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12/02/2018 17:28 CET | Aktualisiert 12/02/2018 17:28 CET

Ich habe Krebs und musste mir die Brüste amputieren lassen

Meine Brüste hätten mich umgebracht – also mussten sie weg.

Im November 2014 diagnostizierten die Ärzte bei der Amerikanerin Shannan Taft Ajluni eine aggressive Form von Brustkrebs. Der HuffPost hat sie von ihrem Kampf gegen die schwere Krankheit erzählt und verraten, wie sie Kraft geschöpft hat.

Im Video oben seht ihr, wie medizinisches Marihuana Shannan und ihrem Sohn Olly bei ihrem Kampf gegen den Krebs half.

“Das wird wehtun”, dachte ich, als ich den Wagen hinter mir im Rückspiegel immer näher kommen sah. Dann rumste es einmal kräftig.

Ein Fahranfänger hatte nicht mehr bremsen können und war auf mein Auto gefahren. Ich war sehr aufgebracht. Mein neuer Wagen, auf den ich so lange gespart hatte, hatte eine riesige Delle und ich eine geprellte Schulter.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich einmal unendlich dankbar für diesen Auffahrunfall sein würde.

Wäre der Fahranfänger nicht auf mich drauf gefahren, wäre der aggressive Tumor, der in meiner Brust wuchs, vermutlich erst viel später entdeckt worden. Wer weiß, was das für mich bedeutet hätte.

Ich spürte etwas Sonderbares

Als ich die Armschlinge ein paar Tage nach dem Unfall abnahm, spürte ich ein leichtes Ziepen in meiner Brust. Also drückte ich mit der Hand auf die schmerzende Stelle – und spürte etwas Sonderbares. Es war kein Knoten, sondern mehr so etwas wie eine Verdickung. Das letzte Mal als ich meine Brust abgetastet hatte, war sie allerdings noch nicht dagewesen.

Zunächst habe ich mir nicht allzu große Sorgen gemacht. Ich ging davon aus, dass es sich um einen innerlichen Bluterguss in Folge des Unfalls handelte.

Trotzdem tastete ich mich jeden Tag ab. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die Verdickung größer geworden war.

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Da hielt ich es nicht mehr aus: Ich erzählte meinem Mann davon und bat ihn, meine Brust abzutasten, ohne ihm zu sagen, wonach er suchen sollte. Ich wollte einfach nur wissen, ob er einen Unterschied spüren konnte.

Er spürte ihn sofort. “Wir müssen deine Ärztin anrufen, jetzt sofort”, sagte er mit einem besorgten Gesichtsausdruck.

Ich wusste: Etwas ist gar nicht in Ordnung

Meine Ärztin war etwas irritiert. Sie hatte mich erst vor sechs Wochen durchgecheckt und nichts gefunden. Doch als sie mich erneut untersuchte, verzog sie plötzlich die Miene. “Shannan, ich mache mir Sorgen”, ließ sie mich wissen. “Das war letzten Monat noch nicht da. Wir müssen dringend eine Mammografie machen.”

Am nächsten Tag betrat ich einen kalten Raum in dem meine Brüste zwischen zwei eiskalte Platten gepresst wurden. Ich versuchte an etwas zu denken, was mich aus dem Moment heraus holen würde.

Dann fiel mein Blick auf eine Glasscheibe: Darin spiegelte sich das Computerbild meines Gewebes. Ich konnte eine große weiße Fläche im Innern meiner Brust erkennen. Der Arzthelfer verließ den Raum.

Als Mutter eines unheilbar krebskranken Sohnes habe ich einige Erfahrung mit Untersuchungen. Eine Sache, die ich gelernt habe ist: Wenn der Arzthelfer noch während der Untersuchung einen Arzt verständigt, ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung.

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“Alles wird gut, Mami”

Der Arzt der hinzu kam, fragte, ob mich jemand ins Krankenhaus begleitet hatte. Mein Mann wurde dazu geholt; wir tauschten einen vielsagenden Blick aus und vergossen einige Tränen. Wir vereinbarten Termine für weitere Untersuchungen und liessen uns die Adresse eines Onkologen geben. 

Ich ging erneut zur Mammografie, zur Biopsie und tat mein Bestes, um den Kopf nicht hängen zu lassen.

