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26/08/2018 19:22 CEST | Aktualisiert 27/08/2018 20:13 CEST

Chemnitz: Nach tödlicher Messerattacke jagen rechte Hooligans Migranten

Auf den Punkt.

dpa
Blumen wurden in der Chemnitzer Brückenstraße niedergelegt. Nach einer Messerstecherei, wenige Meter abseits des Stadtfests, erlag eine Person ihren Verletzungen. Zwei weitere wurden schwer verletzt.

Es ist eine unheimliche Koinzidenz: Auf den Tag genau vor 26 Jahren endeten die gewalttägigen fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen.

Neonazis, die Molotow-Cocktails in einen von Vietnamesen bewohnten Block schleuderten, und die Beifall klatschenden und johlenden Schaulustigen zeigten die hässliche Fratze Deutschlands – nur wenige Jahre nach der feierlichen Wiedervereinigung.  

Aufgeheizt war die Stimmung auch am Sonntagnachmittag im sächsischen Chemnitz. Nach einem tödlichen Streit waren über 800 Menschen durch die Innenstadt marschiert – rechte Kleingruppen machten am Rand Jagd auf Migranten und attackierten die nur wenig präsente Polizei.

Erinnerungen an die düsteren 1990er Jahre wurden wieder wach. Was den Hass katalysierte, was genau in Chemnitz passierte und wie die Stadt reagierte – auf den Punkt gebracht.

Die Lage in Chemnitz:

► Die rechte Gruppierung “Kaotic Chemnitz” des örtlichen Fußball-Regionalisten hatte über die sozialen Netzwerke zu einem Protest unter dem Motto “Unsere Stadt – Unsere Regeln” aufgerufen. Hintergrund ist der Tod eines 35-jährigen Deutschen nach einem Streit zwischen Menschen mehrerer Nationalitäten in der Nacht zum Sonntag nach dem örtlichen Stadtfest.

► Die Demonstranten, unter denen sich zahlreiche gewaltbereite Rechte mischten und die den Protestzug zeitweise anführten, protestierten gegen Ausländerkriminalität und skandierten Sprüche wie “Wir sind das Volk”. 

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► “Die Personengruppe reagierte nicht auf die Ansprache durch die Polizei und zeigte keine Kooperationsbereitschaft”, teilte die Polizei mit. Die Menschen hätten sich plötzlich in Bewegung gesetzt. Die Polizei sei zunächst nur mit wenigen Kräften vor Ort gewesen, hieß es weiter. Weitere Einsatzkräfte kamen später aus Dresden und Leipzig. 

► Im Zuge des Protestmarsches sollen laut Augenzeugen gut zwei Dutzend Hooligans auf junge Migranten am Stadthallenvorplatz losgegangen sein und diese mit Flaschen beworfen haben.

► Auch an anderen Orten im Zentrum der sächsischen Großstadt soll es laut MDR zu Jagdszenen gekommen sein. Demnach sollen sich einzelne Gruppen aus dem Protestzug gelöst und unter dem Ruf “Kanakenklatschen!” durch den Stadthallenpark gerannt sein.

► Ein Video zeigt zudem, wie zwei junge Migranten mitten auf der Straße attackiert werden:

Außerdem bewarfen Teilnehmer des Aufmarsches die Polizei mit Flaschen, wie diese mitteilte. Die Ansammlungen hatten sich am Abend nach und nach aufgelöst.

Was der Auslöser des Prostestmarsches war:

Bei einem verhängnisvollen Streit war ein 35-Jähriger getötet worden. Zwei weitere Männer im Alter von 33 und 38 Jahren wurden zum Teil schwer verletzt. Alle drei sind laut Polizei Deutsche.

Die Polizei nahm zwei 22 und 23 Jahre alte Männer vorläufig fest, die sich vom Tatort entfernt hatten. Zu deren Nationalität wollte die Polizei zunächst keine Aussage machen, da noch geprüft werde, ob und wie diese in die Auseinandersetzung involviert waren.

Nach ersten Ermittlungen sind an dem Streit laut Polizei maximal zehn Personen mehrerer Nationalitäten beteiligt gewesen. Der Grund für den Streit ist nach ersten Informationen unklar. 

Kursierende Informationen, nach denen dem Streit eine Belästigung von Frauen vorausgegangen sein soll, bestätigten sich nach ersten Ermittlungen der Polizei nicht.

Was ihr noch über die Proteste in Chemnitz wissen müsst:

Am frühen Nachmittag hatte zunächst die AfD zu einer Kundgebung aufgerufen. Diesem Aufruf waren etwa 100 Menschen gefolgt. Diese Veranstaltung blieb laut Polizei störungsfrei. Dem folgte die zweite Kundgebung, der deutlich mehr Menschen folgten.

In rechten Kreisen wird für den Montagabend erneut zu einer Demonstration mobilisiert. Beobachter rechnen damit, dass diese noch größer als am Sonntag werden könnte.

Wie die Stadt auf den Aufmarsch reagierte:

“Wir sind erschrocken über die Menschenansammlungen, die passiert sind”, sagte der Stadtsprecher Robert Gruner am Abend. Man habe friedlich miteinander das Jubiläum der Stadt feiern wollen. Nun habe sich jedoch gezeigt, dass es richtig war, das Stadtfest vorzeitig abzubrechen.

Statt um 20.00 Uhr endete das Fest bereits um 16.00 Uhr. Grund waren laut seiner Angaben Sicherheitsbedenken, zunächst hatte man Pietätsgründe angegeben.

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) sagte dem MDR:

“Wenn ich sehe, was sich in den Stunden am Sonntag hier entwickelt hat, dann bin ich entsetzt. Dass es möglich ist, dass sich Leute verabreden, ansammeln und damit ein Stadtfest zum Abbruch bringen, durch die Stadt rennen und Menschen bedrohen – das ist schlimm.” 

Mit Material von dpa.