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03/04/2018 18:02 CEST | Aktualisiert 03/04/2018 19:47 CEST

Liebeserklärung an den Brennpunkt: Warum auch ihr hier wohnen solltet

Das Leben im Brennpunkt hat viele gute Seiten, man muss sie nur erkennen können.

Auf dem Bildschirm neben mir läuft der Countdown: Drei, Zwei, … Die Eins kriege ich schon gar nicht mehr mit. Mit 45 Kilometer pro Stunde werde ich durch einen gelben Schlauch mit Loopings geschossen.

Unten im Auffangbecken angekommen, muss ich zuerst mal mein Bikinioberteil suchen.

Das “Aqualand“ in Köln ist berühmt-berüchtigt für seine Raketenstartrutsche. Wofür es noch berühmt ist, ist seine geografische Lage: Das Spaßbad liegt in dem sozialen Brennpunkt Köln-Chorweiler.

Alle warnten mich vor Chorweiler

Chorweilers schlechter Ruf war mir schon bekannt, bevor ich ins Rheinland kam. Meine Freunde aus Bonn und Köln hatten mich in ihrer Beschreibung Kölns eindringlich davor gewarnt, in einen Stadtteil wie Chorweiler zu ziehen.

Sie geizten dabei nicht mit Ghetto-Attributen.

Chorweiler sei die Heimat zwielichtiger Gestalten. Drogenhandel, Prostitution, Ausländer, alles, was eben schlecht ist, sei dort überproportional vertreten.

Ob sie schon einmal dort waren, beantworteten alle zwar mit “Nein“, aber man wisse halt, dass Chorweiler “schlimm“ sei. Unterbewusst übernahm ich diese Einstellung, bis ich mich Jahre später eines Besseren belehren ließ.

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Mal wieder befand ich mich auf WG-Zimmersuche. Ich hatte wenig Zeit und wenig Geld.

Zwei Faktoren, die die Suche im teuren Köln zum Ding der Unmöglichkeit machen. Natürlich fand ich nichts.

Mir blieb nichts anderes übrig, als auf sogenannte “Brennpunkte“ auszuweichen.

Chorweiler: Alles ein bisschen heruntergekommener

Tatsächlich landete ich im Winter 2014 in Köln-Chorweiler. Streng genommen war es ein Stadtteil in der Nähe von Chorweiler.

Allerdings musste man immer nach Chorweiler fahren, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Hier gab es Ämter, Supermärkte und das City Center.

► Das Leben im Brennpunkt stellte ich mir krasser vor, als es wirklich war.

Die kriminellen Übergriffe blieben aus. Auch nachts.

► Wie auch in anderen Stadtteilen, lief hier alles ganz normal ab.

Menschen gingen einkaufen, plauderten beim Warten auf den Bus miteinander oder hingen zusammen vor den Imbissen und Kiosken ab.

► Der einzige Unterschied zu den hippen Stadtteilen war, dass hier alles ein bisschen heruntergekommener aussah und stereotypische Deutsche eher wenig vertreten waren.

Was nicht heißt, dass es sie nicht gab. Das Verhältnis von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ist in Köln-Chorweiler sehr ausgeglichen.

Der Gemeinschaftssinn ist in Brennpunkten sehr ausgeprägt

Die Menschen hier kennen sich untereinander sehr gut. Nie konnten zwei Menschen aneinander vorbeigehen, ohne sich überschwänglich zu begrüßen.

Das ist etwas, was ich aus den Szene-Vierteln nicht kenne. Dort liegen überall Flyer aus, die dafür werben, sich via Internet mit den Nachbarn zu vernetzen.

Die Menschen im Brennpunkt brauchen dafür keine Werbung.

Hier ist intensiver Kontakt zu anderen Menschen Alltag – und das ohne Internet.

Fast immer sitzen kleine Gruppen auf Stühlen oder Bänken vor Geschäften und unterhalten sich.

Auf den Straßen spielen Kinder unterschiedlicher Nationen miteinander Fußball. Einmal habe ich aufgeschnappt, wie türkische und russische Kinder deutschen Kindern Worte in ihren Muttersprachen beibrachten.

