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26/05/2018 12:47 CEST | Aktualisiert 26/05/2018 12:47 CEST

Mein Bruder starb an einer seltenen Krankheit – nun zeige ich ihm die Welt

Marlon soll für immer ein Teil der schönsten Flecken dieser Erde sein.

Privat
Marian Grau reist um die Welt – weil es sein Bruder Marlon nicht kann. 

Als Marian Grau neun Jahre alt war, starb sein älterer Bruder Marlon.

Bald darauf packte Marian das Reisefieber: In nur drei Jahren bereiste
er 31 Länder – und weitere Reisen sind in Planung.

In seinem Buch “Bruderherz – Ich hätte dir so gern die ganze Welt gezeigt” schildert Marian seine Erlebnisse und wie das Reisen ihn seinem verstorbenen Bruder näher bringt. 

Ich lehne mich über Papas Schoß und öffne den Rucksack. Papa weckt so schnell nichts auf, der schläft wie ein Bär.

Ich muss eine Weile im Rucksack wühlen – was wir alles mitgenommen haben! Einen fetten Schal, zwei Mützen und Handschuhe. Auch eine Regenjacke für mich ist dabei.

Im vorderen Fach, dort, wo ich schließlich auch den Kugelschreiber finde, stoße ich auf etwas ganz Besonderes. Unser kleines Ritual, Papas und mein Ding. Ein Umschlag, der kein Schreiben oder irgendwelche Tickets enthält, kein Geld und keine Dokumente. Und doch ist sein Inhalt so ungeheuer wichtig. Es befinden sich ein paar Haare darin. Marlons Haare.

Ich weiß nicht wann, und ich weiß auch nicht wie, aber Papa hat Marlon vor der Beerdigung ein paar Haare abgeschnitten. Es ist das einzig “Echte” von ihm, das wir noch haben. Das, was uns neben den Bildern, den Erinnerungen und Spielzeugen geblieben ist.

Gemeinsam verteilen wir genau diese Haare ganz bewusst in der Welt. Das war Papas Idee, und seitdem wir reisen, sind die Haare ein fester Bestandteil. Wir verstecken sie an ganz besonderen Orten, damit er für immer an diesen wunderschönen Flecken der Erde sein kann.

In Rio de Janeiro, Barcelona, in Rom und Neapel, auf dem Machu Picchu, im Meer, in Marseille und Cannes. Und nun werden wir einen Teil von Marlon auch zum Nordkap bringen. 

Er war der beste Bruder der Welt

Mein Bruder war anders als alle anderen, das wussten die anderen und das wusste ich.

Jeder meiner Freunde hatte ein Geschwisterkind zum Spielen, Lachen und Kuscheln, zum Lernen und Austauschen von Gedanken. Aber nur, weil Marlon nicht so war wie die anderen, und auch so anders als ich selbst, hieß das nicht, dass wir uns nicht verbunden fühlten.

Im Gegenteil: Ich habe meinen Bruder wahrscheinlich noch mehr geliebt als alle anderen und das tue ich heute noch.

Es war mir bewusst, dass ich keine Antwort von ihm erwarten konnte, wenn ich ihn etwas fragte, und mir war klar, dass immer ich derjenige sein würde, der vorliest oder die Musik auswählt. Dass wir nie Hausaufgaben zusammen machen oder auf den Spielplatz gehen würden.

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Das war absolut normal und okay, denn Marlon war mein Bruder – und er war der beste Bruder der Welt.

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Marian Grau (links) mit seinem Bruder Marlon.

► Marlon konnte nicht laufen und lag viel. Ein Leben lang hat meine Mutter ihn herumgetragen; noch heute habe ich das Bild vor meinen Augen, wie sie mit ihm auf dem Arm ins Zimmer kommt.

► Marlon hatte einen Rollstuhl mit etlichen Stützen, den er allerdings nicht selbst bewegen konnte. Sprechen konnte er ebenso wenig, dennoch war er in der Lage sich zu äußern.

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Wenn ich ihn etwas fragte, erwartete ich keine konkrete Antwort, stattdessen hoffte ich auf eine Reaktion, auf ein Lachen oder eine Bewegung seiner Arme.

Auch wenn wir es nicht zu einhundert Prozent wissen können, so sind wir uns trotzdem sicher, dass wir ihn richtig verstanden haben. Für andere ist so eine Unterhaltung, in der immer nur man selbst redet, sicher gewöhnungsbedürftig, aber ich kannte das gar nicht anders.

► Marlon hatte Morbus Leigh, eine Stoffwechselkrankheit, die so unendlich selten vorkommt, dass wir eigentlich mindestens einmal im Lotto hätten gewinnen müssen. Denn auf einen Sechser im Lotto kommt ein Kind mit Morbus Leigh.

Tja, aber das große Geld ist leider ausgeblieben.

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Familie Grau mit Marlon im Urlaub im Allgäu.

Ich will Marlon die Welt zeigen

Ich werfe einen Blick nach links: Papa und Carola sind nahezu gleichzeitig von der lauten Durchsage aufgewacht und schauen ganz benebelt durch die Gegend.

“Huhu, wir sind gleich da!”, sage ich aufgeregt. “Aufwachen, auf geht’s!”

Wenige Minuten später hält der Bus auf dem großen Parkplatz des Besucherzentrums. Logisch, dass wir nicht die einzigen sind. Schade eigentlich. Papa, plötzlich hellwach, schnappt sich den Rucksack, und wir steigen aus.

“Marian, zieh deine Mütze auf!”, ruft er draußen. Er hat recht, es ist krass windig und so kalt, dass ich meinen eigenen Atem sehen kann.

