POLITIK
27/08/2018 23:38 CEST | Aktualisiert 28/08/2018 07:33 CEST

Demos in Chemnitz: So brachten die Rechten die Stadt an den Rand des Chaos

Die einen fordern den "Säxit", die anderen antworten mit: "Nazis raus!" Die HuffPost berichtet von zwischen den Fronten.

Michael Trammer
Die Demonstranten von "Pro Chemnitz" am Montag. 

“Nee, komm, lass uns noch warten. Ich will die Hools sehen”, sagt der Teenager zu seinen beiden Freunden. Die drei Jungen haben sich am Hauptbahnhof in Chemnitz getroffen, um den Aufmarsch der beiden Demonstrationen in ihrer Stadt zu sehen.

Nach den Übergriffen von rechten Hooligans auf Migranten am Sonntag hat das Bündnis “Chemnitz Nazifrei” zu einer Demonstration aufgerufen. Aber auch die Rechten wollen sich am Bahnhof treffen, um zu ihrer Demonstration zu laufen, die die rechtspopulistische Bewegung “Pro Chemnitz” angemeldet hat. 

Von den Hooligans aber ist zunächst nichts zu sehen. Gegen 17:30 Uhr kommen einige Teilnehmer von “Chemnitz Nazifrei” mit dem Zug aus Leipzig. Die drei Jungs packen ihre Handys ein und gehen mit. 

Wenig später werden sie im Stadthallenpark den rechten Demonstranten in die Augen blicken. Denn die stehen auf der andere Seite beim Karl-Marx-Monument, getrennt durch die Brückenstraße und nur einige Dutzend Polizisten. 

Die Stimmung, das merkt man hier sofort, ist angespannt. 

Eine explosive Mischung in Chemnitz 

Zwei Lager stehen sich hier gegenüber. Auf der einen Seite gehen die Menschen auf die Straße, um gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu protestieren. Und um an den gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen am Wochenende zu erinnern. 

“Für Daniel”, ruft die Menge einmal. Der Mann starb bei einem Streit, er wurde mit einem Messerstich tödlich verwundet. Am Montag hat die Polizei Haftbefehl gegen einen tatverdächtigen Syrer und einen Iraker erlassen. 

Auf der anderen Seite stehen die, die ein Zeichen gegen die rechte Gewalt am Wochenende setzen wollen. Etwa 800 Menschen waren am Sonntag durch Chemnitz gezogen, laut der Polizei waren darunter 50 gewaltbereite Personen. 

Polizisten wurden mit Flaschen beworfen. Videos im Internet zeigten, wie die Rechten auf Menschen Jagd machten, die offenbar nicht aus Deutschland stammten. 

Drei Geschädigte, ein 18 Jahre alter Afghane und seine deutsche Freundin, ein Syrer (18) und ein Bulgare (30), die vom Mob bedroht und geschlagen worden sein sollen, hätten bislang Anzeige erstattet, teilte die Polizei Montagnachmittag mit. 

“Nazis raus!”, brüllt die bunte Menge am Montag, darunter viele junge Gesichter. Es ist eine explosive Mischung, wie sich später am Abend zeigen wird. 

Wer im rechten Block steht: Neonazis und besorgte Bürger 

Für die Rechten, die um das Karl-Marx-Monument versammelt stehen, ist klar: Diese Tat wäre nicht passiert, gäbe es weniger Flüchtlinge im Land.

Ein hagerer Mann mit weißem Haar trägt ein Schild mit der Aufschrift “Chemnitz wird zur afrikanischen Enklave” vor sich her. Dabei gibt es in der Stadt im Westen Sachsens mit rund 250.000 Einwohnern nur 6155 Personen mit “asylbezogenem Hintergrund”, wie “Spiegel Online” vorrechnet. 

“Kanaken raus”, rufen die Rechten immer wieder. Zu ihrer Kundgebung kommen nach Schätzungen weit mehr als 2000 Menschen. 

Darunter sind wieder Hooligans, manche schwenken AfD-Banner.

Ein Demonstrant trägt eine Bayern-Flagge umher. Auch Neonazis der rechtsextremen Kleinstpartei Der Dritte Weg laufen hier auf. Mehrere Demonstranten zeigen den Hitler-Gruß, einer wird gleich mehrfach dabei von Kameras eingefangen.

Viele hier sind äußerst aggressiv. Ein junger Mann im schwarzen T-Shirt und mit schwarzen Handschuhen ruft mehrmals “Kommt doch her” und schwenkt die Fäuste. 

Einige Meter davon entfernt streitet ein Ordner, den die Veranstalter der Kundgebung selbst stellen, mit zwei rechten Demonstranten. Dann ruft er ihnen zu: “Zeigt denen, was sie verdient haben.” Die beiden Männer drehen sich um, lassen die Hosen runter und zeigen der Gegenseite ihre nackten Hintern. Dabei rufen sie: “Kanaken raus!”

Michael Trammer
Mitglieder der neonazistischen Partei Der Dritte Weg.

In der Menge aber stehen nicht nur skrupellose Rechtsextremisten – auch die viel zitierten “besorgten Bürger”.

Zwei Frauen, wohl Ende Dreißig mit bunten Strähnen in den kurzen Haaren, erzählen, sie finden den Aufmarsch hier berechtigt. “Wir Frauen trauen uns nicht mehr aus dem Haus. Auch die Kinder will man nicht mehr rauslassen”, sagt die eine. Sie habe eine Tochter im Teenager-Alter. 

