POLITIK
18/03/2018 21:10 CET | Aktualisiert 19/03/2018 10:44 CET

Wie die Neue Rechte auf der Leipziger Buchmesse vom Regimesturz träumt

“Wir müssen die Bosbachs und Bachmanns zusammenbringen.”

Jürgen Klöckner / HuffPost
  • Die Neue Rechte hat auf der Leipziger Buchmesse eine Bühne bekommen
  • Zwei Vordenker der Szene haben dort über eine neurechte Revolution gesprochen - und, wie unterschiedlich ihre Vorstellungen davon sind

In Deutschland lässt sich wieder vom Regimesturz träumen. Und zwar in einer abgeschirmten, roten Box, Halle 3, Stand 504 auf der Leipziger Buchmesse.

► Auf dem Podium sitzt der Verleger Götz Kubitschek, schwarzes Sacko, schwarzer Rollkragenpulli, schwarze Hose. Er ist einer der einflussreichsten Denker der Neuen Rechten.

► Neben ihm: Jürgen Elsässer, Chefredakteur des rechten und verschwörungstheoretischen “Compact”-Magazins, der Mann liegt halb in seinem Stuhl.

Der Traum vom Umsturz hat es in bürgerliche Foren geschafft

Eigentlich soll es bei der Veranstaltung am Sonntag um die Rolle rechter Medien gehen – oder “oppositionellen Medien”, wie es in der Ankündigung steht.

Stattdessen geht es von Anfang an um den Regimesturz, der wohl undemokratischsten und brutalsten Form der politischen Veränderung.

► Sie hat es von den Brauhauskellern und geschlossenen Facebookforen in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft und auf das Podium einer der größten und wichtigsten Buchmessen Europas geschafft. 

Wer zuhören wollte, musste rund eine Stunden anstehen, um noch einen Platz zu bekommen. Am Samstag protestierten hier Antifa-Aktivisten, einen Tag später bleibt es ruhig, fast wie bei einer Sonntagsmesse – zumindest oberflächlich.

Unterschiedliche Vorstellungen vom ReiSturz

In der nächsten halben Stunde werden Elsässer und Kubitschek erklären, wie sie sich ihr neurechtes Deutschland vorstellen – bewacht von drei Polizisten und mehreren Sicherheitsleuten.

Spannend daran ist, dass die beiden davon offenbar unterschiedliche Vorstellungen haben.

Elsässer sieht es als Aufgabe der “oppositionellen Medien” an, “zum Sturz des Regimes beizutragen”, wie er sagt. Dafür müsse die Spaltung der Gesellschaft vertieft werden.

“Wir brauchen den Riss in der CDU, den Sicherheitsapparaten und den etablierten Medien”, erklärt Elsässer. “Meine Kunst sehe ich darin, einen Bosbach mit einem Bachmann zusammenzubringen und gegenseitig Rücksicht aufeinander zunehmen.”

Allianz aus Straßenaktivisten und Politikern

Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach war einer der lautesten Kritiker der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, Lutz Bachmann hingegen ist Gründer und Kopf der islamfeindlichen Bewegung Pegida.

► Die beiden Seiten haben bislang nichts miteinander zu tun. Doch Elsässer will eine Allianz aus Straßenaktivisten und Politikern schaffen, im “Widerstand” vereint, wie auf Pegida-Demonstrationen und AfD-Veranstaltungen immer wieder skandiert wird. 

Hinter dem Begriff Widerstand verbirgt sich nichts anderes als der Aufruf zum zivilen Ungehorsam, was Elsässer auch mehr oder weniger deutlich sagt.

Man müsse “die Kampfmoral und den Mut der breiten Masse heben”, betont er.

Dieses Gefühl habe er zuletzt bei der umstrittenen Aschermittwoch-Rede des mittlerweile zurückgetretenen AfD-Landeschefs André Poggenburg gespürt, der unter anderem forderte, Türken abzuschieben.

Neue Rechte mit intellektuellem Anstrich

Die Forderung rief einen Sturm der Empörung hervor, Poggenburg musste darauf seinen Posten räumen. Für Elsässer hingegen war die Rede “ein Fest”. Der Journalist ist froh, wenn Deutschland “Politiker hat, die sich auch als Kämpfer verstehen.”

Kubitschek sieht das anders. Er zielt auf das Bürgertum ab, indem er der Neuen Rechten einen intellektuellen Anstrich verpasst.

Die Aufgabe der rechten Bewegung sei es vielmehr, “Normalität herzustellen.” Mit radikaler Sprache erreiche er niemanden, den er nicht schon längst erreicht habe.

► “Das ist meine Kritik an Leuten wie Poggenburg oder (AfD-Thüringen-Chef Björn) Höcke. Die kriegen vielleicht ein bisschen Applaus in einem Saal. Aber hunderttausend Wähler werden davon abgeschreckt. Die sind das nicht gewohnt.”

Umsturz – auf zivilisierte Weise

Deswegen will Kubitschek auch nicht von einem Sturz reden. “Das klingt für mich nach Oktoberrevolution oder nach einem krassen Auftritt”, sagt er.

Stattdessen müsse die rechte Bewegung “das Niveau heben” – das sei überhaupt der Schlüsselbegriff. “Man kann alles genau so hart und deutlich sagen, und doch auf ein anderes Niveau heben.”

Dann werde sich als nächstes in Deutschland eine “Welle der Bekenntnislust” ereignen. “Eine Bekenntnislust von Bürgern, die sagen: Ich auch. Ich habe auch die AfD gewählt. Ich bin auch mitmarschiert”, glaubt Kubitschek.

Dann finde der “berühmte Sturz des Regimes auf die zivilisierte Art und Weise statt, wie wir es in unserem Land gewohnt sind.”

Bevölkerungsschichten gegeneinander aufstacheln

“Ich warne immer davor, von Revolten zu träumen, wenn ich auf junge Leute treffe, die eine Temperaturerhöhung haben. Unser Weg ist einer, der unserem Volk angemessen verlaufen muss”, gibt der neurechte Verleger zu Bedenken.

Dass aber auch Kubitschek kein Problem damit hat, wenn Bevölkerungsschichten gegeneinander aufgestachtelt werden wie bei der Aschermittwochsrede von Poggenburg, sagt er ganz zum Schluss.

► “Man muss als Landeschef nicht alles selbst machen”, sagt er. “Es gibt ja Leute, die so ein Ding mal raushauen können – und man bleibt selber trotzdem im Amt.”

Update 18. März, 22.45 Uhr: In einer vorherigen Version des Artikels war von einem “Systemsturz” die Rede. Tatsächlich wurde aber auf der Veranstaltung ein “Sturz des Regimes” thematisiert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

(mf)