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21/04/2018 20:53 CEST | Aktualisiert 21/04/2018 21:14 CEST

Bürgermeister von Ascha: Mein Dorf versorgt sich selbst mit erneuerbaren Energien

"Wir werden die Weichen stellen, wie es mit der Menschheit weitergeht.”

HuffPost / Uschi Jonas
Wolfgang Zirngibl, der Bürgermeister von Ascha

Das Wasser spritzt, das hölzerne Mühlenrad dreht sich. Gemächlich, unermüdlich. Was klingt wie ein Zeitsprung ins 18. Jahrhundert ist in Wahrheit der Stromaggregator für drei Haushalte im Jahr 2018 in der niederbayerischen Gemeinde Ascha.

“Das kostet nichts und funktioniert immer – und für Kinder ist es auch noch toll. Das ist doch fantastisch”, sagt Bürgermeister Wolfgang Zirngibl.

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Das Mühlenrad versorgt drei Haushalte mit Strom

“Leben, wo andere Urlaub machen”, lautet der Werbeslogan der 2.000-Seelen-Gemeinde. Und das nicht nur, wegen der idyllischen Lage, sondern auch, weil die Gemeinde stolz darauf ist, ihren eigenen, grünen Strom zu produzieren.

Kritiker sagen, erneuerbare Energien seien teuer, die Quellen nicht verlässlich, die Umstellung aufwendig – doch für Ascha gelten all diese Argumente nicht.

Ascha produziert mehr Strom, als die Gemeinde benötigt

Die Gemeinde hat ein Photovoltaik-Großfeld, eine Biogasanlage, eine Holzvergasungsanlage und ein Mühlenrad. Außerdem sind auf fast jedem Hausdach Solarpanels zu sehen und auch die Straßenlaternen funktionieren ausschließlich mit Solar.

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Die Holzvergasungsanalge von Ascha

Durch die vielfältigen Energiequellen ist auch garantiert, dass es nie zu Engpässen in der Versorgung kommt. Die Sonne deckt 50 Prozent des Energiebedarfs, die anderen 50 Prozent decken Biogas und Holzvergasung ab.

Daher sei es auch egal, wie lange die Sonne scheint, sagt der Bürgermeister. Liefern die Solarpanele keinen Strom, kommt der einfach aus einem Gaskraftwerk.

“Wenn man davon ausgeht, dass die Sonne jeden Tag aufgeht und die Vegetation, sprich Biomasse, weiterhin wächst, ist es aus meiner Sicht deutlich verlässlicher, auf regenerative Energien zu bauen als auf fossile Rohstoffe wie Öl und Kohle”, sagt Zirngibl.

Wir haben uns gesagt, Mensch, wir müssen umdenken, so kann es nicht weitergehen.”

Während in Deutschland der Anteil an erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung 2017 bei 36 Prozent lag, und im Verkehrssektor (12,9 Prozent) und Wärmebereich (5,2 Prozent) seit Jahren stagniert, produziert Ascha seit Jahren sogar mehr Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien als die Gemeinde überhaupt verbraucht.

Demnach ist Ascha also vollkommen autark. “Ganz ohne Elektrizitätswerke und Netzbetreiber geht es natürlich nicht, aber unsere gesamte Gemeinde verbraucht 3,5 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr, regenerativ erzeugen wir fünf Millionen”, sagt Zirngibgl.

Umweltbundesamt/ AGEE-Stat
Der Anteil erneuerbare Energien in Deutschland

So ist das heute. Angefangen hat alles schon vor fast 30 Jahren. 1990 sollte die größte Mülldeponie Ostbayerns in Ascha gebaut werden. Die Bürger wehrten sich – mit Erfolg. Und sie nahmen das zum Anlass, sich mehr Gedanken über ihren Umgang mit der Natur zu machen.

“Wir als Gemeinde aber auch die Bürger haben damals an einem Strang gezogen. Wir haben uns gesagt, ‘Mensch, wir müssen umdenken, so kann es nicht weitergehen’”, erzählt CSU-Politiker Zirngibl, der seit mehr als 20 Jahren im Amt ist.