Ein Paar steht daneben. Nach ihrem Äußeren zu urteilen, könnten sie auch auf der anderen Seite stehen. Doch mit der Presse wollen die beiden nicht sprechen. Der Mann verlangt nach Presseausweisen – und sagt dann doch nichts.

Zwei verschiedene Versionen Deutschlands stehen sich gegenüber 

Gut eine Stunde stehen sich die beiden Blöcke gegenüber, ohne dass viel passiert. Es ist ein Abbild Deutschlands, gepresst auf wenige Meter in der Innenstadt von Chemnitz. 

Die Stimmung ist aufgeheizt. Ein Pressevertreter der Polizei spricht gegenüber der HuffPost von “ständigen Provokationen” aus beiden Lagern. Die Rechten rufen immer wieder “Wir sind das Volk”. Auch “Lügenpresse” schallt es ständig über die Straße. 

Dann pfeifen die Gegendemonstranten, die hinter dem Schutz von Polizeiwagen stehen. Laut Schätzungen haben sich auf dieser Seite etwa 1000 Menschen eingefunden. Sie skandieren Provokationen wie “Deutschland ist scheiße, ihr seid die Beweise”. 

Michael Trammer
Die Gegendemonstration hinter Polizeiautos. 

Zwei Jungs stehen etwas abseits. Sie sind nur gekommen, um sich das Spektakel hier anzusehen. “Schon ein wenig krank”, sagt der eine in breitem sächsischen Dialekt. “Wenn man die hier sieht, und die auf der anderen Seite.”

Sein Kumpel nickt. “Ich weiß nicht, ob das berechtigt ist”, sagt er. 

Die Rechten fordern den “Säxit” – schließlich eskaliert die Lage

Gegen 19:30 Uhr beginnt dann die eigentliche Kundgebung der Rechten.

Die Gegendemonstranten werden kaum hören, was ihr Sprecher ruft. Das Mikrofon trägt seine Stimme nicht immer weit genug über die Straße.

Als der Mann aber den “Säxit” fordert, also den Austritt Sachsens aus der Bundesrepublik, da rufen die Gegendemonstranten “Nazis raus!”. Böse Zungen behaupten, wenigstens in einem Punkt seien beide Seiten zu einem Kompromiss fähig. 

dpa

Als die Rede vorbei ist, eskaliert die Lage. Am Rand der Gegendemonstration auf einem kleinen Hügel stehen junge arabisch aussehende Männer. “Das war falsch, was hier passiert ist”, sagt einer von ihnen, ein junger Syrer, über den gewaltsamen Tod des 35-jährigen Deutschen am Wochenende. “Aber wir sind nicht alle so”, betont er. 

Auch diese Männer beteiligen sich an den Schlachtrufen der Gegendemonstranten. Als sie einmal wieder “Nazis raus” rufen, geraten sie in den Fokus der rechten Menge. 

Die ersten Demonstranten beginnen, nach vorne zu laufen. Polizisten rennen hinterher, einen Mann können sie gerade noch stoppen, bevor er den Hügel erreicht. Dann fliegt die erste Flasche aus dem rechten Lager – und ein Böller hinterher. 

Unter den Gegendemonstranten bricht Panik aus, sie laufen zurück, weiter in den Park hinein. Die Polizei fährt Wasserwerfer auf, nur mit Mühe beruhigt sich die Lage und die Rechten beginnen, den Platz zu verlassen.

Die Pöbeleien und die ständigen Provokationen gehen auch bei diesem Rückzug weiter. Immer mal wieder knallt es, beide Lager werfen laut der Polizei Feuerwerkskörper. Mehrere Menschen werden dabei verletzt. 

Die Demonstration nimmt kein friedliches Ende 

Journalisten hatten bereits während der Demonstration bemängelt: Die Anzahl der Beamten sei viel zu gering. In diesem kurzen Moment zeigt sich, dass die Polizei die Gefahr in Chemnitz wie bereits am Sonntag unterschätzt hat.

Am Ende aber bleibt es bei Platzwunden und einem gehörigen Schrecken für einige Demonstranten und Journalisten auf der Brückenstraße. 

Die Rechten marschieren die Straße entlang, während die Sonne untergeht. Hier bleibt es erst einmal ruhig. Auf der Mühlenstraße gucken zwei kleine Kinder aus dem offenen Fenster auf den Demonstrationszug.

Sie sprechen eine fremd klingende Sprache. Das kleine Mädchen zeigt mit der Hand auf die rechten Demonstranten und dreht sich um, in den Raum hinein, wie um zu sagen: Guck, was da draußen los ist. 

Michael Trammer
Eine Sitzblockade der Gegendemonstranten.

Als der Demonstrationszug auf die Brückenstraße zurückkommt, stehen wieder Gegendemonstranten am Straßenrand. Es wird gepöbelt, es fliegen Böller. Ein älterer Mann streitet mit zwei Journalisten. “Das ist meine Stadt”, ruft er und fordert die beiden auf, ihn nicht zu filmen. 

Die Demonstration nimmt kein friedliches Ende. Laut dem Bündnis “Chemnitz Nazifrei” kommt es bei der Abreise von Mitgliedern der Antifa zu einem Übergriff durch Rechte – mehrere Verletzte.

Auch Rechte werden bei ihrer Abreise attackiert. Vier landen laut Polizei im Krankenhaus.

(lp)