rolle spielt dabei das Konzept der Potenzialentfaltung?

Was wir brauchen, ist zunächst ein günstigeres Bild von uns selbst und unseren eigenen Möglichkeiten, auch unserer Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Vielfalt natürlicher Lebensformen auf unserem Planeten. Aus diesem anderen Selbstbild erwächst dann zwangsläufig auch ein anderes, günstigeres Weltbild. Wir kämen so wieder in Einklang mit dem von den Physikern beobachteten Prinzip, dass es bei der Entwicklung des Universums immer um die Vergrößerung eines Möglichkeitsraumes geht – also um Potentialentfaltung, nicht nur für uns, sondern für alles, was sich entwickelt.

Warum ist Verbundenheit im modernen Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung von so zentraler Bedeutung?

Jede Weiterentwicklung beruht ja darauf, dass etwas bisher unverbundenes miteinander in Beziehung tritt und miteinander verbunden wird. Das gilt für die Entwicklung neuer Ideen ebenso wie für innovative digitale Lösungen oder erfolgreiche Unternehmungen, beispielsweise Startups. Und natürlich gilt das auch für uns Menschen. Recht gut sind wir schon, wenn es darum geht, unsere kognitiven Leistungen, also unser Wissen weltweit zu verbinden und für sehr viele Menschen zugänglich zu machen. Was bisher nicht so recht und vor allem über alle Grenzen und Unterschiede hinweg geklappt hat, ist menschliche Verbundenheit auf der emotionalen Ebene. Ohne diese Herzensverbundenheit werden wir keinen neuen Formen des Zusammenlebens entwickeln und auch keine Verantwortung füreinander und für das, was wir in der Welt anrichten, übernehmen können.

Wie können ein Bewusstseinswandel, eine Veränderung der Haltung und Werte bzw. eine Transformation von der Ressourcenausnutzung hin zur nachhaltigen Potentialentfaltung aussehen?

Die entscheidende Voraussetzung für das Zustandekommen eines solchen Transformationsprozesses ist eine einfache Erkenntnis: Wir müssten aufhören, uns gegenseitig zu Objekten unserer Absichten und Ziele, unserer Erwartungen und Bewertungen, unserer Belehrungen und Maßnahmen machen. Die Umsetzung dieser Erkenntnis ist schwer, weil die meisten Menschen noch zu sehr in den Denk- und Verhaltensmustern gefangen sind, die unser bisheriges Zusammenleben in hierarchischen Ordnungen bestimmt haben.

Welchen Beitrag haben die Neurowissenschaften zu einem Paradigmenwechsel in den Life Sciences bzw. einem neuen, vernetzten und lebendigen Weltbild geleistet?

Die Neurowissenschaftler haben Erkenntnisse hervorgebracht und Argumente geliefert, die sich – wie alle wissenschaftlichen Entdeckungen – von maßgeblichen und einflussreichen Personen nutzen lassen, um bestimmte, von ihnen und ihren Anhängern als wünschenswert erachtete Entwicklungen voranzubringen. Neurowissenschaftliche Entdeckungen sind prinzipiell wertfrei und für alles nutzbar: für Drogenproduzenten, für das Militär, für Wirtschaft und Politik. Aber eben auch für Selbsterkenntnis, Bewusstheit, Potentialentfaltung und ein vernetzteres, lebendiges Weltbild. Entscheidend ist also nicht, was in einer Wissenschaftsdisziplin entdeckt, sondern wofür es genutzt wird.

Welche Rolle spielen das Subjekt-Objekt-Modell bzw. wie sollten Beziehungen aussehen?

Der Leitsatz der Akademie für Potentialentfaltung lautet: Solange Menschen sich gegenseitig zu Objekten machen, können sie die in ihnen angelegten Potentiale nicht zur Entfaltung bringen. Sie sind dann im wesentlichen damit beschäftigt, die daraus für sie selbst und ihr Zusammenleben mit anderen erwachsenden Probleme zu lösen. Sobald es aber den Mitgliedern einer menschlichen Gemeinschaft gelingt, einander als Subjekte zu begegnen, sich gegenseitig einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, ist die Entfaltung der in jedem einzelnen Mitglied und in der gesamten Gemeinschaft angelegten Potentiale unvermeidbar.

Wie kann ein Kulturwandel in Unternehmen und im Bildungssystem aussehen?

Glücklicherweise gibt es ja praktische Beispiele für solche gelungenen Transformationsprozesse. Sie alle beruhen darauf, dass die alten hierarchischen Strukturen abgebaut werden und die beteiligten Personen sich wieder als Gestalter ihres Lebens, ihrer Lern- und Arbeitsprozesse, auch ihres Zusammenlebens erfahren. Sie emanzipieren sich also als Subjekte, und so begegnen sie einander. In der Anfangsphase von Start-Up-Unternehmen ist das besonders gut zu beobachten, bisweilen gelingt aber auch ein solcher Kulturwandel in bereits etablierten Unternehmen (www.kulturwandel.org). Unsere Bildungseinrichtungen sind noch sehr stark in tradierten hierarchischen Ordnungsstrukturen gefangen. Aber auch hier gibt es ermutigende Beispiele einer gelungenen Umorientierung (www.schule-im-aufbruch.de). Entscheidend dafür ist es offenbar, ob von den Mitgliedern einer Gemeinschaft, auch in einem Unternehmen oder einer Bildungseinrichtung ein gemeinsames Anliegen gefunden und verfolgt wird.

Welche Bedeutung hat die Systemik, Kybernetik bzw. das vernetze Denken für ein neues Bewusstsein?

Alles hat irgendeine Bedeutung und wir können auch allem eine Bedeutung verleihen. Je nachdem, was wir gerade für besonders wichtig halten. Systemische und kybernetische Ansätze und vernetztes Denken gibt es schon seit einiger Zeit. Ein neues Bewusstsein haben sie aber bisher noch nicht hervorgebracht. Vielleicht ist Bewusstsein auch gar kein kognitives Phänomen. Da Bewusstsein immer subjektiv, also von einer denkenden und fühlenden Person entwickelt wird, muss es immer auch einen entsprechenden emotionalen Anteil haben. Wenn mir etwas bewusst wird, fühle ich das auch, manchmal spüre ich es sogar körperlich.

Vielen Dank für das Gespräch.