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01/11/2018 17:15 CET | Aktualisiert 01/11/2018 17:15 CET

Brustkrebs: Niemand sagt dir, wie es wirklich ist, den Krebs zu überleben

Die Angst vor einem Rückfall bestimmte mein Leben.

Jennifer Bringle
Autorun Jenny Bringle kurz nach ihrer Mastektomie.

Im Alter von 37 Jahren wurde bei der Amerikanerin Jennifer Bringle Brustkrebs diagnostiziert. Sie ließ sich die Brüste abnehmen, begab sich in Chemotherapie und konnte die Krankheit letztlich besiegen. Weshalb damit noch nicht alle Probleme beseitigt waren, schildert die heute 39-Jährige in einem Blog für HuffPost. 

Vor ein paar Wochen haben mein Mann und ich unseren siebten Hochzeitstag gefeiert.

Im Auto, auf dem Weg zu einem schönen Abendessen, scherzten wir darüber, wie wir es überhaupt so lange miteinander ausgehalten haben, schwelgten in Erinnerungen an all die schönen Dinge, die seit dem Tag unserer Hochzeit passiert sind und stellten uns vor, wie unser Leben wohl in den nächsten sieben Jahren aussehen wird ― wie sich unser Sohn entwickelt und ob wir wohl noch im selben Haus wohnen werden.

“Mal sehen, ob ich es bis dahin schaffe”, sagte ich unbedacht und stieß meinen Mann damit offenbar sehr vor den Kopf.

“Was soll das denn heißen?”, fragte er mich entrüstet, “Denkst du etwa wir haben uns bis dahin scheiden lassen?”

Ich musste lachen. “Nein, Quatsch”, antwortete ich verwundert - wie konnte er mich bloß missverstanden haben? “Ich meine, ich hoffe, dass ich bis dahin nicht tot bin.”

Er schwieg eine Weile, ehe er darauf einging: “Denkst du eigentlich andauernd übers Sterben nach?” Ich überlegte einen Moment, dann antwortete ich ehrlich: “Ja klar tue ich das”.

Ich hatte Glück, dass der Krebs so früh entdeckt wurde 

Als die Ärzte vor zwei Jahren Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium bei mir feststellten, schätzte ich mich glücklich. Immerhin hatte man den Tumor früh entdeckt, mir standen verschiedene Therapiemöglichkeiten offen und die Heilungschancen standen gut.

► Natürlich hatte ich wahnsinnige Angst, aber die Ärzte versicherten mir, dass alles wieder gut werden würde.

Brustkrebs in Deutschland

  • Mit rund 69.000 Neuerkrankungen jährlich ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Das Mammakarzinom tritt in jüngerem Alter auf als die meisten anderen Krebsarten.
  • Fast 30 Prozent der betroffenen Frauen sind bei Diagnosestellung noch jünger als 55 Jahre – ein Alter, in dem die meisten anderen Krebserkrankungen zahlenmäßig noch kaum eine Rolle spielen.
  • Die Neuerkrankungs- und Sterberaten liegen in den neuen Bundesländern immer noch deutlich niedriger als in den alten.
  • Das gesetzliche Früherkennungsprogramm bietet Frauen ab 30 Jahren die Möglichkeit einer jährlichen Tastuntersuchung beim Arzt. Zwischen 2005 und 2009 wurde in Deutschland das qualitätsgesicherte Mammographie-Screening-Programm eingeführt.
  • Frauen zwischen 50 und 69 Jahren werden seitdem alle zwei Jahre persönlich zu einer Röntgenuntersuchung der Brust eingeladen (Quelle: Robert-Koch-Institut)

Ich musste mich einer Chemotherapie unterziehen und mir beide Brüste abnehmen lassen. 

Ich ließ weitere Tests machen, die ergaben, dass ich eine Gen-Mutation in mir trage, die mit einer höheren Anfälligkeit für Brust und Eierstockkrebs assoziiert wird. Also ließ ich mir die Eierstöcke vorsichtshalber entfernen.

Mir ging es nur noch darum, zu überleben; ich hangelte mich von einer Medikamenten-Infusion zur nächsten, kämpfte mich durch die Hölle der Nebenwirkungen und die post-operativen Schmerzen ― und besiegte so am Ende die ganze Krankheit.

Mir ging es nur noch darum, zu überleben.

Die Behandlung zehrte zwar an meinen Kräften, aber gleichzeitig war es auch eine beruhigende Zeit. Meine Tagesabläufe waren durchgetaktet und es gab ein klares Ziel, auf das ich hin arbeitete.

Mehr zum Thema Brustkrebs:Ich habe Krebs und musste mir die Brüste amputieren lassen

Nach meiner Brust-OP erhielt ich fantastische Neuigkeiten: Die Ärzte konnten keine Spuren von Krebs mehr in meinem Körper feststellen. Die Chemo hatte gewirkt, ich war gesund und unglaublich erleichtert.

► Aber in den darauffolgenden Wochen und Monaten stürzte ich in ein tiefes Loch.

In den Medien und von Seiten vieler Spendenorganisationen werden Frauen, die eine Brustkrebs-Erkrankung überlebt haben, gerne als fröhlich und unbeschwert dargestellt. Sie haben überlebt! Sie sind Gewinner-Typen! Und schaut mal wie glücklich sie sind!

