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06/06/2018 17:38 CEST | Aktualisiert 06/06/2018 18:54 CEST

Bürgermeister hat triste Ost-Stadt wiederbelebt, jetzt lockt er Berliner

"Ihr bekommt keine Wohnung in Berlin? Dann zieht einfach zu uns!”

HuffPost / Uschi Jonas
Am Stadtrand von Schwedt finden sich noch viele Plattenbauten.

Grau, trist, leer gefegt – das ist das Bild, das sich vielen Deutschen von Städten im abgehängten Osten des Landes in die Köpfe gebrannt hat.

Statistiken zur Bevölkerungsentwicklung bestätigen diese Einschätzung: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung werden vor allem Süddeutschland und die großen Metropolen bis 2030 von einem Bevölkerungszuwachs profitieren. Rund 300.000 mehr Menschen als heute werden zum Beispiel in Berlin leben, auch Hamburg wird kräftig wachsen.

Der große Verlierer? Ostdeutschland.

Laut der Bertelsmann-Stiftung wird es Hoyerswerda in Sachsen, Bitterfeld in Sachsen-Anhalt oder Roßleben in Thüringen am schlimmsten treffen. In diesen Städten sollen in 15 Jahren ein Viertel weniger Menschen leben als noch 2012.

Schwedt wächst gegen den Trend

Ein deutliches Bevölkerungswachstum prognostiziert die Studie im Osten nur für die Großstädte Dresden und Leipzig. Auch 5 Landkreise in Brandenburg wachsen, die an der Berliner Stadtgrenze liegen. In allen anderen Landkreisen der Ost-Bundesländer wird die Bevölkerung schwinden.

Das gilt auch für den Landkreis Uckermark – aber es gibt dort eine Ausnahme: Schwedt, gelegen nahe der polnischen Grenze, 110 Kilometer von Berlin entfernt. Seit 2015 wächst die 35.000-Einwohner-Stadt wieder. 

► Wie macht die Stadt das? Und könnte sie zum Vorbild im Kampf gegen den Bevölkerungsschwund in ostdeutschen Städten werden? Vorbild dafür, wie man einer sterbenden Stadt wieder Leben einhaucht?

In den 1990ern graue Plattenbaustadt – heute bunt und attraktiv

“Nach der Wende war Schwedt eine graue Plattenbaustadt. Gar nicht so einfach für einen Bürgermeister, dieses Erbe anzutreten und Verantwortung zu übernehmen”, sagt der SPD-Bürgermeister Jürgen Polzehl.

Seit 2005 ist er Chef der Verwaltung. Er ist stolz, was aus seiner Stadt geworden ist. Schwedt lebenswerter zu machen und so zu retten, hat Polzehl zu seiner Mission gemacht.

Wir haben das hier alles alleine geschafft.” Jürgen Polzehl, Bürgermeister Schwedt

Polzehl ist in der Umgebung geboren und lebt seit Kindertagen in Schwedt. “Ich habe unbewusst die Aufbauphase mitgemacht und jetzt bewusst das Umbau-Szenario mitgestaltet. Wir haben das hier alles alleine geschafft.”

Vorbild für die Wiederauferstehung des Ostens?

Früher prägten Schwedt graue, sozialistische Mehrstöcker. Inzwischen ist aus dem Grau bunt geworden. 

HuffPost / Uschi Jonas
Es gibt noch immer Platten in Schwedt – einige sind immerhin bunt angemalt.

In den Jahren nach der Wende zogen jährlich 2000 bis 3000 Menschen aus Schwedt weg. “Das war lange ein mächtiges Problem”, sagt Polzehl. Ganze Häuserzeilen standen leer. 

Inzwischen werden mehr Wohnungen gebaut, als abgerissen

2001 stand der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder auf einem der Hochhäuser und sagte, dass die Bundesrepublik dem Osten beim Wiederaufbau helfen müsse.

In Schwedt bedeutete das erstmal Abriss. Bagger machten ganze Quartiere dem Erdboden gleich. Das Besondere: Pohlzehl ließ die Häuser kurz danach schöner wieder aufbauen. 

