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11/09/2018 14:49 CEST | Aktualisiert 11/09/2018 14:49 CEST

China: „Reichtum und Erfolg sind die großen Themen“

Dr. Dr. Rainer Zitelmann im Interview, © Dr. Dr. Rainer Zitelmann

Der Historiker und Soziologe Dr. Dr. Rainer Zitelmann war im August 2018 auf einer Vortragstour durch fünf chinesische Städte, sprach dort mit jungen Menschen, Journalisten, Wissenschaftlern und Investoren. Seine Eindrücke teilt er in einem Interview mit:

Was war der Anlass für Ihre Chinareise und wo waren Sie?

Zitelmann: Eingeladen hatte mich einer der führenden chinesischen Wissenschaftsverlage, Social Science Academic Press, in dem die chinesischen Übersetzungen meiner Bücher „Psychologie der Superreichen“ und „Reich werden und bleiben“ erschienen sind. Ich war in Peking, Guangzhou, Nanjing, Shanghai und Shenzhen.

Ihre Bücher handeln von finanzieller Freiheit und der Psychologie der Superreichen. Themen, die die Chinesen beschäftigen?

Zitelmann: Ja, sehr. Ich habe sechs Vorträge gehalten und ein Dutzend Interviews geführt. Und ich hatte den Eindruck, dass das Streben nach Reichtum das große Thema in der chinesischen Gesellschaft ist, besonders für junge Menschen. Ich habe eine unglaubliche Energie gespürt – in allen diesen Städten, aber besonders in Shenzhen, einer Stadt mit über zwölf Millionen Einwohnern. In der Mao-Zeit war das ein Fischerstädtchen mit 30.000 Einwohnern, die Menschen flüchteten von da in das nahegelegene Hongkong. Heute ist Shenzhen eine pulsierende Metropole, die junge Unternehmer aus China anzieht.

Chinesen interessieren sich für Reichtum, haben aber eigene Vorbilder, © Dr. Dr. Rainer Zitelmann

Haben die jungen Chinesen Vorbilder, eifern sie auch Leuten wie Jeff Bezos oder Bill Gates nach?

Zitelmann: Die Chinesen haben ihre eigenen Vorbilder. Sie eifern Leuten nach wie Jack Ma (Alibaba), Pony Ma (Tencent), Ding Lei (NetEase) und Robin Li (Baidu). Die genannten Unternehmer besitzen zwischen 17 und 47 Milliarden US-Dollar und sind durch Internetunternehmen vermögend geworden.

Wie wichtig sind politische Beziehungen in China? In ehemals sozialistischen Ländern, wie etwa in Russland, spielen solche Beziehungen oft eine entscheidende Rolle.

Zitelmann: Wir erleben im Moment die Entstehung einer neuen Klasse reicher Selfmade-Unternehmer, für die dieses Thema weniger wichtig ist als es in den vergangenen Jahrzehnten war. In Peking traf ich den renommierten Ökonomen Professor Zhang Weiying, der folgende Unterscheidung machte: In der ersten Phase der Privatisierung entstand eine Klasse reicher Chinesen, besonders im Finanz- und Immobilienbereich, die vor allem durch politische Verbindungen reich wurden. Jetzt entsteht in der zweiten Phase eine neue Klasse von Selfmade-Unternehmern, insbesondere im Internet-Bereich. Das ist ein großer Fortschritt.

Zhang Weiying ist ein sehr marktwirtschaftlich ausgerichteter Ökonom, der sich an Friedrich August von Hayek orientiert. Wie sieht er die Entwicklung in China?

Zitelmann: Er macht sich Sorgen, dass die Chinesen vergessen, was der Grund für den enormen wirtschaftlichen Erfolg der vergangenen Jahrzehnte war, nämlich die Zurückdrängung des Staatseinflusses und die Entfaltung der Marktkräfte. Er wendet sich gegen die im Westen - aber auch in China - verbreitete Theorie, der Erfolg sei einem besonderen „chinesischen Modell“ geschuldet, in dem der Staat eine starke Rolle spielt.

„Wir haben die Erfolge nicht wegen des nach wie vor bestehenden großen Staatseinflusses errungen, sondern trotz dieses Staatseinflusses“, sagt er. China werde nur dann eine gute Zukunft haben, wenn der Weg der letzten drei Jahrzehnte, also mehr Markt und weniger Staat, weiterverfolgt werde. Ich habe ihn ja ausführlich in meinem Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ zitiert und es war für mich wichtig, ihn jetzt auch persönlich kennenzulernen.

Asiaten stehen in den USA an der Spitze der Einkommenspyramide, © Dr. Dr. Rainer Zitelmann

Warum interessieren sich die Chinesen so sehr für Ihre Bücher?

Zitelmann: Das trifft nicht nur für China zu, sondern ebenso für Indien, wo Bücher von mir in fünf Sprachen übersetzt wurden. Auch in Südkorea sind meine Bücher sehr erfolgreich. Der Grund ist, dass die Asiaten hungriger sind als wir Europäer. Bei einem Vortrag in Shanghai fragte ich das Publikum, wem es heute besser geht als es den Eltern vor 30 Jahren ging. Alle hoben die Hand. Und das wollen sie fortsetzen.

Sie können diesen Erfolgshunger der Asiaten auch in den USA sehen: Früher waren drei Prozent der Erstsemester-Studenten in Princeton Asiaten, heute ist jeder vierte dort Asiate oder Amerikaner asiatischer Abstammung. In der Einkommenspyramide in den USA stehen nach wie vor die Schwarzen unten, danach kommen Latinos, dann Weiße und an der Spitze stehen Asiaten. Erfolg und Reichtum sind die beherrschenden Themen für viele Asiaten.

Bei Interviews mit deutschen Journalisten werde ich nicht selten skeptisch gefragt, ob es überhaupt erstrebenswert sei, reich zu werden oder ob es moralisch in Ordnung sei. In China wurde das in keinem der vielen Interviews in Frage gestellt – die Journalisten dort wollten nur wissen, wie man reich werden kann. Nach einer Veranstaltung in Peking kam ein 10-jähriger zu mir, der in gutem Englisch fragte, wann er mit einer unternehmerischen Nebentätigkeit neben der Schule beginnen solle, die ihn reich machen könne.