POLITIK
11/10/2018 10:38 CEST | Aktualisiert 11/10/2018 12:24 CEST

Liebe Bundeswehrsoldaten: Das Desinteresse an eurem Schicksal ist einfach nur schäbig

"Viele Bundesbürger haben ein geradezu neurotisches Verhältnis zur Truppe entwickelt."

Fabrizio Bensch / Reuters

Liebe Bundeswehrsoldaten!

Es gibt Momente, in denen das Leugnen von Problemen zwecklos wird. Was die Bundeswehr betrifft, war dieser Moment spätestens Ende September erreicht.

Da veröffentlichte das ZDF eine sehr sehenswerte Dokumentation mit dem Titel “Armee ohne Kompass” im Netz. Sie wurde auch im Fernsehen ausgestrahlt und löste eine Debatte um unseren Blick auf die deutschen Soldaten aus.

Nachdem ich diesen Film fertig geschaut habe, war ich sehr beunruhigt.

Ich war selbst einmal Wehrdienstleistender, ich habe gern gedient und meine Zeit bei der Bundeswehr sogar freiwillig verlängert. Ich bin froh darüber, dass ich die Bundeswehr von innen kennengelernt habe, auch wenn das mittlerweile fast 20 Jahre her ist. Damals habe ich viel fürs Leben gelernt.

Die Öffentlichkeit ignoriert die Soldaten

Trotzdem bot mir die ZDF-Doku einige neue Einblicke. Zum Beispiel, wie tief mittlerweile der Graben zwischen der Gesellschaft und den Soldaten geworden ist.

Besonders erschütternd fand ich eine Szene, in der sich Einsatzveteranen vor dem Reichstag trafen, um dort ihrer gefallenen Kameraden zu gedenken. Der Ort war absichtlich gewählt, die Zeremonie sollte in der Öffentlichkeit stattfinden, und nicht in einem abgezäunten Kasernengelände.

Man konnte Soldaten sehen, die sich gegenseitig in den Arm nahmen, um sich Halt zu geben. Und hinter ihnen stand – fast niemand. Ein Radfahrer fährt eilig durch das Bild, einige wenige Touristen schauen im Hintergrund zu. Doch die große Öffentlichkeit, an die diese Aktion gerichtet war, nimmt keinen Anteil.

Gut 380.000 Soldaten und Soldatinnen waren seit 1992 in Auslandseinsätzen, 60.000 von ihnen klagen über psychische Folgeschäden. Und immer noch hält sich in der deutschen Öffentlichkeit die Legende, dass Soldaten im Grunde selbst verantwortlich seien für die Risiken, die sie mit dem Einsatz ausgesetzt sind. Sie hätten sich schließlich freiwillig gemeldet.

Daraus spricht ein unfassbar falsches Verständnis von Demokratie und der Institution Bundeswehr.

Merkel konnte mit dem Thema Afghanistan nicht gewinnen

Es ist zu einem echten politischen Problem geworden, dass nur eine Minderheit der Deutschen weiß, dass die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist. Wer auch immer seit 1990 eine der etablierten Parteien auf Bundesebene gewählt hat, war mit seiner Stimme mit großer Wahrscheinlichkeit für die Entsendung von Soldaten in Auslandseinsätze verantwortlich.

Doch eben um diese Verantwortung drücken sich viele Deutsche.

Das gilt nicht nur für die mangelhafte Ausstattung der Bundeswehr – an dieser Stelle sei daran erinnert, dass deutsche Soldaten auch Jahre nach dem Anschlag auf einen Bundeswehrbus in Kabul mit Fahrzeugen durch Afghanistan fahren mussten, die nicht für den Kontakt mit Sprengfallen gerüstet waren.

Nein, es geht auch um das, was Einsatzveteranen immer noch erdulden müssen, wenn sie in unserem Namen körperlich oder seelisch zu Schaden gekommen sind.

Deutschen haben ein geradezu neurotisches Verhältnis zur Truppe

In den USA gibt es ein eigenes Ministerium für Veteranenangelegenheiten. Hierzulande tun wir uns immer noch schwer, psychisch erkrankten Soldaten eine angemessene Versehrtenrente zu zahlen.

