POLITIK
17/02/2018 12:14 CET | Aktualisiert 17/02/2018 18:42 CET

Diese Nonnen wollen mit Marihuana die USA retten

“Wir glauben, dass Cannabis am besten lokal angebaut und konsumiert werden sollte – genauso wie Politik.“

JAMIE RILEY
"Zuerst war es nur ein Geschäft, jetzt ist es eine Überzeugung"
  • Die Amerikanerin Schwester Kate baut in großen Mengen Cannabis an
  • Sie und ihre Helferinnen wollen mit ihrer ”ökofeministischen Religion” Menschen in Not helfen

Schwester Kate ist eine Rebellin mit Mission.

Nach einer schwierigen Scheidung im Jahr 2009 beschloss Schwester Kate, dessen bürgerlicher Name Catherine Meeusen ist, einen neuen Karriereweg einzuschlagen: Sie wollte einem höheren Zweck dienen und wurde zur Aktivistin.

Also verließ sie die Unternehmensberatung, die sie gegründet hatte, und zog nach Kalifornien, um in die zu stark wachsende Marihuana-Industrie einzusteigen.

Sie wurde Leiterin eines gemeinnützigen Kollektivs, das Schwerkranken Cannabis lieferte.

Diese Idee sei kurz nach ihrer Scheidung aus der Not geboren worden, sagt Schwester Kate. “Aber dann wurde das Geschäft zur Berufung.“

Die selbsternannte Nonne

2011 wurde Schwester Kate auch außerhalb der Marihuana-Industrie aktiv. Damals ernannte sie sich selbst zur Nonne, um gegen die neuen Ernährungsstandards des Landwirtschaftsministeriums der USA zu protestieren: Offiziell war es nun erlaubt, Pizzasoße als Gemüse zu deklarieren.

Das wurde später sogar in einem Gesetzesentwurf des Weißen Hauses mit aufgenommen – trotz Protesten seitens der damaligen First Lady Michelle Obama.

“Damals versuchte Michelle Obama mit dem Kongress darüber zu sprechen, wie ungesund unsere Kinder leben“, erinnert sich Schwester Kate.

“Der Kongress zeigte bewusst Verachtung gegenüber einer intelligenten, schwarzen Frau. Sie erklärten Pizzasoße dennoch zu einem Gemüse. Ich dachte damals:

Wenn der Kongress Pizzasoße zu einem Gemüse ernennt, dann ernenne ich mich eben zur Nonne. Schwester Kate

Ihre Mitmenschen bemerkten ihren Hang zum Aktivismus und ermutigten sie, als “Sister Occupy“ an Occupy Wall Street teilzunehmen – was sie auch tat. Während der Proteste trug sie stets ein langes, schwarzes Gewand - ähnlich einer Nonne.

Schwester Kate meint, mit ihrer neuen “Nonnen“-Identität streckt sie nicht nur einer Regierung, die meint, wild Bezeichnungen wechseln zu können, metaphorisch den Mittelfinger entgegen.

Mehr zum Thema: 9-jähriges Mädchen steht vor der Tür einer Cannabis-Apotheke – und macht das Geschäft ihres Lebens

Sie verkörpert nun auch ein Bild, das sie schon seit langem mit Schwesternschaft und radikalem Aktivismus verbindet.

“Das letzte Mal, als Amerika wachgerüttelt wurde, war, als ich ein kleines Mädchen war und sah, wie die Geistlichen an Martin Luther Kings Seite demonstrierten“, sagt sie.

LUCY NICHOLSON / REUTERS

Keine der Schwestern gehört offiziell einer Religion an

2014 wandelte Schwester Kate ihr gemeinnütziges Kollektiv zu einem Unternehmen um.

Das erlaubte ihr, ihre Kenntnis der Cannabis-Industrie und ihr Engagement im Sinne der Nachhaltigkeit und Kräutermedizin mit ihrem Glauben an Schwesternschaft sowie der weiblichen Verbindung zur Erde zu verknüpfen.

