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22/09/2018 15:57 CEST | Aktualisiert 22/09/2018 15:57 CEST

Burn-out der Generation Y - Eine Dankesrede an unsere Bildungspolitik

RapidEye via Getty Images

Wie der Staat die junge, wissendurstige Mittelschicht ausbremst

Lea sitzt in der Vorlesung und schaut unruhig auf ihre Uhr. In 15 Minuten muss sie bei der Arbeit sein und der Dozent erklärt gerade noch eine wichtige Rechnung. “Hilft alles nichts”, denkt sie und stürmt aus dem Hörsaal. Nochmal Ärger mit dem Chef aufgrund einer Verspätung kann sie sich nicht erlauben, sie ist auf den Job angewiesen. In diesen Momenten beneidet sie ihre Mitbewohner im Studentenwohnheim, für sie die einzige Möglichkeit während des Studiums ein Dach über dem Kopf zu haben. Im Schnitt gibt der Student in Deutschland 323 Euro für Miete aus (Quelle: Deutsches Studentenwerk, 2018), Lea liegt mit 300,- inklusive Nebenkosten, Schimmel und dünnen Wänden darunter. Einen der heiß begehrten, besser bezahlten Werkstudentenstellen konnte sie leider nicht ergattern. Oft ist eine abgeschlossene Ausbildung Voraussetzung.

17 Stunden die Woche arbeiten für 180 Euro im Monat

Deswegen heißt es für Mindestlohn, seit dem 1.1.2018 8,84 Euro pro Stunde, im Einzelhandel ackern. 17 Stunden die Woche, was 601 Euro und ein paar Zerquetschte ergibt. Da Lea bereits das 25. Lebensjahr vollendet hat muss sie sich selber studentisch krankenversichern. Bleiben noch rund 500 Euro über. Abzüglich der 250 Euro Miete, runtergebrochen 50 Euro Studiengebühren pro Monat, rund 20 Euro für Internet und GEZ bleiben ihr noch etwa 180 Euro im Monat. 180 Euro um zu essen, Materialien für die Uni zu kaufen, sich mal eine Winterjacke zu leisten und vielleicht 1-2 Mal im Monat auf einer Studentenfeier was zu trinken um den Anschluss zu den Kommilitonen nicht vollkommen zu verlieren. Das passiert bei einer Woche mit 17 Stunden arbeiten und einem durchschnittlichen Zeitaufwand von 40 Stunden pro Woche für das Studium nämlich ganz schnell. Die Rechnung ist einfach: Von 168 Stunden die Woche schläft Lea 56, 40 investiert sie in das Studium und 17 in die Arbeit. zuzüglich Fahrzeiten i.H.v. 14 Stunden bleiben noch knapp 41 Stunden zum “Leben”. Wenn dann nicht noch die Klausuren wären und der Stoff, den sie sich mühsam selbst aneigen muss, da sie bei manchen wichtigen Veranstaltungen arbeiten musste. Und dann wundern wir uns, dass die neue Barmer Studie aufzeigt, dass der Anteil der 18- bis 25-Jährigen mit psychsichen Diagnosen in den Jahren 2005 bis 2016 um 38 Prozent gestiegen ist, bei Depressionen um 76 Prozent (Quelle: Barmer Arztreport 2018).Das Bild vom faulen, dauerbreiten Student mit massig Zeit? Antik! Auch Lea kämpft mit Leistungsdruck und rutscht schnell in depressive Schübe. Die Leistungen eines Therapeuten in Anspruch nehmen? Keine Zeit!

Aber wir unterstützen euch doch?!

Stimmt, ich habe eine Sache ganz vergessen. Besonders Begabte werden durch Stipendien gefördert- das sind ganze 4% aller Studenten, die im Schnitt mit 300 Euro im Monat gefördert werden. Dadurch ist immerhin die Miete gedeckt. Was ist mit den übrigen 96%, die leider nicht so außerordentlich begabt sind, dass Stipendiengeber diese für würdig genug halten? Ein Fünftel der 2,84 Millionen Studenten (Quelle:Statista) erhalten Bafög. Dieter Timmermann, ein großes Vorbild für mich, deutscher Bildungsökonom, Bildungsplaner und Präsident des Deutschen Studentenwerkes hat die Problematik erkannt: laut Timmermann sind die Bedarfssätze zu niedrig und die Regeln müssten der Lebenswirklichkeit der Studierenden angepasst werden (Quelle: Artikel der SZ im Dezember 2017) . Lea hat leider Pech: Ihre Eltern verdienen laut Bafög Bestimmungen zu viel. Zu viel für Bafög, aber gerade genug um selber gut über die Runden zu kommen und das Eigenheim abzubezahlen. So gerne sie würden, Lea können sie finanziell nicht unterstützen. An dieser Stelle möchte ich gerne Walter Rathenau zitieren: Es lachen nur die geistig Tiefstehenden und die geistig Hochstehenden. Die Mittelschicht mit geübtem Verstand und geschwächtem Instinkt lacht nicht.

Bildung ist neben Energie der Wachstumsmarkt der Zukunft. (Bea Beste)

Lea will lernen, Lea will wissen, Lea will verstehen. Lea weiß auch, dass sie das durchziehen wird, auch wenn es sicherlich nicht leicht ist. Der Wissendurst siegt über der Bequemlichkeit. In einer schnellebigen Welt, die für so manchem der sich näher mit dieser beschäftigt beängstigend sein kann, sollte nicht an der Bildung und an der Wissensvermittlung gespart werden. Wer weiß, welche Wunder Lea in Zukunft noch vollbringen wird? Ich, ebenfalls Studentin, mache mir Sorgen über meine Generation und die aktuelle Situation. Ich mache mir Sorgen, wenn ich sehe wie viele Studenten zu Fuß mit den Nerven gehen und ich mache mir Sorgen, wenn meine Mitbewohnerin nach einer Klausur vor Zukunftsangst und durch Druck des Bafög-Amtes fast zusammen bricht. Als angehende Pädagogin vertrete ich die Meinung, das Lernen immer gefördert werden sollte und Spaß machen soll (und tatsächlich auch kann!). Mein großer Wunsch ist es, dass sich die Bildungspoltik umfassend mit dieser Problematik beschäftigt und brauchbare Lösungsansätze liefert. Und das lieber heute als morgen.