Mehr zum Thema: Das Miet-Paradox: Die Einkommensbelastung ist nicht gestiegen – die Mieten schon

► Wer die noch übrig gebliebenen Plattenbauten am Stadtrand von Schwedt hinter sich lässt, entdeckt heute Neubaugebiete mit kleinen Häusern und Gärten. 

Die Verwaltung baut Schwedt so von außen nach innen nach und nach wieder auf. Schwedt erlebt inzwischen einen regelrechten Bau-Boom.

Und, was einer Revolution gleicht: Seit 2015 ziehen sogar mehr Menschen in die Stadt, als sie verlassen. 

Klar, Wünsche gibt es immer, aber grundsätzlich bietet Schwedt eine hohe Lebensqualität.”

► Eine Folge davon: Zum ersten Mal werden heute in Schwedt mehr Wohnungen gebaut, als abgerissen.

“Das finde ich besonders schön. Jetzt bauen wir wieder zum Kern zurück.”

Nationalpark, Sportvereine, Kultur und Kunst

Auch näher an den Flussauennationalpark heran. Der Nationalpark an der Oder ist einer der Pluspunkte der Stadt.

Denn Wohnraum allein reicht nicht, um ein attraktiver Wohnort zu sein – auch gute Freizeitangebote sind zentral.

HuffPost / Uschi Jonas
Bürgermeister Jürgen Polzehl ist stolz auf die Lebensqualität, die seine Stadt heute bietet.

Der Bürgermeister lässt den Blick aus dem Panorama-Fenster seines Büros schweifen. Direkt neben dem Rathaus ist ein riesiger Sportplatz.

“Wohnungen haben wir abgerissen, aber Theater, Jugendclubs, Sportvereine, unsere Kunst- und Musikschule, die Volkshochschule, all das ist noch da. Wir haben sogar ein eigenes Ensemble. Klar, Wünsche gibt es immer, aber grundsätzlich bietet Schwedt eine hohe Lebensqualität.” 

Zur hohen Lebensqualität zählt auch, wenn man in der Stadt auf ein Auto verzichten kann.

In Schwedt selbst ist vieles fußläufig zu erreichen, aber der Landkreis Uckermark ist riesig. 120.000 Menschen leben hier verteilt auf einer Fläche, die so groß ist wie das Saarland.

► Polzehl hat früh erkannt, wie wichtig Mobilität ist. Wer in Schwedt mit dem Zug ankommt, kann den Busbahnhof nicht verfehlen. Seiner Größe nach zu urteilen könnte er auch in Hamburg oder Köln liegen.

HuffPost / Uschi Jonas
Der Schwedter Busbahnhof könnte auch in einer Großstadt liegen.

Der Stadtlinienverkehr ist fortschrittlich für eine Stadt der Größe Schwedts. Alle Linien kommen mindestens im 30-Minuten-Takt. Das gebe es so nur noch in wenigen anderen vergleichbaren Gemeinden, sagt der Bürgermeister.

Öffentlicher Nahverkehr, der nicht nur Menschen transportiert

► Und der ÖPNV bietet auch ein deutschlandweit einzigartiges Angebots: dem Kombibus.

Die Idee dahinter: Gütertransport mit dem Linienverkehr zu verbinden.  

Die Busse nehmen zusätzlich noch Waren mit. Manchmal Post, manchmal Lebensmittel für kleinere Hotels und Gasthöfe oder ein schweres Elektrogerät, das ein Uckermärker im Schwedter Einkaufszentrum gekauft hat.

Ihr bekommt keine Wohnung in Berlin? Dann zieht einfach zu uns!

Wer etwas mit dem Kombibus transportieren lassen will, schreibt eine E-Mail oder ein Fax. Dann prüft die Verkehrsgesellschaft, ob alles passt und liefert – im schnellsten Fall innerhalb von vier Stunden – an die gewünschte Haltestelle. 

Privatpersonen haben so einen Grund mehr, sich kein Auto anschaffen zu müssen. Und für Gastronomiebetriebe und andere lokale Betriebe ist der Transport im Vergleich mit einem Lieferdienst billiger.

