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25/02/2018 14:06 CET | Aktualisiert 25/02/2018 14:06 CET

Die Bundesregierung lässt die Hälfte der Mütter im Stich

Jeder muss wissen, wie willkürlich unser Staat mit seinen Bürgerinnen umgeht.

dpa
Die Mütterrente ist kein Aushängeschild für sozialdemokratisches Verhalten. 

In Deutschland gibt es zwei Klassen von Müttern: Verlierer-Mütter und Gewinner-Mütter. 

Die Verliererinnen werden vom deutschen Staat diskriminiert: Sie bekommen weniger Mütterrente. Und zwar, weil sie entweder zur falschen Zeit oder, und das ist ganz neu, zu wenig Kinder bekommen haben.

Ich bin seit kurzem Rentnerin und habe eine Petition gestartet, um sowohl die immer noch bestehende Gerechtigkeitslücke in der Rente zwischen den verschiedenen Müttergenerationen zu beseitigen, als auch die jetzt im neuen Koalitionsvertrag hinzugekommene Ungerechtigkeit in der Gesetzgebung zu verhindern.

Ich fordere Rentengerechtigkeit für alle Mütter.

Die Mütterrente ist eine Ohrfeige für uns Frauen

Denn ich kann schon erwarten, dass Mütter, die allesamt eine hohe gesellschaftliche Relevanz haben, nicht ausgerechnet von Staates wegen diskriminiert werden. 

In diesem Zusammenhang ist die jetzt vorgesehene Mütterrente II eine schallende Ohrfeige für uns Frauen! 

Weil Millionen von ihnen jetzt erkennen müssen, dass sie, wenn sie vor 1992 “nur” ein oder zwei Kinder geboren haben, weiterhin auf den dritten Rentenpunkt verzichten müssen.

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Diesen dritten Punkt bekommen nach wie vor die Mütter, die nach 1992 ihre Kinder geboren haben und jetzt neu, auch die Mütter, die insgesamt drei oder mehr Kinder auf die Welt gebracht haben. 

Wichtig zu wissen: Für einen Rentenpunkt gibt es um die 30 Euro pro Monat. Die Verlierer-Mütter unter uns haben also im Jahr 360 Euro weniger zur Verfügung. Vielleicht erscheint das manchen jüngeren Menschen wenig. Aber wenn man erst einmal Rentner ist, dann zählt jeder Euro.  

Die neue Mütterrente II

► Die besser gestellten Mütter – also die, die vor 1992 Mutter geworden sind und mindestens drei Kinder haben oder die, die nach 1992 Mutter geworden sind – sollen nun drei Rentenpunkte bekommen - d.h. drei mal 31,03 Euro pro Monat.

► Die schlechter gestellten Mütter – also die, die vor 1992 ihre Kinder bekommen haben und höchstens zwei davon – sollen zwei Rentenpunkte erhalten. Also zwei mal 31,03 Euro pro Monat.

Im Osten wird ein Rentenpunkt mit 29,69 Euro berechnet. 

Ich habe 46 Jahre gearbeitet und zwei Kinder groß gezogen. Zeitweise war ich alleinerziehend, habe viele Jahre nur in Teilzeit gearbeitet. Deswegen bekomme ich jetzt natürlich weniger Betriebsrente und auch weniger normale Rente.  Und dann werden 30 Euro schnell zu viel Geld.

Wir hatten früher keine gute Kinderbetreuung

Was mir wichtig ist: Ich will auf keinen Fall die einzelnen Müttergenerationen gegeneinander ausspielen. Ich finde es fantastisch, dass jüngere Mütter drei Rentenpunkte bekommen.

Aber ich finde es zutiefst ungerecht, dass Mütter, die früher überhaupt nicht über Dinge wie Kinderbetreuung unter drei Jahren oder Ganztagsbetreuung verfügen konnten und dadurch nicht oder nur schwerlich in der Lage waren, ihren Beruf auszuüben, jetzt auch noch in der Rente derart mutwillig benachteiligt werden.

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Sie konnten sowieso nicht viel einzahlen und jetzt bekommen sie auch noch weniger für die Kinder angerechnet. Das geht einfach nicht.

Aber es geht mir nicht nur um die monetäre Ungerechtigkeit, auch wenn das Geld natürlich wichtig ist. Ich möchte einfach auch aufzeigen, wie willkürlich unser Staat in manchen Bereichen mit seinen Bürgerinnen und Bürgern umgeht.  

Noch aber ist der Koalitionsvertrag von den Mitgliedern der SPD nicht abgesegnet. In einem Mitgliederentscheid werden sie darüber und über die Möglichkeit einer neuen Großen Koalition abstimmen.

Wenn sie ihrer Verantwortung gerecht werden, müssten sie eigentlich spätestens bei dem Punkt Mütterrente sehen, dass das wahrlich kein Aushängeschild für sozialdemokratisches Verhalten ist. 

Mütter derartig unterschiedlich und ungerecht zu behandeln, muss gestoppt werden. 

Die GroKo macht faule Kompromisse

Ich war selbst viele Jahre als FDP-Kommunalpolitikerin tätig. Und weiß deswegen auch, wie schwierig die Arbeit von Politikerinnen und Politiker heute ist. Die Themen werden immer vielfältiger und komplexer, die Zeit immer knapper und der Druck immer größer.

Sie reagieren dann oft nur noch, anstatt mit Sorgfalt und Weitblick zu agieren. Und genau deswegen kommt es dann zu solchen faulen Kompromissen wie der Mütterrente II.  

Ich hoffe, dass ich die Damen und Herren der möglicherweise zukünftigen GroKo mit meiner Petition wachrütteln kann. Wir haben schon viele Unterschriften gesammelt. Das wäre vor einigen Jahren nicht so schnell und unkompliziert möglich gewesen. Und das ist wunderbar.

Wenn es das Internet und die damit verbundene Reichweite nicht gäbe, würde die Politik die Mütter erneut über den Tisch ziehen. Doch das versuche ich zu verhindern.

In den letzten Wochen habe ich mit vielen Müttern - ob jung oder alt - gesprochen und geschrieben, die meine Aktion sehr wichtig finden und mich dabei unterstützen. Das freut mich sehr.

Und wir fordern alle gemeinsam die Bundesregierung auf: Behandelt alle Mütter gleich und stellt endlich Rentengerechtigkeit her, was konkret heißt - drei Rentenpunkte für alle Mütter!

Der Text wurde von Katharina Hoch aufgezeichnet. 

(lp)