POLITIK
04/09/2018 20:51 CEST | Aktualisiert 05/09/2018 00:05 CEST

Chemnitz: Radikalisieren Pegida und AfD jetzt die Jugend?

Rechte Bewegungen sind durch die Ereignisse in Chemnitz im Aufwind – doch junge Unterstützer zu mobilisieren, bleibt für sie schwierig.

JAN WOITAS via Getty Images
Menschen bei einer Pegida-Veranstaltung in Chemnitz.

Die Wut ist weiß, alt und männlich.

Die Demonstrationen in Chemnitz in der vergangenen Woche haben wieder einmal gezeigt: Rechte Bewegungen werden dominiert von älteren Semestern, die Mehrzahl der Protestierenden sind Männer.

Doch wer die Chemnitz-Proteste näher betrachtet, erkennt: Auch die Jugend ist auf der Straße. Nicht nur im Gegenprotest, sondern auch in Form von Hooligan-Gruppen und Mitgliedern der rechtsextremen Identitären Bewegung. Vereinzelt mischen sich auch unter die Besorgten ohne erkennbar radikalen Hintergrund junge Gesichter.

Nutzen rechte Gruppierungen die Ereignisse in Chemnitz, um junge Menschen zu mobilisieren? Droht gar eine Radikalisierung der Jugend durch fremdenfeindliche Parolen auf den Chemnitzer Straßen?

Derzeit vermischen sich dort verschiedene Gruppierungen. Die Situation ist unübersichtlich.

Pegida tut sich mit der AfD zusammen

Katharina Trittel forscht am Institut für Demokratieforschung in Göttingen zur extremen Rechten. Zusammen mit Kollegen hat sie sich in den vergangenen Jahren besonders der Bewegung Pegida und ihrer Wirkung auf junge Menschen gewidmet.

In der HuffPost warnt sie nun vor einem möglicherweise subtilen Einfluss der Rechten auf die Jungen – und glaubt: Pegida könnte in der Folge von Chemnitz wieder erstarken.

“Ich glaube, dass die Ereignisse in Chemnitz und der deutliche Schulterschluss mit der AfD Pegida wieder Aufwind verschaffen”, sagt Trittel. 

Es ist ein Schulterschluss, der auf Fotos bestens dokumentiert ist.

Beim “Schweigemarsch”, zu dem die AfD am Samstag aufrief, marschierten Pegida-Gründer Lutz Bachmann, die AfD-Landesvorsitzenden Jörg Urban aus Sachsen, Björn Höcke aus Thüringen und Andreas Kalbitz aus Brandenburg und das Bündnis “Pro Chemnitz“ Seite an Seite. 

Vom alten “Unvereinbarkeitsbeschluss” der AfD, mit dem sich die Partei-Führung in der Vergangenheit darauf geeinigt hat, sich von den völkischen Pegida-Protestlern zu distanzieren, ist wenig übrig.

Trittel glaubt: Dass in Chemnitz Lutz Bachmann zusammen mit Björn Höcke und auch mit Martin Sellner von den Identitären marschiert ist, sei ein ganz bewusst produziertes Bild gewesen.

“Die Aufmerksamkeit auf Pegida hat das massiv gesteigert”, sagt Trittel.

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Das zeige sich auch im Internet: Die Videos zur letzten Pegida-Demonstration nach den Ereignissen von Chemnitz auf der Pegida-Seite haben wieder über 100.000 Zugriffe verzeichnet.

“So etwas gab es lange nicht mehr”, erklärt die Expertin.

IB-Influencer Martin Sellner ist in Chemnitz

Doch kommt die Botschaft der zusammenrückenden Rechten auch bei den jungen Menschen gut an?

Der Wiener Identitären-Anführer Martin Sellner zumindest versucht seit langem, die Nähe seiner jungen Gruppierung zu Pegida zu demonstrieren.

Auch vom Trauermarsch am Samstag postete er ein Video bei Youtube – 143.000 Mal wurde es dort bereits aufgerufen.

Screenshot / youtube

Trittel erinnert: ”Als Plattform für die Jugendbewegung Identitäre Bewegung ist Pegida seit jeher sehr wichtig. Gerade bei den Jahrestagen, wenn die mediale Aufmerksamkeit hoch ist, war die Identitäre Bewegung immer sehr präsent.”

Zuletzt war es um die Identitären in Deutschland allerdings ruhiger geworden.

Chemnitz änderte das – zumindest für den Moment.

► Bei Youtube gehörte Sellners Video zu den Ereignissen am Samstag zu den meistgeklickten Beiträgen zum Thema.