Das fand ich besonders schön, weil Kinder ohne Migrationshintergrund so von klein auf lernen, dass Diversität normal ist. Der Gemeinschaftssinn ist hier sowieso viel stärker ausgeprägt, als in anderen Stadtteilen.

Menschen, die Geld haben, ziehen nicht in den Brennpunkt

Im Stadtbild macht sich allerdings bemerkbar, dass die größte Bevölkerungsgruppe zu den sozial Schwachen gehört.

Anders als in “besseren“ Gegenden, wo viele Fairtrade-Cafés und kleine Boutiquen zu finden sind, reihen sich hier heruntergekommene Hochhaussiedlungen aneinander.

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Man braucht viel Willenskraft, um den Automatismus auszuschalten, dass man ästhetisch nicht so anspruchsvolle Gegenden sofort mit Kriminalität assoziiert.

Es ist klar: Menschen, die Geld haben, ziehen nicht in den Brennpunkt.

Das Leben im Brennpunkt ist entspannt

Für die Wohlhabenden sind die sogenannten “guten Gegenden” reserviert.

Orte mit vielen Ausgehmöglichkeiten, kulturellen Institutionen oder einfach nur Einfamilienhaus-Siedlungen mit Vorgärten.

Diese Viertel sind besonders bei jungen Menschen beliebt. Viele sagen, dass sie dieses “Mitten im Leben“-Gefühl dort schätzen.

Im Brennpunkt kann man auch mitten im Leben sein, allerdings ohne Instagramfilter.

Was das Leben hier besonders schön macht, ist, dass die Menschen, im Gegensatz zu den Snobs und Hipstern in den “guten“ Gegenden viel toleranter sind.

Das liegt daran, dass sowieso niemand Kohle für Statussymbole hat. Jeder kann so sein, wie er will.

Das macht das Zusammenleben automatisch authentischer.

Ihr Alltag sieht ganz anders aus, als es sich arrogante Großstädter vorstellen

Natürlich kann man nicht abstreiten, dass Kriminalität ein wiederkehrendes Problem ist.

Dafür kann der Rest der dort lebenden Menschen aber nichts. Die meisten von ihnen nervt es, dass ihr Image ohne ihr Zutun so schlecht ist. Ihr Alltag sieht ganz anders aus, als es sich arrogante Großstädter vorstellen:

Wir sind (...) nicht nur am Abkapseln, Messern und Selbstmördern. Wir geben unser Bestes, um in unseren eigenen kleinen Communitys aufzublühen – in unseren Vereinen, Gemeindehäusern oder bei einer Shisha im Café.“

Glücklicherweise zeigen Beispiele aus ganz Deutschland, dass ein negatives Image veränderbar ist.

Einige hippe Stadtteile, wie Köln-Ehrenfeld oder Berlin-Kreuzberg, haben ihre kriminelle Vergangenheit erst vor Kurzem hinter sich gelassen.

Wenn andere Menschen das Leben in Brennpunkten schlechtreden, machen sie das aus Bequemlichkeit. Sie machen das, indem sie viele unterschiedliche Menschen zu einer gesichtslosen Masse zusammenfassen und Klischees auf sie anwenden. Das nennt man vorurteilsbehaftetes Denken. 

Bildet euch eine eigene Meinung

Dieses Denken hält sich hartnäckig, weil sich einige Vorurteile in negativen Oberflächlichkeiten bestätigen. Oft wird von heruntergekommenen Hochhaussiedlungen auf ihre Bewohner geschlossen.

Dass das viel zu einfach gedacht ist, wissen die Wenigsten.

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Man kann natürlich nicht alles schönreden. Neukölln, Marxloh oder Chorweiler sind keine Wohnparadiese. Allerdings sind sie auch keine anarchistischen Höllen, wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wird.

Anstatt sich von Vorurteilen abschrecken zu lassen, kann man einfach mal was ganz Verrücktes ausprobieren und sich selbst eine Meinung bilden.

Das Leben im Brennpunkt hat viele gute Seiten, man muss sie nur erkennen können.

Von daher: Kommen Sie! Kommen Sie!

(fk)