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23/04/2018 09:05 CEST | Aktualisiert 23/04/2018 09:13 CEST

Britin: "Ich wurde als Kind für Sex verkauft – heute helfe ich anderen Frauen”

"Ich habe erkannt, dass ich Verantwortung übernehmen muss, wenn ich mein Leben in den Griff bekommen will."

Arbobogg Imagery via Getty Images
Als Boxtrainerin hilft die junge Britin heute anderen Frauen (Symbolbild)

Ich habe keine einzige schöne Kindheitserinnerung, die ich mit meiner Mutter verbinde.

Alles, an das ich mich erinnere, sind Schläge und Erniedrigungen. Wie sie alles daran setzte, mich vom Rest der Familie zu isolieren. Beispielsweise verbannte sie mich stundenlang in mein Zimmer. Ich durfte nicht auf dem Bett sitzen, sonst hätte ich den Bettbezug zerknittert.

Und ich durfte nicht mit den wenigen Spielsachen spielen, die ich besaß. Mama hatte sie so im Regal angeordnet, dass sie sofort gesehen hätte, wenn ich ihr nicht gehorcht hätte. Also saß ich einfach auf dem Boden, aß das Essen, das sie brachte, und lauschte meinen Brüdern, die ein Stockwerk tiefer mit meinen Eltern fernsahen und lachten.

Mein Körper war immer übersät von Blutergüssen – durch Ohrfeigen, Tritte und Schläge meiner Mutter. Irgendwann zeigte ich ein paar einer Lehrerin. Damals glaubte ich wirklich, es sei meine Schuld, dass Mama mich nicht liebte.

Ich dachte, ich würde überall sicherer leben, als zu Hause – das stellte sich als falsch heraus

Sie hatte mir schließlich auch eingeredet, dass mich mein Vater, der mich nie geschlagen hat und manchmal freundlich zu mir war, sexuell missbrauchen wollte. Deshalb war ich erleichtert, als ich mit 13 Jahren in ein Kinderheim kam – auch wenn ich gehofft hatte, Pflegeeltern zu bekommen.

Bis zu dem Tag, an dem mich ein Sozialarbeiter ins Denver House* brachte, dachte ich, ich würde überall sicherer leben als zu Hause. Allerdings stellte sich das als falsch heraus. Körperlich und mental von meiner Mutter missbraucht zu werden, war nicht das Schlimmste, das mir passieren konnte.

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Mein erster Eindruck vom Denver House war, dass es mehr wie ein heruntergekommenes Bürogebäude aussah als wie ein “Zuhause”. Das laute und selbstbewusste Auftreten der anderen Kinder schüchterte mich ein. Sie drängten auf dem Flur vor dem Büro und schubsten sich gegenseitig weg, um einen Blick auf den Neuankömmling zu werfen.

Als mich ein paar Tage später ein Junge drangsalierte und ich mich wehrte, interessierte das niemanden mehr. Dann, ungefähr drei Wochen nach meiner Ankunft, fragte mich ein älteres Mädchen namens Abbie, ob ich mit ihr auf eine Party gehen wolle. Ich dachte, ich hätte endlich eine Freundin gefunden.

Mehr als ein Jahr verbrachte ich in dem Heim und wurde an Männer verkauft 

Drei Männer saßen im Auto, das uns vom Kinderheim abholte. In dem Haus, zu dem wir fuhren, gab es keine Party. Später in der Nacht gab einer der Männer Abbie Geld – kurz bevor er uns ein Taxi bestellte, das uns ins Denver House zurückbrachte. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, warum.

In der Nacht war mir Entsetzliches angetan worden. Unvorstellbares. Obwohl mir Abbie ‘ernste Konsequenzen’ androhte, wenn ich jemandem davon erzählte, vertraute ich mich am nächsten Morgen meiner Sozialarbeiterin an.

Zuerst dachte ich, sie hätte mich nicht richtig verstanden. Dann brachte sie mich in eine Klinik, wo ich die Pille danach, eine Tüte Kondome und ein Rezept für Verhütungsmittel erhielt. Mir dämmerte, dass niemanden interessierte, was mir widerfahren war. Doch ich verstand es nicht.

Mehr als ein Jahr verbrachte ich im Denver House und wurde in meiner Heimatstadt und im Umland an Männer verkauft. Obwohl ich das Personal immer wieder um Hilfe bat, hat niemand etwas dagegen unternommen. Nicht einmal die Polizisten, die mich manchmal aus einem düsteren Haus holten und zurück ins Kinderheim brachten.

Ich wurde noch verletzlicher

Am Ende hielt ich es nicht mehr aus und rannte weg. Ich landete wieder zu Hause, wo ich ebenfalls noch eine Zeitlang für Sex verkauft wurde. Wo mich meine Mutter fortlaufend misshandelte, manipulierte und für alles verantwortlich machte, was in ihrem eigenen Leben falsch gelaufen war.

Als ich eines Tages drohte, mich umzubringen, wurde ich zu einem Psychiater gebracht. Er stellte mir einige Fragen und sagte schließlich, ich müsse aus der Situation, die meine Depression verursacht, herausgenommen werden.

