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16/05/2018 17:25 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 10:31 CEST

Ich reise als Clown durch Kriegsgebiete, um Kindern zu helfen

Durch das Lachen fühlen sie sich wieder lebendig.

Oben im Video seht ihr eine weitere rührende Geschichte. Ein Finne riskiert sein Leben, um Kinder in Syrien zum Lächeln zu bringen.

Vor vier Jahren war mein Leben komplett anders. 2014 war ein Jahr, das sich wie ein unerbittlicher Test für meine Ausdauer und für meine körperliche und geistige Gesundheit anfühlte.

Ich machte eine schwere Trennung durch. Nur einen Monat später, erlitt ich eine Fehlgeburt. An diesem Tiefpunkt meines Lebens habe ich für mich keinen Ausweg mehr gesehen.

Aber eines Nachmittags beschloss ich, dass ich nicht aufgebe.

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Ich kannte die NGO “Clowns ohne Grenzen”, die mit Kindern in Südafrika und anderen Ländern arbeitet und fragte mich, ob es möglich wäre, dort als Clown zu volontieren. Also kontaktierte ich die Organisation.

Das Team antwortete mir, es gäbe keine Abteilung für Großbritannien, aber ich könne eine gründen.

Ich gründete “Clowns ohne Grenzen” in Großbritannien 

Vier Jahre später: Es ist Mai 2018, ich bin Direktorin der britischen Stiftung und könnte nicht stolzer auf “Clowns ohne Grenzen UK” sein. Eine humanitäre und gemeinnützige Stiftung, deren Mitarbeiter um die Welt reisen, Kindern Lachen schenken und mit ihnen spielen – trotz der schlimmsten Umstände.

Ich hätte nicht in meinen verrücktesten Träumen daran gedacht, dass ich das jemals machen werde. 

An einen Moment werde ich mich immer erinnern. Ich reiste gerade zum ersten Mal in meinem Leben in ein Krisengebiet. Ich war in einem winzigen Flugzeug, das von Manila nach Leyte flog. Und zwar nur acht Wochen, nachdem der Taifun Haiyan die Insel verwüstete, 6500 Menschen starben und Hunderttausende obdachlos wurden.

Als wir im Landeanflug waren, konnte ich die zerstörten Häuser sehen. Stahlträger, die in den ungewöhnlichsten Winkeln aus dem Boden stachen. Ein Haus nach dem anderen ohne Dach. Palmen, die samt Wurzeln aus dem Boden gerissen waren. Und überall Trümmer.

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Ich dachte, ich habe einen Fehler gemacht

Ich hatte Angst und erinnere mich, dass ich damals dachte, ich hätte einen schrecklichen Fehler gemacht.

Ich fragte mich: Welches Recht haben Clowns in einer solchen Situation aufzutauchen? 

Clowns without Border UK
Die humanitäre Organisation bringt Kinder wieder zum Lachen.

Für unsere erste Performance nahm uns die NGO, mit der wir vor Ort arbeiteten, zu einem Open-Air-Basketball Feld mit. Wir spielten zwischen Metallstangen, die aus dem Boden stachen, und Plastikteilen, die aus dem nächstgelegenen Dach fehlten.

Während einer Verfolgungsjagd-Szene rannte ich um die Zuschauer herum und sah eine junge Frau, die eine andere in den Arm nahm und sie tröstete. Die beiden weinten. Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich dachte, wir sollten nicht hier sein.

Als die Vorstellung zu Ende war, ging ich zu unseren Partnern vor Ort, um mit ihnen zu reden. Ich stellte das Projekt in Frage und dachte, dass wir die Menschen mit unserer Anwesenheit stressen würden. 

Meine Kollegen sagten mir, dass die zwei Frauen nicht geweint hätten, weil sie traurig gewesen seien. Sie hätten geweint, weil es das erste Mal war, dass sie ihre Kinder lachen sahen, seitdem die Naturkatastrophe passiert sei.

Durch das Lachen fühlen sich die Menschen wieder lebendig

Wir verbrachten sechs weitere Tage mit Vorstellungen und gaben Clown-Workshops für Teenager.

An meinem letzten Tag sagte Anna-Mai, ein wundervolles Mädchen, etwas zu mir, das sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Und zwar: “Ich dachte, es würde sehr lange dauern, bis ich wieder lachen könnte. Aber jetzt habe ich es getan, und es fühlt sich an, als wäre ich zurück.”  