Auch die Junge Alternative Sachsen tat ihr Bestes, Anhänger für den Gang auf die Straße zu mobilisieren. JA-Landesvorstandsmitglied Matthias Scholz, der auf dem Bundeskongress der AfD-Jugend im Juni bereits an einem Laptop mit Identitären-Sticker zu sehen war, teilte dazu bei Facebook fleißig Beiträge und Videos – auch vom rechtsextremen Verein “Ein Prozent”.

Der Facebook-Account der JA Sachsen warb für die Pegida-Veranstaltung in Chemnitz am Samstag.

Auffallend ist aber: Auf all diese Beiträge reagierten in den sozialen Medien vor allem ältere Menschen.

Junge Menschen sind inhaltlich nah bei Pegida

Wie sehr holen die rechten Bewegungen junge Menschen in diesen politisch stürmischen Zeiten ab? Historikerin Trittel verweist auf zwei Studien, die das Göttinger Institut für Demokratieforschung durchgeführt hat. 

Für die erste befragte ihr Team 610 Pegida-Demonstranten, von diesen waren knapp 12 % unter 35 Jahren. In einer zweiten Studie sprachen die Forscher mit knapp 90 jungen Erwachsenen, die nicht bei Pegida mitliefen, von denen die Wissenschaftler aber erfahren wollten, wie sie zu Pegida stehen.

Das wohl spannendste Ergebnis: Die meisten Jugendlichen waren nicht
politikverdrossen oder politisch frustriert, sondern politisch unberührt. Trotzdem hätten viele eine inhaltliche Nähe zu Pegida gezeigt, zum Beispiel bei der Flüchtlingspolitik.

Trittel erklärt das so: “Sie schauten nicht auf politische Prozesse an sich, sondern nur auf ihren eigenen Nahraum und wie das Leben dort funktioniert. Wenn irgendwas in die eigene Komfortzone eindrang und sie störte, äußerten sie Empörung.”

Die Forscherin legt sich hier nicht fest. Aber: Es könnte ein Anhaltspunkt dafür sein, dass auch bei der Chemnitzer Jugend durchaus ein Mobilisierungs-Potenzial besteht. Schließlich betrifft die tödliche Tat an Daniel H. mitten in der Innenstadt das städtische Zusammenleben ganz direkt.

Jugendliche, die rassistisch denken, sind mobilisierbar

Auch eine andere Erkenntnis Trittels zeigt, dass die Lage brisant ist.

“Die kleinere Gruppe, die wirklich politisch interessiert war, war Pegidapositionen noch deutlicher zugeneigt. Wenn sich die jungen Menschen politisch mobilisieren lassen würden, dann wären es eher die, die harten rassistischen Ressentiments zugeneigt waren”, berichtet sie.

Das heißt: Politische Brandstifter könnten es leichter haben, junge Menschen zu mobilisieren.  

Von diesen Brandstiftern tummelten sich in Chemnitz zuletzt viele. Die Expertin spricht vom “organisierten Rechtsextremismus”.

Auch das Argument, dass viele normale Bürger unter den Demonstrierenden waren, die nicht wussten, dass sie neben radikalen Gruppen auf die Straße gingen, will sie nur eingeschränkt gelten lassen. In ihrer Pegida-Studie habe sie festgestellt: “Die Leute wissen schon sehr genau, wo sie da mitlaufen.”

Trotz allem glaubt sie nicht, dass junge Menschen nun in Scharen nach Chemnitz reisen werden. 

Allgemein ist das Interesse gering

Dass das Interesse der jungen Menschen (zwischen 18 und 29 Jahren) an Politik in Sachsen schwächer ausgeprägt ist, als das älterer Menschen, zu diesem Schluss kam zuletzt die Studie “Sachsen Monitor” der Landesregierung.

Trittels Erkenntnisse über die Jugend sind noch etwas drastischer: Zu Demonstrationen hätten die von ihrem Team Befragten eine äußerst ablehnende Haltung geäußert.

Junge Menschen gaben so mehrheitlich an: “Proteste verschwenden Steuergelder, verstopfen die Straßen und den Nahverkehr und nerven nur.”

Die allermeisten würden sie weder als legitim noch als erforderlich ansehen.

Vielleicht ist auch das ein Grund, dass die Chemnitzer Proteste weiter vor allem alt, weiß und männlich sind.

Immerhin: Auf der Gegenseite – zum “Wir sind Mehr”-Konzert reisten zuletzt rund 65.000 Menschen in die sächsische Stadt. Viele davon unter 30. 

Die Mobilisierung – das zeigte sich – klappt zumindest auf der einen Seite.