Das ging nicht von heute auf Morgen. Die Bürger und das Rathaus haben viel miteinander diskutiert, über Jahre hinweg. Aber durch den Protest gegen die Mülldeponie hatten sich Arbeitskreise und andere Strukturen entwickelt.

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“Auf die konnten wir das Bürgerengagement aufbauen. Wir wollten uns im Naturschutz einsetzen und daraus hat sich das Thema Energie entwickelt”, sagt Zirngibl.

Der letzte Schritt: Komplett autark werden

Es war ein langer Weg, es wurden auch Fehler gemacht. “Aus denen mussten wir lernen.” Aber das Wichtigste war, dass der Grundgedanke von Anfang an in der Bevölkerung verankert war.

Geholfen haben dabei auch Zuschüsse der Gemeinde. 50 Euro gibt es für den Austausch einer Heizungspumpe, 100 für energiesparende Kühlschränke, 250 Euro für jeden, der sich einen Elektroroller anschafft oder gleich das große Energiepaket, bei dem die Gemeinde die Umrüstung eines Haushalts mit 8000 Euro unterstützt.

Inzwischen nutzt die Gemeinde fast alle Möglichkeiten, die auf dem Markt sind, um Energie zu sparen und zu erzeugen.

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Zirngibl betont: “Das einzige, was wir jetzt noch machen können, ist komplett autark werden.”

Viele Häuser in Ascha sind bereits energieautark, alle neu gebauten werden es. Jedes Haus ist an die zentrale Holzvergasungsanlage im Herzen des Dorfs angeschlossen, 

Um das zu schaffen, müsse man das eigene Zuhause und den eigenen Alltag sehr gut kennen und mit der Energieerzeugung in Einklang bringen. Auf diese Weise muss jeder ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie er Strom und Wärme effektiv einsetzen kann.

Eine Ölheizung baut bei uns keiner mehr ein.”

“Wer bei uns sein Haus auf regenerative Energien umstellt oder neu baut, zahlt für die Installation von Photovoltaik und Nahwärme zwischen 25.000 und 30.000 Euro – herkömmliche Heizsysteme einzubauen kostet jedoch genau so viel”, sagt der Bürgermeister.

Bevor seine Bürger irgendetwas bei sich zu Hause installieren, testet die Gemeinde alles selbst. Momentan zum Beispiel auch eine Photovoltaik-Anlage mit einer speziellen Technik zur Stromspeicherung auf dem Dach des Rathauses.

Wärme könnte bald auch die Sonne liefern, und die schreibe schließlich keine Rechnungen, scherzt Zirngibl. “Mit den Gedanken darüber spielten wir schon lange, jetzt testen wir ein System mit Tauchsiedern.”

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Was in Ascha geschieht, scheint nicht nur der Energiewende zu nutzen, sondern auch gegen Landflucht zu helfen. Ständig werden in Ascha neue Baugebiete erschlossen. Die Gemeinde wächst. 

“Und in unseren neuen Energiesiedlungen ist es für die Bürger selbstverständlich, nur LED-Lampen zu nutzen und Solar- und Photovoltaik-Anlagen aufs Hausdach zu bauen. Eine Ölheizung baut bei uns keiner mehr ein”, sagt Bürgermeister Zirngibl.

Die Bürger stehen hinter den Vorhaben der Gemeinde – zumindest meistens

Die Bürger stehen inzwischen dahinter, wenn das Rathaus neue Ideen umsetzen will – auch wenn das nicht immer so war.

“Wir hatten auch dunkle Zeiten, das braucht man nicht zu verschweigen.” Zirngibl erzählt, dass es 2010 und 2011 eine hitzige Diskussion gab, als Biogasanlagen gebaut werden sollten. “Einige hatten etwas dagegen und plötzlich drehte unsere halbe Gemeinde am Rad.”

Damals hielt das Rathaus an seinem Vorhaben fest. Mittlerweile haben sich fast alle, die damals dagegen waren, entschuldigt. “Wir dachten nicht, dass das funktioniert, wir dachten, da explodiert alles, haben sie zu mir gesagt.” Heute produziert die Biogasanlage Strom und liefern Wärme.