Und auch für die Uckermärkische Verkehrsgesellschaft entstanden kaum Mehrkosten durch die Einführung des Kombibus-Service. Die Busse mussten nicht umgerüstet werden, da jeder Bus bereits über Kofferräume als Staufläche verfügt.

Experten wissen schon lange, dass flexible Mobilitätsangebote eine der wichtigsten Voraussetzungen sind, um strukturschwache Kommunen attraktiver zu machen. 

Allerdings: “Es wird für schrumpfende und alternde Regionen immer schwieriger, eine gute Infrastruktur zu gewährleisten“, sagt Brigitte Mohn vom Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Schwedt hat die Hürde mit seinem innovativen Nahverkehr genommen.

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Wäre die Zug-Verbindung nach Berlin schneller, könnten mehr junge Menschen pendeln

► Und eigentlich erfüllt die brandenburgische Stadt alle Voraussetzungen, um auch von den für viele Berliner immer unerschwinglicheren Mieten zu profitieren.

Denn die Wohnungsnot in der Hauptstadt ist akuter denn je. Im Jahr 2016 erteilten die Bauämter Berlins zwar 25.000 Baugenehmigungen für Wohnungen – so viele wie seit 20 Jahren nicht.

Das Problem: Die Einwohnerzahl der Hauptstadt wächst jährlich um 40.000 Menschen. Ergebnis: In keiner Stadt der Welt steigen die Mieten schneller als in Berlin.

In Schwedt hingegen gibt es genügend Wohnraum – und dazu ist er noch deutlich erschwinglicher als in Berlin.

Dennoch hält sich der Zuzug aus der Hauptstadt bislang in Grenzen.

Der Bürgermeister sieht den Grund dafür vor allem in der schlechten Zugverbindung zwischen den beiden Städten. Momentan brauchen die Schwedter mit dem Zug etwas mehr als eineinhalb Stunden ins Zentrum Berlins. Möglich wäre eine Fahrzeit von knapp einer Stunde – wäre der Zug nur schneller unterwegs. 

Dann “könnten viel mehr junge Menschen zu uns ziehen, in Berlin arbeiten und pendeln”. 

Die Wirtschaft in Schwedt boomt – entgegen dem ostdeutschen Trend

Doch Schwedt ist nicht zwingend auf Pendler aus Berlin angewiesen. Auch die Wirtschaft in der Stadt selbst wächst – entgegen dem allgemeinen Trend in Ostdeutschland.

In Schwedt haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Firmen angesiedelt, einige davon im Sektor erneuerbare Energien, vor allem im Bereich Windenergie und der Biokraftstoffbranche.

Aber auch alteingesessene Unternehmen in der Metall- und Papierverarbeitung oder das Asklepios Klinikum bieten attraktive Arbeitsplätze. 

Stadt Schwedt / Amt fur Statistik Berlin-Brandenburg
Die Wirtschaftskraft Schwedts steigt seit der Wende stetig.

Die Wirtschaftskraft in Schwedt steigt seit den 1990ern kontinuierlich und bewegt inzwischen rund eine Milliarde Euro im Jahr. “Eine stolze Summe für eine 35.000-Einwohner-Gemeinde”, sagt der Bürgermeister. 

Arbeitsplätze, niedrige Mieten, ein guter Nahverkehr, ein Nationalpark, ein ordentliches Freizeitangebot und Ruhe vom Großstadttrubel: Die Ausgangslage für eine lebenswerte Zukunft ist gut in Schwedt, der Anfang gemacht.

Wenn das mit der schnellen Anbindung an Berlin noch klappe, dann habe Schwedt schon eine ganze Menge erreicht, sagt Bürgermeister Polzehl.

“Was wir hier im tiefsten Brandenburg zu bieten haben, kann mit der Lebensqualität in Berlin mithalten. Die Chance dürfen wir uns nicht verbauen. Ihr bekommt keine Wohnung in Berlin? Dann zieht einfach zu uns!”

(ben)