WIRTSCHAFT
18/06/2018 18:37 CEST | Aktualisiert 18/06/2018 18:37 CEST

Umfrage unter deutschen Chefs zeigt: Darum machen so wenig Frauen Karriere

Wenn das weiter so bleibt, werden Frauen nie die gleichen Karrierechancen haben.

gradyreese via Getty Images
Für 63 Prozent der befragten Chefs sind die Karrierechancen von Männern und Frauen gleich (Symbolbild).

41 Millionen Frauen leben in Deutschland – das sind rund zwei Millionen mehr als Männer. Die Lebenserwartung von Frauen liegt mit 83,2 Jahren im Durchschnitt fast fünf Jahre über der von Männern. Mittlerweile machen mehr Frauen in diesem Land einen Hochschulabschluss als Männer. Auch unter den Abiturienten finden sich mehr Frauen. 

Aber: 

► In den Vorständen der börsennotierten Unternehmen in Deutschland liegt der Anteil der Männer laut einer Studie der Allbright Stiftung bei 93 Prozent. 

► Nur vier Prozent der Chefs im deutschen Mittelstand sind weiblich.

► Es gibt mehr als doppelt so viele Frauen (13,1 Prozent) ohne Einkommen wie Männer (6,5 Prozent).

► Je höher sich die Gehaltsstufe entwickelt, umso dünner wird der Frauenanteil. Es haben zwar “nur” 1,8 Prozent der deutschen Männer monatlich ein Nettoeinkommen von 5000 Euro und mehr zur Verfügung – aber das sind ganze sechs Mal so viele wie bei den Frauen (0,3 Prozent). 

Wirklichkeit und Denken gehen auseinander

Die Zahlen – so viel ist klar – sind erschreckend, wenn man von dieser gefühlten Gleichstellung ausgeht, über die so viele Menschen ständig sprechen. 

Auch für Chefs ist die Gleichstellung in ihrem Kopf längst fest in Deutschland verankert. 68 Prozent der 400 Führungskräfte, die das Meinungsforschungsinstitut Innofact im Auftrag der “Initiative Chefsache” befragte, sind der Meinung, dass Frauen und Männer in ihrem Unternehmen die gleichen Karrierechancen haben. 

► Die Realität sieht jedoch anders aus. 

Allerdings gab weniger als ein Drittel (29 Prozent) an, dass es in ihrem Unternehmen standardisierte Kriterien gibt, nach denen Talente befördert werden. Auch werden nur in 41 Prozent der Unternehmen überhaupt Daten erhoben, wie es überhaupt um den Frauenanteil bestellt ist. 

Frauenförderung ist nur in den wenigsten Unternehmen überhaupt ein Thema. Nur 27 Prozent der Führungskräfte gab an, dass Diversität der Geschlechter eines der zehn wichtigsten Ziele der CEOs sei. 

Je diverser, je erfolgreicher

Ein großer Fehler. Laut einer Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers sind die meisten Unternehmen, die eine Diversity-Strategie verfolgen, erfolgreicher. Das bedeutet, dass diese Firmen ihren Vorstand nicht nur mit weißen Männern sondern auch mit Frauen oder Menschen anderer Nationalitäten, verschiedener Altersgruppen und Absolventen verschiedener Studiengänge besetzen.

► Das heißt: mehr Vielfalt, mehr Geld. 

Ana-Christina Grohnert, Personalchefin bei der Allianz, zeigt in einem einfachen Gedankenexperiment, wieso das so ist: 

“Ein Mensch hat ein bestimmtes Problem zu lösen und er kommt auf drei mögliche Lösungswege. Wie viele verschiedene Ansätze würden wohl zehn Menschen finden, die genauso denken, wie dieser eine Mensch? Und wie viele Lösungsansätze würden demgegenüber zehn Menschen finden, die völlig unterschiedlich denken und unterschiedliche Perspektiven einbringen? Ich setze auf Vielfalt.”

Unternehmen, die auf aktives Diversity-Management setzen, verzeichnen verschiedenen Untersuchungen nach unterschiedliche Erfolge. So lassen sich nicht nur der Umsatz und die Flexibilität in Bezug auf neue Voraussetzungen steigern, sondern auch Synergien zwischen Kollegen und Abteilungen

“Wahrnehmung ist entscheidend”

Doch die meisten deutschen Unternehmen haben das offenbar nicht begriffen.

► Nur jede fünfte befragte Führungskraft achtet bei der Beförderung und der Zusammenstellung des Teams laut Umfrage der Initiative Chefsache auf Diversität. 

Die besten Chancen haben, wenn es um das Erklimmen der Karriereleiter geht, diejenigen Mitarbeiter, die den Führungskräften am ähnlichsten sind. Also gleiche Nationalität, ähnliches Alter, ähnliche Ausbildung, ähnliche Denkweise – und gleiches Geschlecht. Bei so vielen Männern in den deutschen Chefetagen ist es also wenig verwunderlich, dass auch viele Männer nachkommen.

“Die Zahlen offenbaren sehr deutlich, wie groß die Lücke zwischen Denken und Realität in punkto Karrierechancen von Frauen und Männern ist”, sagt Janina Kugel, Personalchefin bei Siemens.

► “Die Wahrnehmung in den Köpfen ist allerdings entscheidend, wenn wir etwas ändern wollen.”

Die Chefs sind sich über ihre Vorurteile nicht bewusst

Und um die Wahrnehmung, oder ein fehlendes Bewusstsein, geht es auch bei einem weiteren Problem, das die Initiative Chefsache in der Umfrage identifiziert hat: die “Unconscious Bias”.

Dabei handelt es sich um Stereotype, unbewusste Vorurteile, die Menschen haben. Diese machen aus kognitiver Sicht durchaus Sinn: Denn würden wir nicht stereotypisieren, also Dinge, die wir wahrnehmen einordnen, würde unser Gehirn nur sehr langsam auf neue Informationen reagieren können. 

Das Problem: Da diese Vorurteile in unserem Unterbewusstsein stecken, diskriminieren wir Menschen – ohne es zu merken. Laut Umfrage hat sich mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) noch nie mit dem Phänomen beschäftigt oder kennt es gar nicht. Diese Tatsache würde ungerechte Personalentscheidungen fördern, heißt es in einer Mitteilung der Initiative Chefsache.

► Denn: Ohne ein Bewusstsein für diese unbewussten Vorurteile zu haben, treffen Menschen immer wieder Entscheidungen, die auf diesen basieren. 

Und so lange in deutschen Unternehmen kein Bewusstsein für die Chancenungleichheit herrscht – und davon sind wir, wie die Umfrage erneut zeigt, noch weit entfernt – werden Frauen niemals die gleichen Karrierechancen haben wie Männer.  

(nc)