POLITIK
06/06/2018 18:10 CEST | Aktualisiert 06/06/2018 18:59 CEST

Berliner Café weist AfD-Anhänger zur WM ab – nun wird die Wirtin bedroht

Ein Tweet von AfD-Politiker André Poggenburg "war der Startschuss für die Meute".

dpa
Public Viewing im Café "Rizz" in Berlin-Kreuzberg zum Eishockey-Finale der Olympischen Winterspiele zwischen Deutschland und Russland. (Archivbild vom Februar 2018)
  • Ein Café in Berlin-Kreuzberg hat sich klar gegen Neonazis und die AfD positioniert.
  • Nun überhäufen Rechte das Lokal mit negativen Bewertungen – und schrecken selbst vor Drohungen nicht zurück. 

“Essen schmeckt wie altes Fett”, “Essen war ranzig”, “FastFoodPlastik”.

Die Speisen im Berliner Café “Rizz” müssen binnen weniger Tage rapide an Qualität verloren haben – das könnten potentielle Gäste denken, wenn sie allein den jüngsten Bewertungen des Restaurants auf Google und Facebook glauben.

Doch die neuesten Negativurteile sind allein eine Reaktion von AfD-Anhängern und rechten Trollen.

Denn nach der neuerlichen Verharmlosung der NS-Zeit von AfD-Chef Alexander Gauland reichte es Wirtin Birgit endgültig. Gaualnds “Vogelschiss”-Äußerung sowie eine schwulenfeindliche Beschimpfung in ihrem Lokal zum Champions-League-Finale habe das “Faß zum Überlaufen” gebracht, wie sie der HuffPost erzählt.  

Deshalb twitterte Birgit am Sonntag im Namen des Cafés, “dass Nazis generell inkl. zur Fußball WM bei uns nicht willkommen sind. Und damit meinen wir ausdrücklich Anhänger der AfD (sic!).”

“Man muss sich positionieren”, betont Birgit. Sie will, dass rechte Gäste wissen, dass sie nicht kommen sollen. Auch wenn Birgit weiß: “Verhindern kann ich es eh nicht.”

Startschuss zum Hass

Verhindern konnte Birgit, die seit 15 Jahren das Café “Rizz” leitet, auch nicht den folgenden rechten Shitstorm: Aus Sicht des ehemaligen sachsen-anhaltischen Parteichefs André Poggenburg “offenbart sich das Café ‘Rizz’ als intoleranter, undemokratischer und faschistoider Hort”.

Der AfD-Politiker fühlt sich sogar an die antisemitische Kampagne “Juden unerwünscht” im Dritten Reich erinnert. Die Partei sieht sich – wieder einmal – in der Opferrolle.  

► Die Betreiberin vermutet zugleich: “Das war der Startschuss für die Meute. Poggenburg will, dass mich der Mob niederbrüllt.”

Tausende Hass-Nachrichten, negative Bewertungen und wütende Kommentare seien bereits auf das Café eingeprasselt. Einige Rechte haben der Wirtin unverhohlen gedroht. So habe ihr ein Nutzer geschrieben, dass er mit einem “Baseballschläger vor der Tür” warte.

“Es fängt an, das Alltagsgeschäft zu belasten”, bemerkt Birgit. 

Löschen, blockieren, melden

Sie versucht dagegen zu halten – und löscht, blockiert und meldet alle Posts, die ihrer Meinung nach zu weit gehen.

► “Fast war ich soweit, unsere Seiten vom Netz zu nehmen.” Verzweifelt wendete sich die Wirtin deshalb an Google. Denn rechte Nutzer versuchen, die Bewertung des Cafés bei der Suchmaschine mit absurden Behauptungen (“Im Restaurant servieren die Menschenfleisch”) zu drücken. 

“Bisher gab es keine Reaktion seitens Google”, sagt Birgit, die ihren Nachnamen aus Angst vor dem rechten Hass nicht im Internet lesen will.

Keine Toleranz – zumindest für Fake-Bewertungen

Google will sich nicht zu dem vorliegenden Fall äußern. Ein Sprecher des Internetgiganten erklärt allerdings auf HuffPost-Anfrage: “Wir tolerieren keine gefälschten Bewertungen.”

Er betont, wenn Nutzer glauben, dass eine Google-Bewertung gegen die Richtlinien verstößt, können sie diese melden. “Alle Bewertungen, die gegen unsere Nutzungsbedingungen verstoßen, werden schnell entfernt”, erläutert der Google-Sprecher.

Laut Richtlinien des Unternehmens müssen die Bewertungen “auf tatsächlichen Erfahrungen und Informationen basieren”.

Doch selbst nach Tagen sind die Bewertungen von Nutzern, die offensichtlich nicht im Café “Rizz” aßen und tranken, noch online.

► Immerhin: Viele Gäste zeigen sich solidarisch mit dem Café und schreiben positive Rezensionen. Der Ursprungs-Tweet wurde mittlerweile fast 4000 Mal geliked.

Guter Fußball – ohne Nazis

Birgit, die selbst aktiv Fußball gespielt hat, sagt mit Blick auf die in der kommenden Woche beginnende Weltmeisterschaft: “Wir dekorieren schon ein bisschen.” Sie will eine Deutschlandfahne aufhängen und auch schwarz-rot-goldene Gesichtsfarbe an ihre Angestellten verteilen.

Für Birgit sind das jedoch “zwei paar Schuhe”. “Ich bin nicht stolz auf unser Land”, sagt sie. “Denn es ist purer Zufall, wo man geboren wurde. Ich habe einfach Bock auf guten Fußball.”

Ohne Nazis und AfD-Anhänger.

(ll)