ELTERN
21/03/2018 21:52 CET | Aktualisiert 22/03/2018 08:11 CET

"Ich habe versehentlich die Tochter meiner besten Freundin getötet"

Die bewegende Geschichte zweier Frauen, die selbst die größte Tragödie nicht auseinander bringt.

  • Ein sonniger Herbsttag sollte das Leben zweier Freundinnen für immer verändern
  • Cassie Miller tötete unabsichtlich die 17 Monate alte Tochter von Brynn Johnson – doch beide Frauen verbindet heute mehr denn je zuvor

Der 16. September 2014 begann für Cassie Miller und Brynn Johnson wie ein ganz gewöhnlicher Tag.

Die beiden Frauen hatten sich Anfang der 2000er Jahre in Tenino im US-Bundesstaat Washington kennengelernt.

Sie wurden beste Freundinnen. Und sie sind es nach wie vor, obwohl Miller aus Versehen die 17 Monate alte Tochter von Johnson getötet hat.

Ein sonniger Herbsttag im äußersten Nordwesten der USA

Miller war an jenem Septembertag auf dem Weg zur ihr Freundin. Beide hatten etwa gleichaltrige Söhne. Es bot sich also an, dass Miller die Jungs zusammen in die Vorschule fuhr.

Für die beiden Kinder war es erst ihr dritter Tag in der Vorschule, die Sonne schien. “Wir arbeiteten daran, die Jungs ins Auto zu laden”, schreiben die beiden Mütter auf ihrer Facebook-Seite. 

Die 17 Monate alte Rowyn, Johnsons Tochter, kletterte die Verandatreppe hinunter, um Miller und ihren Sohn zu begrüßen. Und geriet außer Blick. 

Denn an jenem verhängnisvollen Morgen herrschte Trubel. Rowyns älterer Bruder bockte. Er wollte nicht in die Schule. 

“Wir haben beide die Augen geschlossen”

Doch die beiden Mütter schafften es, Wyatt auf die Rückbank zu setzen und anzuschnallen. “Wir können jetzt fahren, er wird okay sein, wenn wir unterwegs sind”, beruhigte Miller ihre Freundin und kletterte zurück in ihren SUV. 

Johnson stand vor dem Haus, immer noch in ihrem weißen Morgenmantel und winkte zum Abschied. 

Es war 8:18 Uhr morgens, als Miller den Schlüssel drehte und losfuhr. Plötzlich fühlte sie einen Ruck. “Wir haben beide die Augen geschlossen”, erinnert sich Johnson im US-Frauenmagazin “Glamour”. “Was zum Teufel ...”, dachte sie.

Die vermeintliche Bodenwelle, die sie gespürt hatte, war Rowyn. Laut den herbeigerufenen Sanitätern war sie sofort tot. Trotz verzweifelter Versuche der Mütter, gab es nichts, was sie noch hätten tun können.

“Die Tragödie vom 16. September hat Löcher und Leere in vielen Herzen hinterlassen”, schreiben die beiden auf ihrer Facebook-Seite. “Es gibt nichts, was wir tun können, um den Tag zurückzuspulen”, heißt es dort weiter.

“Raise for Rowyn”

Dennoch: Um ihre gemeinsame Trauer zu verarbeiten und zugleich die Gedanken an Rowyn aufrechtzuerhalten, gründeten Miller und Johnson noch im Herbst 2014 eine Hilfsorganisation. Benannt ist sie nach Millers Tochter: “Raise for Rowyn”.

Seitdem sammeln die Mütter Spenden und helfen damit anderen trauernden Familien. Laut eigener Aussage übernahmen sie so mittlerweile bereits bei 179 Familien im ganzen Land die Bestattungs- und Begräbniskosten.

Beide Frauen fühlen sich schuldig – doch es gibt keinen Schuldigen

Eine Frage hören die beiden Frauen jedoch auch jetzt noch, mehr als drei Jahre nach dem Unfall: Was steckt hinter Johnsons erschütterlicher Vergebung?

Im Gespräch mit “Glamour” betont sie, dass für sie dieser Weg von Anbeginn natürlich erschien. “Es war klar, dass Cassie das nie mit Absicht getan hatte”, erklärte Johnson dem US-Magazin. 

Sie ergänzt: “Ich fühle mich genauso schuldig. Ich wünschte, sie hätte mehr acht gegeben, Aber zugleich wünsche ich, dass ich es gewesen wäre.” 

Die Freundinnen verbindet auch, dass sie nie den Polizeibericht zum Unfall gelesen haben. Obwohl der zum Schluss kommt, dass Miller keinerlei Schuld trifft. Denn Rowyn war so klein, dass man sie nicht über die hohe Motorhaube hatte sehen können.

(jg)