NACHRICHTEN
03/07/2018 14:28 CEST | Aktualisiert 04/07/2018 12:10 CEST

Hetze gegen Claudia Neumann: Das Problem ist nicht der Fußball

Nach jedem Spiel, das sie kommentiert, wird Neumann bedroht und beschimpft.

Im Video oben: Hass gegen WM-Kommentatorin Claudia Neumann – das ZDF reagiert falsch.

Montagabend, 20 Uhr. Das Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft, Belgien gegen Japan. Übertragen wird das Spiel im ZDF, Claudia Neumann kommentiert. Es ist nicht das erste Spiel bei dieser Weltmeisterschaft, es ist überhaupt nicht das erste große Turnier, bei dem Neumann kommentiert.

Und – der halbwegs aufmerksame Beobachter weiß es inzwischen – schon wieder gibt es Hass. Neumann wird in sozialen Netzwerken beschimpft, beleidigt, bedroht, weil sie eine Frau ist, die ein Fußballspiel kommentiert.

Nun regen sich natürlich auch sehr viele Menschen über diesen Hass auf. Das ZDF fühlt sich dazu gedrängt, Neumann zu verteidigen. Viele Journalistenkollegen – auch männliche – beschweren sich, dass es im Jahr 2018 noch keine Normalität ist, dass eine Frau ein Fußballspiel kommentiert.

Und für viele steht der Schuldige fest: der Fußball.

Claudia Neumann ist nicht die einzige, der gedroht wird

Der Fußball, das letzte Refugium für wahre Männer, habe ein Frauenproblem. Der Hass von Fußballfans auf Frauen, die da irgendwie mitmischen wollen, liege in der Sportart selbst.

Natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass es unter Fußballfans sexistische Idioten gibt. Dass ein Bolz-Machismo von vielen Fans, Spielern, Verantwortlichen gelebt wird.

Aber: Es ist viel zu einfach, die Schuld auf den Fußball zu schieben.

Nicht nur Claudia Neumann bekommt Vergewaltigungsdrohungen bei Facebook und Twitter, weil sie einen japanischen Spieler dem FSV Mainz 05 zuordnet, obwohl der eigentlich beim 1. FC Köln spielt.

Hass im Internet bekommen auch sehr viele Frauen zu spüren: Politikerinnen, Bloggerinnen, Prominente, Journalistinnen, Aktivistinnen. Oder einfach Frauen, die ihre Meinung sagen – ob sie sich nun in der Öffentlichkeit bewegen oder nicht.

Das Problem ist nicht der Fußball. Das Problem ist das Internet.

Der Hass gegen Frauen im Internet habe ein epidemisches Ausmaß erreicht, schrieb die britische Feministin Laurie Penny schon 2013.

Vergewaltigungsdrohungen, Diffamierungen, Beschimpfungen – alles oft sexueller Natur. Was Frauen im Netz entgegenschlägt, offenbart einen tiefen Frauenhass. Und der lässt sich im anonymen Raum des Internets, wo jeder, der angegriffen wird, ganz weit weg ist, perfekt ausleben.

Männer bekommen weit weniger Hass zu spüren

Die Grünen-Politikerin Simone Peter erfuhr ihn, nachdem sie den Einsatz der Kölner Polizei in der Silvesternacht kritisierte. Die Linken-Politikerin Sevim Dagdelen erlebte ihn nach Talkshow-Auftritten. Die Autorin Margarethe Stokowski, die auf “Spiegel Online“ über Feminismus schreibt, ist ihm ausgesetzt.

Laut einer Umfrage von Amnesty International ist bereits jede vierte Frau Opfer von Anfeindungen in sozialen Netzwerken geworden. Die Hälfte dieser Beleidigungen haben einen sexistischen oder frauenfeindlichen Inhalt.

Wie sehr Anfeindungen und Beleidigungen im Internet ein Problem sind, das in erster Linie Frauen betrifft, zeigt ein Experiment der Startup-Gründerin Julia Enthoven. Enthoven baute auf ihrer Website ein Chat-Tool ein, um mit Usern in Kontakt zu treten. Sobald ein User auf die Chatbox auf der Seite klickte, ploppte ein Fenster auf – mit Enthovens Namen und ihrem Foto.

Einfaches Rezept gegen Hass: Sei ein Mann

Doch die Funktion wurde missbraucht. Enthoven wurde Opfer von sexistischen Witzen, Anmachen, Beleidigungen, Anfeindungen. Die Nachrichten häuften sich. Und da kam Enthoven eine Idee. Sie änderte den Avatar, benannte ihn nach ihrem (männlichen) Mitgründer und setzte sein Foto ein.

Beinahe sofort hörten die Belästigungen auf. Danach änderte Enthoven den Avatar auf ein fiktives blondes Model namens Rachel Gray. Und neben Beleidigungen und Beschimpfungen bekam Gray auch zahlreiche Drohungen. Als Enthoven dem Avatar anschließend den Namen des Unternehmens gab und das Bild mit dem Logo ersetzte, ebbte die Hassflut wieder ab.

Enthovens Fazit: Es gibt ein einfaches Rezept im Internet keinen Hass zu erleben – sei ein Mann.

Es ist nicht der Fußball, der ein  Frauenproblem hat. Es ist eine Gesellschaft, in der immer noch sehr viele Menschen überhaupt ein Problem mit Frauen haben. Und das Internet ist der perfekte Ort, diese Gefühlslage öffentlich zu machen. Egal, ob das Ziel der Angriffe eine Politikerin, eine Gründerin oder eine Fußball-Kommentatorin ist.

(nc)