POLITIK
27/08/2018 18:56 CEST | Aktualisiert 27/08/2018 20:43 CEST

Chemnitz: Flaschen fliegen auf Nazi-Gegner, Polizei fährt Wasserwerfer auf

Die HuffPost vor Ort.

Leonhard Landes

Die Lage in Chemnitz ist angespannt.

Am Tag nach den Übergriffen auf Ausländer versucht die Polizei, ein Aufeinanderprallen von rechten und linken Gruppen zu verhindern.

Etwa 1000 Demonstranten waren auf beiden Seiten erwartet worden. Schätzungen zufolge kamen noch einige hundert Teilnehmer mehr.

Leonhard Landes

► HuffPost-Reporter Leonhard Landes ist vor Ort. Er berichtet von einer aggressiven Stimmung. Nachdem junge Asylbewerber “Nazis raus” rufen, fliegen gegen 19:50 Uhr Flaschen, einige Böller explodieren.

Die Polizei spricht von “einigen Verletzten”. Den Beamten, die deutlich in der Unterzahl sind, scheint die Kontrolle über die Situation zu entgleiten.

Linke Gegendemonstranten skandierten zuvor: “Deutschland ist scheiße, ihr seid die Beweise.” Die Rechten erwidern von Polizisten getrennt: “Wir sind das Volk!” und “Kanaken raus!”, einige entblößen ihr Hinterteil in Richtung der anderen Gruppe.

► Schon gegen 18 Uhr war es zu einer kleinen Rangelei am Karl-Marx-Monument gekommen. 

“Die Lage ist weiterhin entspannt”, schrieb die Polizei Sachsen dennoch zunächst bei Twitter.

► Und das, obwohl Rechte immer wieder die für sie vorgesehenen Bereiche verlassen. Auf dem Video eines “Watson”-Reporters ist zu sehen, wie ein Neo-Nazi einen Hitlerguß zeigt. Die Polizei teilte mit, es gebe Hinweise auf “einzelne Vermummungen und mehrere Hitlergrüße”.

Zahlreiche Demonstranten gehören zur Neo-Nazi-Partei Dritter Weg, auch NPD-Politiker sind laut HuffPost-Informationen vor Ort, dazu verschiedene Hooligan-Gruppierungen – auch vom Chemnitzer FC.

Klaus Siemon, der Insolvenzverwalter des Clubs, sagte der HuffPost: “Wir bedauern das zutiefst. Wir müssen jetzt die Erkenntnisse der Ermittlungen der Behörden abwarten.”

Kriminalpolizistin: “Das ist ein lang bekanntes Problem”

Der Hintergrund aller Aufregung: Schon am Sonntag war es zu schlimmen Jagdszenen gekommen.

Nachdem ein 35-Jähriger in der Chemnitzer Innenstadt niedergestochen wurde und in der Nacht verstarb kamen mehrere hundert Demonstranten zusammen.

Videos zeigen, wie Rechtsextreme ausländisch aussehende Menschen regelrecht durch die Straßen jagen.

Cathleen Martin, Kriminalpolizistin und Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Sachsen sagte der HuffPost: “Es war ein Zusammenschluss von Gruppen, der sich so nicht angekündigt, sondern sich spontan gebildet hat. Dann ist es trotz großer Bemühungen der Polizei eskaliert.”

Die rassistischen Übergriffe nennt sie ein “lang bekanntes Problem”. Martin sagte: “Ich kenne Menschen, die sind schwarz, die leben hier seit Jahren und werden auch Opfer solcher Hetzjagden. So etwas geht nicht.”

Teile der AfD wiegeln Stimmung weiter auf

Auch die AfD verurteilte die Ausschreitungen.

Zugleich äußerten sie aber am Montag in Berlin Verständnis für die Wut der Demonstranten vom Vortag. Sachsens AfD-Vize Siegbert Droese sagte: “Wie das unter Umständen zustande gekommen sein soll, der Tathergang, also mit allen Spekulationen, dass es vielleicht den einen oder anderen zur Unvorsichtigkeit verleitet, das kann ich durchaus nachvollziehen.”

Die sächsischen Abgeordneten distanzierten sich von einem Kommentar ihres Fraktionskollegen Markus Frohnmaier, der auf Twitter geschrieben hatte: “Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selber. Ganz einfach!” 

Polizistin Martin sagte dazu der HuffPost: “Wo wollen wir da denn hinkommen? Solche Äußerungen sind wirklich brandgefährlich.” 

Live-Updates von HuffPost-Reporter Leonhard Landes