Die Wahrheit sieht nicht so rosig aus.

Sobald mir etwas weh tat, geriet ich in Panik

Mein Körper war vollkommen im Eimer. Ich ließ mir die Brüste von einem plastischen Chirurgen wiederherstellen, doch sie waren ziemlich verformt.

Außerdem hatte ich durch die Mastektomie jedes Gefühl in den Brüsten verloren. Um das klar zu stellen: Sich die Brüste wiederherstellen zu lassen, hat absolut nichts gemein mit einer Schönheits-OP.

Mein Haar wuchs nach, aber die Chemo hatte seine Struktur verändert; es war jetzt sehr kraus und ich hatte Mühe es zu frisieren.

Darüber hinaus hatte durch die Chemo und meine Eierstock-OP meine Menopause eingesetzt.

Mental war ich sogar in noch schlechterer Verfassung. Jetzt wo meine Gedanken nicht mehr Tag und Nacht um meine Behandlung kreisten, konnte ich an nichts anderes denken als die Möglichkeit eines Rückfalls.

Jedes Mal wenn mir etwas weh tat, bekam ich sofort Panik: Hatte ich Rückenschmerzen vom vielen sitzen, oder weil sich in meiner Wirbelsäule ein Tumor gebildet hatte? Bedeuteten meine Kopfschmerzen, dass ich eine Metastase im Gehirn hatte?

Manchmal saß ich die ganze Nacht wach und googelte Symptome oder durchforstete Online-Foren auf der Suche nach Brustkrebs-Überlebenden, die ähnliche Ängste gehabt hatten und am Ende wieder ganz gesund wurden.

Jetzt wo meine Gedanken nicht mehr Tag und Nacht um meine Behandlung kreisten, konnte ich an nichts anderes denken als die Möglichkeit eines Rückfalls.

Mir ist bewusst, dass meine Angst eine Überreaktion war. Aber gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass der Krebs jederzeit zurückkommen kann. Egal wie früh man ihn entdeckt hat und egal wie gut die Heilungschancen stehen.

Ich wusste nicht mehr, wie sich Normalität anfühlt

Das Leben nach dem Krebs überforderte mich.

Während meiner Behandlung bekam ich von allen Seiten Zuspruch und Unterstützung. Ich hatte eine ganze Gruppe von Ärzten und Krankenschwestern, an die ich mich wenden konnte, falls ich ein Problem hatte. Und ich hatte Zugang zu einem umfassenden Informationsangebot was die jeweiligen Behandlungsmethoden betrifft.

Aber sobald die Behandlung beendet ist und du nicht mehr auf den ersten Blick aussiehst, als würdest du auf der Schwelle zum Tod stehen, geht dein Umfeld wieder zur Normalität über. Ich hingegen wusste nicht einmal mehr, wie sich Normalität anfühlt.

Selbst mein Ehemann, der während der ganzen Zeit nicht von meiner Seite gewichen war, schien dermaßen erleichtert, dass es überstanden war, dass er das Kapitel nur noch abhaken wollte.

Eines Nachts googelte ich mal wieder nach Symptomen, während mein Sohn neben mir spielte. Plötzlich fing er an zu weinen. Erst da wurde mir klar, dass ich so sehr in meine Sorgen vertieft war, dass ich nicht mitbekommen hatte, dass er mich gebeten hatte, ihm vorzulesen.

Der Krebs war zwar aus meinem Körper verschwunden, aber nicht aus meinem Geist. Also musste ich mich ihm auch dort endlich stellen.

Ich versuche mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren 

Ich suchte eine Therapeutin auf, die auf Krebskranke spezialisiert ist. Sie empfahl mir, Meditation zu auszuprobieren, um besser mit meiner Angst umgehen zu können.

Tatsächlich hilft es mir, mich auf den Moment zu konzentrieren. Dann schweifen meine Gedanken nicht so sehr in das “Was wäre wenn” meiner Situation ab.

Denn auch das hat mir meine Therapeutin mitgegeben: Falls mir in der Zukunft ein neuer Schicksalsschlag blüht, helfen mir meine Sorgen in der Gegenwart auch nicht dabei, damit fertig zu werden.

Und wie es mit so vielen Wunden im Leben ist: Die Zeit hilft bei der Heilung. Heute, zwei Jahre später, lebe ich nicht mehr in ständiger Angst, auch wenn ich immer noch dunkle Momente habe.

Hin und wieder google ich noch Symptome und noch immer ergreift mich die Angst, wenn ich daran denke, dass meine Rückenschmerzen vielleicht nicht bloß auf einen verklemmten Muskel zurückzuführen sind.

So sieht die Realität von Krebspatienten aus: Wenn dein Körper dich einmal so im Stich gelassen hat, fällt es dir schwer, ihm je wieder wirklich zu vertrauen.  

► Natürlich denke ich viel über den Tod nach.

Aber auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich womöglich eines Tages einen Rückschlag erleide, versuche ich positiv zu bleiben: Ich will mich nicht über Kleinigkeiten aufregen, ich will achtsamer leben und auf gar keinen Fall werde ich meine Gesundheit je wieder als Selbstverständlichkeit betrachten.

Dieser Blog erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt.