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12/06/2018 16:22 CEST | Aktualisiert 12/06/2018 16:22 CEST

Bücher lesen, ohne das ganze Buch zu lesen

Lebenslanges Lernen ist bei den immer rasanter werdenden Veränderungen im Informationszeitalter eigentlich Pflicht. Doch wer hat schon Zeit um hunderte von Seiten in einem Fachbuch zu lesen? Ich habe mit Patrick Brigger, Mitgründer und Chairman von getAbstract und Thomas Bergen, Mitgründer und CEO von getAbstract über die Veränderungen beim lebenslangen Lernen diskutiert und wie Menschen möglichst effizient „auf der Höhe der Zeit“ bleiben können.

Patrick Brigger, getAbstract

Welche Bedeutung hat lebenslanges Lernen in der heutigen Zeit??

Patrick Brigger: Blicken Sie einmal 10-15 Jahre zurück, dann sehen Sie, was sich in der Zeit getan hat: Facebook und das iPhone sind in unserem Leben omnipräsent. Hinzu kommt ein US-Präsident, der via Twitter Weltpolitik macht. Unser Informationszeitalter ist schnelllebig und wer hier den Anschluss verliert, bleibt auf der Strecke.

Thomas Bergen: Das kann man sogar an einem konkreten Beispiel fest machen. Durch die Digitalisierung stehen viele Berufe vor dem Aus. Was Menschen in einer solchen Situation brauchen, sind konkrete Lösungen. Wissen und eine Sensibilisierung dafür, dass Bildung nicht endet, sobald wir Schule oder Universität verlassen, ist ein erster Schritt.

Thomas Bergen, getAbstract

Patrick Brigger: Ein zweiter Schritt ist, das passende Angebot bereitzustellen. Hier sind auch Unternehmen in der Bringschuld. Sie sollten ihre Mitarbeiter mit einem Fortbildungsangebot dort abholen, wo sie sich gerade befinden und sie fit machen für die digitale Transformation. Gerade ältere Mitarbeiter haben hier Nachholbedarf.

Was hat das mit der digitalen Transformation zu tun?

Thomas Bergen: Es herrscht allgemein die Befürchtung, dass Maschinen Menschen ersetzen. Dabei vergessen wir häufig, dass wir gegenüber Maschinen einen enormen Vorteil haben, nämlich Soft Skills. Sicher kann eine Maschine datenbasiert bessere Entscheidungen treffen. Aber manchmal ist die datenbasierte Entscheidung nicht die richtige, beispielsweise, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Da hat der Mensch klar einen USP und ist der Maschine überlegen. Mit Bildung, Wissen und Erfahrung lässt sich diese Stärke weiter ausbauen, das macht den Mitarbeiter unersetzlich. Sowohl Unternehmen als auch Angestellte sollten sich dessen bewusst sein, um für beide Seiten sinnvolle Lösungen zu finden.

Können wir nicht einfach googeln? Wie können wir die richtigen Informationen für uns finden?

Patrick Brigger: Das Internet ist einerseits eine tolle Quelle für Wissen und Informationen, andererseits ist es in Zeiten von Fake News und geringer Überprüfbarkeit von Informationen – das betrifft selbst Wikipedia – durchaus riskant, sich allein darauf zu verlassen. Schließlich kann jeder im Internet publizieren. Es ist ein Segen und Fluch zugleich.

Thomas Bergen: Darüber hinaus ist die Menge an Informationen unüberschaubar. Recherchiere ich beispielsweise den Begriff Supply-Chain-Management, erhalte ich je nach Suchmaschine bis zu 259.000.000 Ergebnisse. Wer soll das alles lesen und bewerten, ob es relevant ist? Dahinter steckt oftmals ein Algorithmus, der meint, mir die vermeintlich besten Ergebnisse zu zeigen. Es ist jedoch bekannt, dass der Algorithmus durch SEO auch beeinflusst wird. Ein Rest von Unsicherheit in Bezug auf die Qualität der Suchergebnisse bleibt.