“Sisters of the Valley“ (Die Schwestern des Tals) entstand, als Schwester Kate 2015 begann, weitere “Schwestern“ zu rekrutieren – Frauen wie sie, die an die heilende Wirkung der Pflanze glauben und die gemeinschaftlich leben sowie arbeiten wollen.

Mehr zum Thema:  Dieser Mann will einer der ersten Cannabis-Großunternehmer Deutschlands werden

Die Schwestern des Tals arbeiten auf Schwester Kates Farm Merced County in Kalifornien, wo sie verschiedene Cannabis- und Kräuterprodukte herstellen. Mitglieder tragen selbstgenähte Kleidung oder lange Kleider und Röcke.

Neun Frauen arbeiten momentan auf der Farm, vier davon leben auch dort. Es gibt weitere Mitglieder in Neuseeland und Toronto.

Kein Mitglied der Gruppe sei offiziell religiös oder fühle sich einer Religion zugehörig, obwohl Schwester Kate erzählt, dass sich ihnen vor kurzem eine ehemalige katholische Nonne angeschlossen hätte.

JAMIE RILEY

Früher hätte man sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt 

Die Schwestern des Tals sehen sich als eine moderne Form der Beginen, einer altertümlichen Gemeinschaft weiblicher Heilerinnen aus dem sechsten Jahrhundert, die gemeinschaftlich lebten und Kräutermedizin herstellten.

Dafür wurden damals einige von ihnen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Im Mittelalter wurde die Kräutermedizin der Beginen verbannt und durch aggressivere Methoden wie den Aderlass ersetzt – eine unnötig schmerzhafte und brutale medizinische Praktik, wie Schwester Kate findet.

Nun, im Jahre 2018, glauben die Schwestern, dass die Stigmatisierung und Kriminalisierung der Cannabis-Medizin die heilende Wirkung der Pflanze schwäche.

Mehr zum Thema:  Rostock: Geprellter Kiffer blamiert sich bei der Polizei

Im Unterschied zu ihren Vorfahren legen die Schwestern des Tals ein Gelübde ab. “Nicht vor Gott – wir geloben unserem Lebensstil“, sagt Schwester Kate.

“Wir glauben nicht an ein Armutsgelübde, aber wir wollen einfach leben. Wir legen kein Keuschheitsgelübde ab, aber wir leben unsere Sexualität nicht in der Öffentlichkeit aus. Wir geloben dem Mondzyklus und wir geloben, den Menschen zu helfen. Dazu gehört, Medizin herzustellen und unsere Gesellschaft über Cannabidiol (CBD) und weitere, nicht-psychoaktive Wirkungen von Cannabis aufzuklären.“

Die Schwestern stellen Produkte her wie Balsam, Tinkturen, Öl und Seifen. Zu erwerben sind sie auf ihrer Website “Sisters of CBD”.

Früher verkauften sie ihre Produkte auf Etsy, wurden dann aber von der Seite verbannt, weil sie gegen die Rauschmittel-Richtlinien des Unternehmens verstießen.

SISTERS OF THE VALLEY

Die Produkte werden strikt nach dem Mondzyklus hergestellt, was ihnen eine stärkere heilende Wirkung verleiht, wie die Schwestern glauben. Die Neumondzeremonie markiert den Beginn eines neues Herstellungsprozesses von Medizin, der ungefähr zwei Wochen dauert, erläutert Schwester Kate.

“Wir haben Rituale patentiert, für die wir vor hunderten von Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wären“, fügt sie hinzu.

JAMIE RILEY

Dass die Schwestern sich strikt an den Mondzyklus halten, ist mehr als nur ein Gimmick. Wegen der großen Nachfrage haben die Schwestern auch angefangen, außerhalb der wichtigen Mondphasen zu produzieren.

Aber weil sie so sehr an die verstärkt heilende Wirkung ihrer Produkte glauben, die sie während der zwei Wochen nach Neumond herstellen, bieten sie jegliche Ware, die außerhalb dieses Zeitfensters verarbeitet wird, zum reduzierten Preis an.

