POLITIK
03/08/2018 14:44 CEST

Britisches Magazin: Liebe Deutsche, hört auf zu jammern!

"Der Pessimismus mag eine deutsche Stärke sein – aber nur in Maßen."

Stephan D_tsch / EyeEm via Getty Images

Die Welt meinte es zuletzt nicht gut mit uns Deutschen.

► Die politische Lage in Berlin: instabil.

► Die deutsche Nationalmannschaft: historisch schnell bei einer WM ausgeschieden.

► Die Aussichten für die Wirtschaft: nicht mehr so rosig

“Es war einmal ein starkes Land”, titelte gar der “Spiegel” und verlieh dem grassierenden Pessimismus Ausdruck. 

Im Ausland kann man diese Untergangsstimmung allerdings nicht verstehen. “Cheer up, Deutschland”, “Kopf hoch”, heißt es in einem Artikel der britischen Wochenzeitung “The Economist”. 

“Pessimismus fällt den Deutschen leicht”, schreibt Berlin-Korrespondent Jeremy Cliffe darin und warnt: Der übermäßige Pessimismus sei das größte Risiko für die Bundesrepublik.

Ein Land von Jammerlappen

Für “Economist”-Reporter Cliffe befürchten die Bürger der Bundesrepublik stets das Schlimmste. Wer in einen Zug mit Deutschen steige, werde schon bald ihr Gemurre hören: “die Temperatur, die unordentliche Lagerung des Gepäcks, eine kurze Verspätung”. 

Er fügt hinzu: 

“Die gleichen Gewohnheiten tragen zum industriellen Erfolg Deutschlands bei. Die Fabriken sind mit gewissenhaften Arbeitern besetzt, die jeden Makel als Abscheulichkeit betrachten, die Produktionsprozesse immer wieder schärfen, bis alles seine Ordnung hat.”

Pessimismus und Perfektionismus gehören für Cliffe zusammen. Allerdings ist dem Reporter etwas aufgefallen: In letzter Zeit habe sich die “Neigung, das Schlimmste zu befürchten”, verstärkt. 

Vielleicht habe es mit der wachsenden Skepsis an der Flüchtlingspolitik der deutschen Kanzlerin begonnen. Zu wichtigen Faktoren zählten auch die Diesel-Affäre oder der Einzug der AfD in den Bundestag, glaubt Cliffe.

Fest steht für den Journalisten jedoch: “Das gerät alles außer Kontrolle. Der Pessimismus – und der damit assoziierte Perfektionismus – mag eine deutsche Stärke sein – aber nur in Maßen.”

Warum der Pessimismus für Deutschland gefährlich ist

Er beginnt eine Reihe von Fakten aufzuzählen, die dem Narrativ eines untergehenden Landes widersprechen: ►

► die geringe Arbeitslosigkeit,

► die boomende Exportwirtschaft,

► die sinkenden Zahlen in der Kriminalitätsstatistik.

Wenn Rechte lauter gegen Deutsche mit Migrationshintergrund hetzen würden – wie zuletzt im Fall von Ex-Nationalspieler Mesut Özil –, dann nur, weil ihre “monokulturelle Vision von Deutschland” dabei sei, den Kampf zu verlieren. 

Denn: Deutschland werde vielfältiger, schreibt Cliffe. Das zeige sich an der steigenden Zahl der Bundestagsabgeordneten mit Migrationshintergrund. Oder daran, dass der türkischstämmige Grünen-Politiker Cem Özdemir zu den beliebtesten Politikern des Landes zählt. 

“Deutschland übersieht solche Fakten auf eigene Gefahr hin”, schreibt Cliffe. Das Land investiere nicht genug in seine Zukunft, “weil Pessimisten nicht investieren”. Ein Land, das nur nach innen guckt, werde international keine Verantwortung übernehmen – und das, obwohl die internationale Ordnung brüchig wie lange nicht mehr sei. 

Er fordert daher: 

“Zum Wohl seiner selbst und dem anderer ist es an der Zeit, dass Deutschland seine Nabelschau beendet und das ganze Bild erfasst – und endlich aufmuntert.” 

Was wir vom Ausland lernen können

Jeremy Cliffe besitzt – das zeigen viele seiner Artikel für den “Economist” – eine Charaktereigenschaft, die in der deutschen Medienlandschaft zuweilen fehlt: Er ist ein Optimist. 

Cool Germany”, schrieb der Journalist einmal über das Land, das er während seiner Arbeit in Berlin und dem Rest der Bundesrepublik kennenlernte. Deutschland werde offener und vielfältiger – und könne ein Vorbild für den Westen werden. 

Wäre da nicht das, was Cliffe im Gespräch mit der HuffPost während des Bundestagswahlkampfes “Deutschlands Identitätskrise” nannte. Will Deutschland ein Einwanderungsland sein? Was bedeutet Deutschsein überhaupt?

Oft hilft ja der Blick von außen, um den Blick zu schärfen. Während Deutschland sich mit Selbstzweifel ob all dieser Fragen quält, verstehen einige Beobachter nicht, warum die Bundesrepublik nicht selbstbewusster vortritt. 

Als der “Spiegel” vom Untergang Deutschlands phantasierte, schrieb der deutsche Ökonom Max Roser, Forscher an der Oxford-Universität: “Wir sind bei der WM ausgeschieden und der ‘Spiegel’ verliert den Verstand.”

In diesem Sinne: Hören wir auf zu jammern! Die Lust am Untergang wird nicht helfen, eine Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft zu finden. 

(sk)