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Schon bevor mich die Männer, die mich kauften, mit Wodka abfüllten, hatte ich zu trinken begonnen. Als ich schließlich auf eigenen Wunsch in ein Pflegeheim kam, brauchte ich jeden elendigen, hoffnungslosen Tag Alkohol, um ihn zu überstehen. Das brachte seinerseits Probleme mit sich: Ich wurde noch verletzlicher.

Irgendwann konnte ich nicht mehr in der Einrichtung bleiben und musste für rund ein Jahr in ein anderes Kinderheim, bis ich 18 Jahre alt war. Dann stellte mir das Sozialamt eine Wohnung und fühlte sich nicht mehr verantwortlich für mich.

Nun war ich endlich froh darüber, am Leben zu sein

Niemand, der sich in den ersten 18 Jahren meines Lebens um mich hätte kümmern sollen, hat mich beschützt oder mir beigebracht, wie ich mich selbst verteidige. Es folgten noch weitere schreckliche Erlebnisse, mein Vater starb und meine Mutter enthüllte mir Schockierendes.

Schließlich erkannte ich, dass ich selbst Verantwortung für mich übernehmen muss, wenn ich mein Leben noch in den Griff bekommen will.

Ich suchte mir einen Job in einem Großmarkt, fing an, Sport zu treiben, und reduzierte den Alkohol. In der Vergangenheit hatte ich mir oft den Tod herbeigewünscht. Nun war ich endlich froh darüber, am Leben zu sein.

Eines Tages sah ich ein Plakat, das für Boxunterricht warb. Neugierig geworden, ging ich auf dem Heimweg in das Studio.

Ich war 21 Jahre alt, als ich eine kostenlose Probestunde nahm und entdeckte, dass ich gut im Boxen war. Ich bekam die Möglichkeit, trainiert zu werden – mit der Aussicht auf eine professionelle Karriere.

Ich habe ein Training entwickelt für Frauen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben

Eine Zeitlang lief alles gut. Bis mich eine üble Beziehung aus dem Gleichgewicht warf und ich wieder zu trinken begann. Das wäre vielleicht das Ende meiner Geschichte gewesen, wenn ich nicht den Menschen getroffen hätte, der jetzt meine beste Freundin und Mentorin ist.

Es war Pam, die mich ermutigte, beim Sozialamt Einsicht in meine Akten zu beantragen. Ich las sie mit einer Mischung aus Schock, Not und Wut.

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Und es war Pam, die mir einen Anwalt besorgte, der meinen Fall aufnahm. Vor Kurzem handelte er einen außergerichtlichen Vergleich mit dem Sozialamt aus.

Vor etwa einem Jahr begann ich wieder zu trainieren. Kurz nachdem ich mein Buch “Trafficked Girl” (“Verkauftes Mädchen”) an einen Verlag geschickt hatte, qualifizierte ich mich als Boxtrainer und Personal Trainer.

Jahrelang hatte ich gedacht, dass ich mich selbst umbringe oder durch fremde Hand sterbe, bevor ich die Zwanziger erreiche. Ich bin jetzt 30 Jahre alt und habe gerade ein Lauftraining und weitere Programme entwickelt, die auf den Prinzipien des Boxtrainings basieren.

Sie sind für Frauen gedacht, die wie ich traumatische Erfahrungen gemacht haben und ihr Leben ändern wollen.

Es ist toll zu sehen, wie sie Woche für Woche an Selbstvertrauen gewinnen

Es ist mir sehr schwer gefallen zu akzeptieren, dass ich nicht schuld bin für das, was mir widerfahren ist. Schließlich hatte mir meine Mutter, so lange ich mich erinnern kann, eingetrichtert, dass ich für alles Übel verantwortlich sei.

Ich habe immer noch viele Alpträume, und nach meiner wöchentlichen Therapiesitzung fühle ich mich oft mitgenommen und deprimiert. Trotzdem habe ich seit mehr als acht Monaten keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt.

Und ich werde nicht mehr von dieser zermürbenden Einsamkeit übermannt, die mich oft fragen ließ, warum ich überhaupt einen elenden, sinnlosen Tag überstehen will.

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Dreimal pro Woche gebe ich Boxunterricht für Kinder, daneben mehrere Einzelstunden, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Einige der Kinder werden gemobbt, andere wollen einfach nur fit werden. Manche werden von den Eltern gebracht, die wollen, dass sie sich wohl fühlen.

Was auch immer der Grund für ihr Kommen sein mag, ich tue alles, damit ihnen der Unterricht Spaß macht. Es ist toll zu sehen, wie sie Woche für Woche an Selbstvertrauen gewinnen.

Ich trainiere selbst fünf oder sechs Mal pro Woche, ich laufe und schwitze im Fitnessstudio. Ich hoffe darauf, auf Amateur-Niveau oder vielleicht sogar professionell boxen zu können.

Bis dahin genieße ich es, endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen mit Menschen, die mich unterstützen und sich um mich sorgen.

*Namensangaben wurden geändert, um die Anonymität der Autorin zu wahren

“Trafficked Girl” ist bei Harper Collins erschienen, bislang nur auf Englisch.

Der Text ist ursprünglich in der HuffPost UK erschienen und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt. 

(ujo)