Frauen, die sich den Schwestern anschließen wollen, müssen mit der Gruppe mindestens zwei Jahre lang arbeiten. Erst dann “werden sie gefragt, ob sie eine Schwester werden wollen“, sagt Schwester Kate.

“Der Prozess ist sehr natürlich. Genauso wie bei den Beginen lassen wir diejenigen, die nicht passen, in Frieden ziehen. Wir erlauben keine Veränderungen von innen oder von außen, die schlechte Energie erzeugen. Es muss alles einem eleganten Tanz gleichen.“

Das Anfangsgehalt sind 14 Dollar pro Stunde und die Angestellten werden auch für progressive politische Aktivitäten bezahlt.

Die Schwestern stimmen “mehrmals pro Woche über Aktivitäten ab, die die lokale Gemeinde positiv verändern können“, erzählt Schwester Kate. “Wir glauben, dass Cannabis am besten lokal angebaut und konsumiert werden sollte – genauso wie Politik.“

SISTERS OF THE VALLEY

“Die Kraft, die ich in den Frauen sehe, die sich gegen Ungerechtigkeit auflehnen, ist unglaublich“

Schwester Kate steht mit voller Leidenschaft hinter der Idee, dass Frauen nicht nur den Umgang mit Marihuana reformieren können.

Geprägt hat sie vor allem die Zeit, in der sie in einer von Männern dominierten Branche gearbeitet hat.

“Die einzige Möglichkeit für eine Frau, unabhängig zu sein, war, indem sie Kosmetika oder Ähnliches verkaufte“, meint sie. Durch Cannabis sei “eine ganze Armee starker und mitfühlender Frauen zu mir gekommen.“

“Die Kraft, die ich in den Frauen sehe, die sich gegen Ungerechtigkeit auflehnen, ist unglaublich“, sagt Schwester Kate.

Obwohl sie zu den bekannteren Gesichtern der Cannabis-Community zählt, bemerkt sie den wachsenden Einfluss schwarzer Frauen im Anbau der Pflanzen und in der Schaffung gerechterer Arbeitsbedingungen.

“Ihre Vorfahren mussten das alles verstecken. Unsere Vorfahren haben es dämonisiert“, meint Schwester Kate. “Es ist ihre Medizin, und sie verdienen eine Vormachtstellung.“

Wenn man sie fragt, was sie Gesetzesmachern sagen würde, die sich gegen die Legalisierung von Marihuana aussprechen, obwohl es immer mehr Beweise für die heilende Wirkung der Pflanze gibt, meint Schwester Kate:

“Ich toleriere diese Art von Ignoranz vor allem bei Unter-Vierzigjährigen nicht. Mit unter 40 bist du viel zu jung, um so eine abfällige Meinung über das Thema zu haben. Du hast die Pflanze nicht richtig studiert. Wenn du uns deine Ignoranz zeigst, bitten wir dich, unsere Farm zu verlassen. Wenn du über 50 bist, sind wir toleranter“, fügt sie lachend hinzu.

SISTERS OF THE VALLEY

Schwester Kate erzählt, die “Sisters of the Valley“ wurden als eine ”ökofeministische Religion“ beschrieben.

Sie stört die Bezeichnung nicht.

Vor allem versuchen die Schwestern des Tals, die Welt ein Stückchen besser zu machen – wie viele von uns auch.

“Wir schämen uns ein bisschen dafür, dass wir unser Cannabis in Tupperware und Plastiktüten anstatt in Hanfsäcken aufbewahren“, gibt sie zu.

“Auch haben wir jahrelang versucht, vegan zu leben – das ist uns leider nicht so ganz gelungen. Wir haben nun eine Kompromisslösung gefunden, das klappt besser.“

Dieser Text erschien zuerst in der HuffPost US und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt und zum besseren Verständnis angepasst.