Aber was habe ich erwartet? Ich meine, wir stehen hier an einem der entlegensten Flecken der Erde, mitten im Nirgendwo. Und ich bin enorm glücklich, hier zu sein. Ich kenne keinen in meinem Alter, der schon einmal hier war. Schon verdammt cool.

Fünf Tage bin ich hierhin gereist, immer gen Norden. Mit dem Zug, dem Schiff, dem Bus. Die letzten Meter muss ich nun zu Fuß gehen.

Die Klippe, die aus dem Meer emporragt, sieht von hier wenig vertrauenserweckend aus. Als könnte sie jeden Moment einstürzen und im Wasser verschwinden. Und wo ist jetzt der Globus, 1978 auf einem Podest hier aufgestellt und seitdem das Wahrzeichen des Nordkaps?

Woher ich das weiß? Angeeignetes Nerdwissen!

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Bolivien ist nur eines von vielen Ländern, die Marian Grau in Begleitung seiner Familie bereist hat.

Der Weg, der laut Schild zu ihm führen soll, ist gepflastert, damit die Asiaten nicht ausrutschen. Spaß beiseite. Die Wiese außen herum ist ein Mix aus Acker und Sumpf, da bin ich doch froh um meinen ordentlich gepflasterten Weg! Ich schreite voran, und nach einigen Metern kann ich ihn erkennen – da ist er ja, der Globus!

Ich hätte niemals gedacht, dass der so klein ist! Auf dieser riesengroßen Klippe verschwindet er fast. Aber eben nur fast. Denn wenn man so davor steht, aufs Wasser schaut und die Sonne beobachtet, wie sie langsam am Horizont im Meer verschwindet – ja, das hat schon was.

Ich bin wie verzaubert und genieße diesen Moment sehr. Wenn ich so auf das Wasser schaue, denke ich, dass hier erst einmal Ende Gelände ist. Da kommt so schnell nix mehr. Nur noch eiskaltes Wasser, bis ganz hoch in den Norden.

Bis zum Pol sind’s von hier aus noch 2.100 Kilometer, was eine ganz schöne Menge ist – fast so viel wie bis zu mir nach Hause – 2.619 Kilometer ist Affalterbach von hier entfernt.

“Gefällt’s dir, Marian?”, fragt mich Papa nach einer Weile. Er tritt neben mich ans Geländer, das den staunenden Betrachter davor bewahrt, von der Klippe zu stürzen, und legt einen Arm um mich.

“Na klar! Es ist wunderschön hier. Stell dir mal vor, hier kommt gaaar nichts mehr!” Ich zeige hinaus aufs Meer. “Schon krass, oder?”

“Absolut!”, sagt Carola, die sich an Papas andere Seite kuschelt. Wir sind alle drei ganz geflasht von dem Anblick. Die Klippen um uns sind wunderschön, ganz besonders im Abendlicht.

“Hey ihr zwei, kommt mal mit”, sagt mein Vater irgendwann leise. Er geht mit uns vom Weg ab, direkt in die Sumpfwiese hinein. Unter unseren Füßen matscht es ordentlich, aber egal, ich weiß ja, was er vorhat, und da interessieren mich saubere Schuhe herzlich wenig.

Marlon wird für immer hier mit uns gewesen sein

Wir heben einen Stein aus. Das Moos darunter ist zu unserer Überraschung ganz trocken und weich. Ein idealer Ort.

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Papa gibt mir stumm den Umschlag. Ich knie mich auf den Boden und greife hinein. Ich kann nicht sagen, wie viele Haare noch drinnen sind, und ich weiß auch nicht, ob Papa irgendwo noch mehr hat. Keine Ahnung.

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Marian Grau in Edinburgh.

Ich nehme ein einziges Haar zwischen Daumen und Zeigefinger, ein einziges. Ein kleiner Teil von Marlon. Papa kramt in seinem Geldbeutel herum. “Kommt, das legen wir auch dazu.” Er hält ein Foto von Marlon in der Hand. 

Ich halte das Haar in die Sonne und schaue noch einmal hinaus aufs Meer. Das Wasser glänzt noch immer.

Ich schließe die Augen und denke an Marlon. An meinen Bruder, der ganz bestimmt irgendwo ist. Der mir auf meinen Reisen durch die Welt folgt, und auf den ich unglaublich stolz bin. Und daran, dass ein Teil von ihm nun für immer an diesem wunderbaren Ort sein wird.

Ich lege das Haar ins Moos. Papa küsst das kleine Bild einmal und schließt ebenfalls die Augen. Dann legt er das Foto in die Kuhle, direkt über Marlons Haar.

Gemeinsam heben wir den Stein zurück an seinen Platz. Dort, wo gerade noch ein Loch geklafft hat, liegt nun wieder ein Stein, und alles sieht normal aus.

Wir stehen auf, umarmen uns und laufen dann zurück zum Weg.

Einmal noch sehe ich zurück zu unserem Stein, der zwischen den anderen gar nicht auffällt. Nichts verweist auf das, was wir gerade getan haben, und ich bin froh darüber.

Auch wenn das Bild und die Haare vergänglich sind und sie irgendwann einmal einfach zu Staub zerfallen, freue ich mich. Denn Marlon wird immer hier mit uns gewesen sein und jeden Sonnenuntergang beobachten können.

Eden

Der Text besteht aus mehreren Auszügen aus dem Buch “Bruderherz – Ich hätte dir so gern die ganze Welt gezeigt” von Marian Grau, erschienen bei Eden Books.

(amr)