Seit diesem Erlebnis kämpfe ich dafür, die Stiftung erfolgreich zu machen.

Es ist wichtig zu sagen, dass wir kein Allheilmittel besitzen. Aber das, was “Clowns ohne Grenzen” macht, ist ruhmvoller Trotz.

Trotz, der nicht akzeptiert, dass die Krise, der Konflikt oder die drohende Gefahr stärker sein soll, als die Möglichkeit für Kinder zu lachen und frei von Sorgen zu sein – mag es auch nur für einen Moment sein.

Ich bin nur ein Clown, aber ich habe selbst gesehen, welchen Unterschied ein Lachen für Kinder machen kann, die darum kämpfen, die Welt um sie herum zu verstehen.  

Und darum werde ich, trotz der Komplexität, die die Leitung einer Stiftung mit sich bringt, weiter machen.

Ich gebe den Kindern ihr Lachen zurück

Ich weiß, dass meine Arbeit weder Naturkatastrophen noch Kriege oder bewaffnete Konflikte auf der ganzen Welt stoppen wird, aber ich kann meinen Teil dazu beitragen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Indem ich Gelächter an Orte bringe, wo keines ist, und indem ich Kindern zeige, dass wir uns um sie sorgen und darum, was mit ihnen passiert.

Clowns Without Borders UK
Samantha Holdsworth

2017 wurde ich Mutter einer Tochter. Manchmal fühlt es sich an, als hätte ich nicht eins, sondern zwei Kinder. Mathilda, die jetzt beinahe ein Jahr alt ist – und “Clowns ohne Grenzen”. Eine Mutter zu sein und eine neu gegründete Stiftung zu leiten ist eine große Herausforderung. Ich schätze, das liegt zum großen Teil am Schlafentzug.

Die Stiftung durchläuft gerade eine nie dagewesene Phase des Wachstums. Das ist sehr spannend und wir haben lange darauf hingearbeitet. Babys und eine wachsende Organisation passen nicht immer zusammen. Deswegen bin ich besonders stolz und glücklich, dass ich es geschafft habe einen Weg zu finden, wo beides funktioniert.

Es wird ein geschäftiges Jahr für die Clowns. Wir sind gerade erst aus Bangladesch und Griechenland zurückgekommen, wo wir tausende Flüchtlingskinder zum Lachen gebracht haben.

Außerdem haben wir ein einwöchiges Training in Jordanien gegeben, um langfristige Unterstützung im Za’atari Flüchtlingslager, nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze, zu gewährleisten.

Dort bedeutet unsere Arbeit, dass die Freude und das Lachen weitergehen können.  

Es ist Verantwortung und Privileg zugleich

Wir haben die Verantwortung und das Privileg, Kinder daran zu erinnern, dass es in Ordnung ist, Kind zu sein. Und das Lachen und Spielen immer noch möglich sind.

Wegen der Schwere der Traumata in den Regionen, die wir dieses Jahr besucht haben, haben wir bereits mit dem Spendensammeln begonnen. Nur so können wir dieses Jahr und auch 2019 in die Gebiete zurückkehren.

Wir haben das unglaubliche Glück, von fantastischen Vorständen und Freiwilligen aus der ganzen Welt unterstützt zu werden. Unserer Mitglieder sind ausgebildete Schauspieler, Experten im Bereich Katastrophenbewältigung, Unternehmer und mehr.

Erst letzte Woche veranstaltete “The Brighton Spiegeltent”, einer unserer beliebten Veranstalter in Brighton, einen Benefizabend für uns. Regionale Künstler spendeten ihre Zeit und sammelten über 1000 Pfund, um unsere Arbeit zu unterstützen.

Den Erfolg, den die Stiftung bisher hatte, ist phänomenal. Wir können unseren Helfern und Unterstützern gar nicht genug danken. Es war nicht immer ein einfacher Weg, aber ich lebe nach dem Motto: “Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.”

Samantha Holdsworth ist Gründerin von Clowns ohne Grenzen UK.

Dieser Text ist zuerst bei Huffpost UK erschienen und wurde von Aline Prigge ins Deutsche übersetzt.

(kap)