WIRTSCHAFT
20/09/2018 21:35 CEST | Aktualisiert 20/09/2018 23:08 CEST

Brüsseler Magazin: Worüber sich die Deutschen wirklich Sorgen machen sollten

Wir haben vor den falschen Dingen Angst, schreibt ein Kolumnist. Stimmt das?

Steven Ritzer / EyeEm via Getty Images

Worüber macht ihr euch am meisten Sorgen? Diese Frage stellen Meinungsforscher den Menschen in Deutschland immer und immer wieder. Meist lautet das Ergebnis: über die Zuwanderung

Auch Schlagzeilen der Medien waren zuletzt von Streit über den Umgang mit Flüchtlingen, über Proteste gegen Flüchtlinge oder die Aussagen eines hohen deutschen Beamten über diese Schlagzielen gefüllt. 

Der Themenkomplex Zuwanderung saugt alle Aufmerksamkeit in Deutschland förmlich auf.

Autor Konstantin Richter, Kolumnist für das Magazin “Politico” mit einem Redaktionssitz in Brüssel, schreibt allerdings in einem Beitrag: Die Deutschen sollten sich über andere Dinge Sorgen machen. 

Den Deutschen fehlt die Angst vor dem Abgrund 

Seine These: Die Deutschen fühlen sich wirtschaftlich zu sicher. Richter schreibt: 

“Was Deutschland braucht, sind ein paar Bestseller, die sagen: Die deutsche Wirtschaft steht am Abgrund. Sie starrt in den Abgrund. (...) Untergangspropheten, wo seid ihr?”

Der Kolumnist zählt einige Beispiele auf, die deutlich machen sollen, warum Deutschland mehr Pessimismus bräuchte: 

► Die EU hat am Dienstag ein offizielles Kartellverfahren gegen BW, Daimler und Volkswagen eingeleitet – wegen des Verdachts von wettbewerbswidriger Absprachen. Es könnte im schlimmsten Fall zu Geldbußen in Milliardenhöhen führen.

► Die Deutsche Bank laboriert noch immer an den Nachwirkungen der Finanzkrise. Das einst mächtige Finanzhaus schwächelt. Nun würden Investoren selbst manchen Startupts mehr Vertrauen als der Deutschen Bank, schreibt Richter. 

► Der Industriekonzern Thyssenkrupp schwächelt ebenfalls, der Chemiekonzern Bayer ist mit der Übernahme von Monsanto ein hohes Risiko eingegangen. 

Und die Deutschen? Geben sich in Umfragen zuversichtlich über die wirtschaftliche Zukunft. 

“Die Wirtschaft ist zur Nebensache geworden.Niemand spricht mehr über Demographie.Niemand wird über den Mangel an Ingenieuren oder den Niedergang der Deutschen Bank hysterisch.Wenn es um geschäftliche Angelegenheiten geht, haben wir diese spezielle Zutat namens Angst verloren”, schreibt Richter. 

Hat er Recht? Haben es sich die Deutschen in ihrem Aufschwung zu gemütlich gemacht?

Die These über Deutschland auf dem Prüfstand 

► Zunächst stimmt die These nicht, dass es in der deutschen Medien- und Politiklandschaft an Untergangspropheten fehlt.

Erst kürzlich titelte der “Spiegel”: “Es war ein mal ein starkes Land”. Auf dem Cover des Nachrichtenmagazins schmolz die Deutschlandflagge in den Abgrund. 

Und bereits damals erhielt die These vom drohenden Untergang der Bundesrepublik erheblich Gegenwind. “Der Spiegel verliert den Verstand”, kommentierte Max Roser, Ökonom an der Universität Oxford. 

Er verwies auf die gestiegenen Einkommen und die seit Jahren niedrige Arbeitslosenrate. 

Übertreibt der “Politico”-Kolumnist also? Ein Kern Wahrheit steckt wohl in seinem Appell nach mehr german angst. Die pessimistischen Prognosen für die Konjunktur in Deutschland mehren sich. Die Boom-Jahre neigen sich zum Ende. 

Ist Deutschland darauf vorbereitet? Richter findet: Nein. “Viele Firmenkonglomerate, die ihre Wurzeln im deutschen Reich haben, scheinen für die nächste Stufe der digitalen Transformation schlecht vorbereitet zu sein.”

Nicht nur die Firmen, vor allem die Politik hat hier geschlafen. Breitband-Ausbau, Wlan in Zug und Bus, das digitale Klassenzimmer: Das sind immer noch Wahlkampfversprechen und noch nicht deutscher Alltag.