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01/02/2018 18:19 CET | Aktualisiert 01/02/2018 18:19 CET

Die Bürgerversicherung wäre eine Katastrophe

Die SPD schießt mit ihrem Vorschlag am eigentlichen Problem vorbei.

dpa
Der Privatversicherte ist der, der das Geld bringt.

Es gibt kaum ein Land, in dem Ärzte für die Masse der Leistungen so wenig Geld zur Verfügung haben wie in Deutschland. Die Krankenkassen treten extrem auf die Kostenbremse. Aufgrund der viel zu geringen Bezahlung ärztlicher Kassenleistungen, ist ein Privatpatientenanteil für viele Praxen lebensnotwendig.

Auch für mich. Ich bin Kinderkardiologe und betreibe zusammen mit meinen Kollegen eine Kinderarztpraxis in Bayreuth.

Viele können sich nicht vorstellen, wie wenig wir teilweise verdienen. Wenn ich zum Beispiel ein Langzeit-EKG auswerte, dann erhalte ich für einen Aufwand von rund 15 Minuten 9,80 Euro.

Die Aufzeichnung wird mit nochmals rund sieben Euro bezahlt, allerdings kostet ein Langzeit-EKG auch rund 2000 Euro in der Anschaffung, die Auswerteeinheit zusätzlich rund 3000 Euro.

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Das kann man sich auf Dauer natürlich nicht leisten. Wir brauchen dazu die private Krankenkasse zur Querfinanzierung. Denn für 15 Minuten mit einem Privatpatienten erhalte ich 50 Euro.

Überspitzt gesagt finanziert der privat versicherte Patient die Medizin mit, damit auch den gesetzlich Versicherten langfristig der bekannte Standard erhalten werden kann.

Die Bürgerversicherung wäre eine Katastrophe

Nun will die SPD eine Bürgerversicherung einführen und die private Krankenversicherung abschaffen. Das halte ich wegen des Wegfalls des Wettbewerbs für eine Katastrophe.

Eine Bürgerversicherung würde entweder die Leistungen in den Praxen für alle erheblich einschränken oder alternativ für einen Großteil der gesetzlich Versicherten – dann also alle Bürger – teils erhebliche Mehrbeiträge bedeuten. Das wurde inzwischen von mehreren Studien so berechnet.

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Diese Risiko würde ich in einem funktionierenden System nicht eingehen. Ich sehe eine Umstellung kritisch, auch wenn wir als Kinderärzte vielleicht sogar kurzfristig profitieren könnten.

Denn der Wettbewerb zwischen den gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen würde wegfallen und auch der Wettbewerb innerhalb der gesetzlichen Kassen. Das heißt, dass die Gesetzlichen wie in einem Staatssystem diktieren, was gezahlt wird und was nicht.

Wir haben eine gute Basisversorgung

Die Folge wird erst recht eine Zwei-Klassen-Medizin sein. Denn Zusatzangebote über die Basisversorgung hinaus können sich dann nur die Wohlhabenden leisten. In anderen Ländern Europas ist das ja zum Beispiel schon so, etwa in Großbritannien.

Wir haben in Deutschland eigentlich eine gute Basisversorgung. Jeder bekommt, was er braucht. Wartezeiten gibt es zumindest in unserer Region sowohl für privat als auch für gesetzlich Versicherte.

Bessere Versorgung des Landes mit Praxen, insbesondere für die Versorgung auf dem Land, Abbau von Bürokratie, Personalaufbau in Krankenhäusern und eine kluge Patientenlotsung durch die Hausärzte und eine dafür adäquate Bezahlung: Dafür sollte unser Gesundheitssystem mehr Geld aufwenden und nicht für die Einführung einer Bürgerversicherung.

Die SPD schießt mit ihrem Vorschlag also komplett am eigentlichen Problem vorbei.

Gerald Hofner betreibt den Kinderarztblog.

Der Text wurde von Katharina Hoch verfasst.