An dem Tag, als man mir die Ergebnisse mitteilen wollte, weinte ich unter der Dusche. Ich wusste, was die Ärzte mir sagen würden: dass ich an Brustkrebs litt.

Also weihten wir unsere Kinder ein. Mein ältester Sohn und meine Tochter waren fassungslos. Schließlich hatten sie in den vergangenen drei Jahren mitangesehen, wie der Kampf gegen den Krebs an ihrem kleinen Bruder zehrte.

Das Erste, was Olly zu mir sagte, war: “Alles wird gut, Mami, ich werde für dich da sein, so wie du immer für mich da bist!” Und so nahm ich den Kampf auf.

Shannan Taft Ajluni
Shannans Motto lautet: "Der Krebs hat sich mit der falschen Familie angelegt".

Meine Brüste hätten mich umgebracht – also mussten sie weg

Mein Onkologe sagte mir, dass es sich um einen besonders aggressiven Tumor handelte. Innerhalb von sechs Wochen war das Geschwür von der Größe einer Erbse auf die eines Tennisballs angewachsen. Er entschied, dass ich mich erst einer Chemotherapie und dann einer Operation unterziehen sollte.

Die Übelkeit, die Schmerzen und die Erschöpfung, vor allem aber die Verzweiflung überwältigten mich.

Oft lag ich auf dem Badezimmerboden, zu schwach, um mich zu bewegen. Doch in diesen Momenten dachte ich an meinen Sohn. “Wenn Olly das durchstehen konnte, kann ich es auch”, dachte ich. “Ich muss stark sein für ihn.”

Dann teilte mir der Arzt mit, dass man mir die Brüste amputieren müsse. Die Brüste, die mir gewachsen waren, als ich zwölf Jahre alt war, die vier wunderbare Kinder genährt hatten. Sie mussten weg – sonst würden sie mich umbringen.

“Werde ich je wieder wie eine Frau aussehen?”

Rückblickend wünschte ich, ich hätte meinen Brüsten eine Abschiedsparty geschmissen. Stattdessen wollte ich es einfach nur so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich musste für meine Kinder da sein und das Krebsgeschwür versuchte mich daran zu hindern.

Für mich bestand kein Zweifel, es tat mir nicht Leid, ich wollte einfach nur den Krebs loswerden.  

Als ich nach der OP zu mir kam, hatte ich unvorstellbare Schmerzen. Doch das war nichts gegen den seelischen Schmerz den ich verspürte, als ich die Narben das erste Mal sah. Sie reichten von meinen Achseln bis zu meinem Brustbein.

Ich schluchzte und schrie in den Hörer als ich mit meiner Mutter telefonierte. “Werde ich je wieder wie eine Frau aussehen?” fragte ich sie verzweifelt.

Ich habe meine Brust vor allen versteckt. Seit meiner Operation habe ich keinen Badeanzug mehr getragen. Nach etwa einem Monat legte mein Sohn Olly seine Hände auf meine Wangen, sagte mir, wie hübsch ich sei und bat mich, meine Narben sehen zu dürfen.

Mein Sohn sagte, dass er meine Narben mag

Ich hob mein T-Shirt hoch. Während er die roten Linien auf meiner Haut berührte, sagte er auf einmal: “Das ist ein Zeichen dafür, dass du überlebt hast Mami. Deine Narben zeigen, dass du leben willst. Ich mag sie.”

Mein Kind, dessen eigener Kampf gegen den Krebs niemals aufhören wird, gab mir etwas mit auf den Weg, dass ich niemals vergessen werde. Etwas, woran ich mich bei allem, was ich tue, so gut es geht zu erinnern versuche: Wegen meiner Narben bin nich nicht weniger Frau. 

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Vor der Operation dachte ich keine Sekunde darüber nach, was das für meine Erscheinung bedeuten würde. Und ich versuche mein Bestes, um auch jetzt nicht darüber nachzudenken.

Aber ich tue es doch. Deshalb habe ich mich jetzt, wo ich denk Krebs besiegt habe, dazu entschlossen mich an einen plastischen Chirurgen zu wenden, um mir neue Brüste machen zu lassen.

Dann werde ich endlich wie die Frau aussehen, als die ich mich fühle. Und ich werde mich weiterhin für Brustkrebspatienten einsetzen und sie bei ihrem Kampf gegen dieses Ungeheuer von Krankheit unterstützen.

Dieser Blog wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt.

(ks)