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Doch von sowas lässt sich Zirngibl nicht unterkriegen. “Dass es einfach wird, hat keiner gesagt und immer wieder stößt man eben an Grenzen.”

Viel mehr Sorgen als seine Bürger macht dem Bürgermeister aber die große Koalition in Berlin. Zirngibl ist enttäuscht vom Koalitionsvertrag von Union und SPD. Zum Beispiel davon, dass das Klimaziel für 2020 einfach gestrichen wurde.

Was die GroKo macht, hat für den Bürgermeister nichts mit Energiewende zu tun

Für ihn steht fest: Die Versorgung mit Strom ist ein Grundrecht. “Man müsste grundsätzlich das Kapital aus der Energie raushalten. In der Energiebranche fließt so viel Geld, da geht es nur um Gewinnmaximierung.”

Energie, in welcher Form auch immer, sei ein Grundbedürfnis. Und daher auch Staatsaufgabe, sich darum zu kümmern.

“Das ist Wahnsinn, dass wir 25 Millionen Tonnen Kohle im Jahr importieren, und gleichzeitig Förderprogramme für erneuerbare Energien so kompliziert geschrieben sind, dass nur Großkonzerne etwas damit anfangen können”, schimpft Zirngibl.

Mit Energiewende habe das nichts zu tun, der Normalbürger werde allein gelassen.

Aschas Bürgermeister schlägt vor, für jedes Eigenheim ein lukratives, einfaches Förderprogramm einzuführen, um jedes Gebäude nahezu energieautark zu machen.  

Viele Gemeinden nehmen Ascha als Vorbild

Zirngibl ist sich sicher, dass sich auch Deutschland vollständig mit erneuerbaren Energien versorgen könnte. Wie Ascha das schafft, darüber hat er schon Vorträge in Japan und auf der ganzen Welt gehalten.

Und auch viele Gemeinden im Umland lassen sich inspirieren. Sie installieren Solar-Straßenlaternen, stellen die Beleuchtung in der Sporthalle auf LED-Lichter um oder bauen Photovoltaikanlagen auf kreiseigene Liegenschaften.

“Nur wer ein klares Ziel vor Augen hat, kann etwas erreichen.”

“Viele Gemeinden sind aber auch noch skeptisch, trauen sich noch nicht so richtig mitzuziehen.” Deshalb lädt er andere Bürgermeister ein, sich bei ihm vor Ort anzuschauen, wie die Energiewende im Kleinen gelingen kann. 

Außerdem rät er seinen Kollegen immer, Bilanz zu ziehen. Finanzen sind für Zirngibl nicht das wichtigste Argument, um auf Erneuerbare umzusteigen.

Sich die Zahlen genauer anzuschauen, lohne sich aber dennoch, sagt er. “Allein durch die Umstellung unserer Straßenbeleuchtung hatten wir Kosteneinsparungen von 60 bis 70 Prozent. Das ist doch irre.”

Alle Aktivitäten, Projekte und Investitionen zusammengenommen hat die Gemeinde für die grüne Energieversorgung eine Milliarde Euro ausgegeben.

Wer sich aber Ascha zum Vorbild für die eigene Stadt oder Gemeinde nehmen wolle, dem empfiehlt er, sich von Anfang an engagierte Aktivisten und Unternehmen als Partner zu suchen. “Mein Tipp von Bürgermeister zu Bürgermeister: Energiewende zur Chefsache machen!”

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Am Ende mit seinen Ideen ist Zirngibl noch lange nicht. Bald will er einen Klimaschutzbeauftragten für die Gemeinde einstellen. Der soll helfen, alles noch effizienter und nachhaltiger zu gestalten.

Außerdem will er ein Klimaschutznetzwerk in Bayern aufbauen. Es sei wichtig, dass den Gemeinden klar ist, dass es nicht damit getan ist, hier und da etwas umzustellen. “Nur wer ein klares Ziel vor Augen hat, kann etwas erreichen.”

Und Zirngibl ist überzeugt: “Wir leben in einer spannenden Zeit und wir werden die Weichen stellen, wie es mit der Menschheit weitergeht.”

(ll)