Patrick Brigger: Auf den ersten Blick erscheint das Internet eine komfortable Lösung, auf den zweiten wird es jedoch schwierig. Da sind wir uns einig. Was wir wirklich brauchen, ist eine Zwischeninstanz, die filtert, was für mich als Person oder mein Unternehmen wirklich relevant ist, um voranzukommen – und mir dann ein maßgeschneidertes Paket zusammenstellt.

Können Sie das noch näher erläutern?

Patrick Brigger: Gerne. Nehmen wir einmal das Stichwort Wissenstransfer. Mitarbeiter wechseln heutzutage häufig das Unternehmen. Dabei müssen alte und neue Mitarbeiter auf den gleichen Stand gebracht werden. Während Einsteiger auf den gleichen Wissensstand gehoben werden, können Mitarbeiter, die schon länger im Unternehmen sind, von neuen Impulsen nur profitieren. Doch wie erhalten sie jeweils die richtigen Informationen? Wahrscheinlich nicht, indem sie wahllos im Internet recherchieren. Eine vitale und produktive Lernumgebung, mit den richtigen Inhalten und Formaten, die die benötigten Skills vermittelt, ist dabei notwendig und bietet insgesamt für Unternehmen nur Vorteile.

Kommen wir nochmal auf den Begriff Schnelllebigkeit zurück. Digitale Medien sind im Trend, die Aufnahmespanne immer geringer: Werden Bücher nicht überflüssig?

Patrick Brigger: Bücher werden nie überflüssig. Aber unser Konsum von Büchern wird sich anpassen und ebenfalls die Art, wie wir Wissen erlangen und uns weiterbilden. Auch das „Medium Buch“ ändert sich: Wir konsumieren Bücher inzwischen in Form eines eBooks, eines Hörbuchs oder sogar einfach als Abstract, weil uns die Zeit für das gesamte Werk fehlt.

Thomas Bergen: Wir sollten hier aber einen Unterschied zwischen Romanen und Sachbüchern machen. Einen Roman möchte ich lesen, aufsaugen und Zeile für Zeile genießen. Ein Businessbuch lese ich jedoch mit einem völlig anderen Anspruch. Ich möchte Wissen erfahren und etwas lernen. Ist es dafür zwingend nötig, das gesamte Buch zu lesen? Oder reicht nicht auch eine Zusammenfassung mit den wichtigsten Infos? Ich denke, das der Faktor Zeit gerade bei Sachbüchern eine zentrale Rolle spielt.

Können Sie Unterschiede oder einen Wandel im Lernverhalten fest machen?

Patrick Brigger: Beim Thema Weiterbildung und Lernen hat Effizienz höchste Priorität: Die Devise heißt möglichst viel Wissen in kürzester Zeit. Mit lang angelegten, zeitaufwendigen Schulungen ist niemandem wirklich geholfen. Zudem wünschen sich Mitarbeiter, nachdem sie Schule und Uni hinter sich gelassen haben, die Chance, ihr individuelles Lerntempo zu bedienen und die Lehre zu individualisieren. Veränderungen geschehen heute so schnell, dass Unternehmen nicht die Möglichkeit haben, im Augenblick zu verweilen. Wer wachsen will, muss es über den Bildungsweg tun. Das ist Unternehmen wie Mitarbeitern, aber auch bereits Studenten klar.

Thomas Bergen: Wir haben beobachtet, dass es beispielsweise zwischen den USA und dem deutschsprachigen Raum nur minimale Unterschiede im Lernverhalten gibt. Auffällig sind die Unterschiede zwischen Studenten und Managern. Während Studenten häufig unsere Klassik-Bibliothek nutzen, sind für Manager Themen wie persönliche Weiterentwicklung oder Gesundheit spannender. Sachbücher über Grundlagenwissen und Economic Reports sind jedoch genauso beliebt.