Diese Verantwortungslosigkeit ist Ausdruck eines politischen Zeitgeistes. Während des Wahlkampfs 2009 blieb Kanzlerin Angela Merkel den Trauerfeiern für gefallene deutsche Soldaten fern. Sie wusste, dass sie mit dem Thema Afghanistan in der Öffentlichkeit keinen Blumentopf gewinnen konnte.

Erst später, im Jahr 2010, änderte sie ihre Meinung. Und das nur auf öffentlichen Druck. 

Es existiert in Deutschland ein tief sitzendes Bedürfnis, sich von allem Militärischen zu distanzieren. Das kann man aus der Geschichte heraus verständlich finden. Und doch haben viele Bundesbürger ein geradezu neurotisches Verhältnis zur Truppe entwickelt.

Auch das zeigt der ZDF-Film: Wie der Bundeswehr im Frühjahr 2018 bei der Netzmesse “Republica“ ein eigener Stand verweigert wurde, weil die Organisatoren befürchteten, dass dort Soldaten geworben werden könnten.

Ich frage mich noch heute, für wie naiv und dämlich die Macher der Republica ihre Besucher gehalten haben. Glaubten sie wirklich, dass erwachsene und meist durchaus gebildete Menschen binnen Minuten von ein paar Uniformierten dazu verführt werden, in den Krieg zu ziehen?

Die Bundeswehr ist die beste aller denkbaren Armeen

Absurd war auch die Aktion eines selbst ernannten Friedensaktivisten, der vor dem Messegelände Anti-Kriegs-Sticker auf ein Werbefahrzeug der Bundeswehr klebte. Daraus spricht ein sehr eigentümliches Verständnis von Meinungsfreiheit.

Ich kann Soldaten verstehen, wenn sie sich von der Öffentlichkeit nicht genug gewürdigt fühlen. Wenn sie zuletzt in der öffentlichen Debatte ein Thema waren, dann bei einem Vorfall wie dem Moorbrand in Norddeutschland, den die Bundeswehr fahrlässig auslöste und Wochenlang nicht löschen konnte. Mit dem Alltag der Soldaten hat dieser Vorfall leidlich wenig zu tun. 

Das darf jedoch nicht dazu führen, dass die Bundeswehr, die nun seit sieben Jahren faktisch eine Berufsarmee ist, sich von der Gesellschaft abkapselt. Und auch dafür gibt es genügend Indizien. Man muss nicht erst die völlig verunglückte Debatte um einen neuen Traditionserlass für die Bundeswehr im Jahr 2017 dafür aufwärmen.

Eigentlich ist die Bundeswehr die beste aller denkbaren Armeen. Sie ist demokratisch verfasst, untersteht in wichtigen Entscheidungen dem Parlament und wird von der Bundesregierung geführt.

Bundeswehr-Soldaten entfremden sich von unserer Gesellschaft

Deshalb lohnt es sich, für diese Institution zu kämpfen.

Wenn Ihr, liebe Soldaten, etwas an der Situation ändern wollt, dann müsst Ihr um die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl dieser Gesellschaft kämpfen. Ich weiß, dass das nicht gerecht ist, denn die Anerkennung für Eure Leistung steht Euch zu. Aber so funktioniert nun einmal Demokratie.

Und wir Zivilisten sollten uns mal fragen, was die Langzeitfolgen unseres freundlichen Desinteresses an der Bundeswehr sind. Nicht nur, dass wir damit unsere eigene Verantwortungslosigkeit gegenüber politischen Entscheidungen zur Schau stellen, die wir selbst mit unsere Stimme erwirkt haben.

Wir nehmen es auch in Kauf, dass eine Viertelmillion Menschen, die für die Bundeswehr in Uniform oder in Zivil arbeiten, von unseren eigenen Werten entfremdet werden.

Das ist unfassbar fahrlässig. Und es führt dazu, den Zusammenhalt in dieser Gesellschaft zu untergraben.