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05/12/2018 13:11 CET | Aktualisiert 06/12/2018 15:58 CET

Britin: "Ich verlor Tochter und Mann – dann erst lernte ich das Leben zu schätzen"

"Chloe und Simon haben mir gezeigt, wie schön, wundervoll und kurz das Leben ist."

DEBORAH BINNER

Die Britin Deborah Binner musste innerhalb kurzer Zeit zwei Schicksalsschläge verkraften. Erst starb ihre Tochter an Krebs, dann ihr Mann an einer seltenen Krankheit. 

In diesem Beitrag schreibt sie, wie ihr das die Kraft gegeben hat, mehr aus ihrem Leben zu machen.

“Meine Mission im Leben ist es, nicht nur gerade so zu überleben, sondern aufzublühen – und das mit etwas Leidenschaft, etwas Mitgefühl, etwas Humor und etwas Stil.

Diese Worte von Maya Angelou fassen perfekt zusammen, wie ich gerade lebe und wie ich noch bis zum Ende meiner Tage weiterleben will. Einige Menschen – darunter ich selbst – fragen sich, wie ich es überhaupt geschafft habe, zu überleben.

Denn ich habe kurz nacheinander erst meine Tochter und dann meinen Ehemann verloren. Zwei Schicksalsschläge, die völlig außerhalb der natürlichen Ordnung der Dinge lagen. Und wie sollte ein Mensch nach solchen Ereignissen weiterleben oder sogar noch aufblühen?

Doch ich habe genau das geschafft. Und ich hoffe, anderen Menschen dadurch zeigen zu können, dass das Leben auch nach einem Todesfall weitergeht.

Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch auch, dass jeder zuerst einmal selbst wollen muss, dass es einem wieder besser geht. Und dass jeder anschließend unglaublich hart daran arbeiten muss, um an diesen Punkt zu gelangen.

Meine Tochter war perfekt, alle liebten sie – doch sie war todkrank

Die erste persönliche Katastrophe meines Lebens drehte sich um meine wunderschöne und perfekte Tochter Chloe. Sie war ein beliebtes, großes, dunkelhaariges Mädchen mit großen, blaugrünen Augen.

Ich hatte immer geglaubt, dass ihr die Welt zu Füßen lag. Doch ich hatte keine Ahnung, dass in ihrem wunderschönen, jungen Körper demnächst die Hölle ausbrechen würde.

Alle liebten Chloe und irgendwie schien in ihrem Leben immer alles glatt zu laufen. Sie war intelligent und charmant. Außerdem konnte sie singen wie ein Engel und sie hatte eine natürliche Begabung für Musik und Tanz.

Ich hatte immer geglaubt, dass ihr die Welt zu Füßen lag. Doch ich hatte keine Ahnung, dass in ihrem wunderschönen, jungen Körper demnächst die Hölle ausbrechen würde.

Chloe war 15, als sie plötzlich über Schmerzen in ihrem Bein klagte. Die Ärzte spielten diese Schmerzen immer wieder herunter.

Ihre Schmerzen wurden immer schlimmer

Sie versuchten uns wenig überzeugend einzureden, dass es sich dabei lediglich um “Wachstumsschmerzen” handelte. Denn Chloe sah nach außen sehr gesund aus und sie hatte ein tolles Leben. Partys, Jungs, Spaß – einfach alles, was dazugehörte. Doch die Schmerzen ließen nicht nach und setzten irgendwann sogar nachts ein.

Ich war alarmiert und vereinbarte einen dringenden Termin bei einem Facharzt. Das war der Moment, an dem wir das “Tor zur Hölle” betraten. Man sagte uns, dass Chloe einen Tumor hatte.

Es handelte sich dabei um ein Ewing-Sarkom, ein seltener solider bösartiger Tumor, der meist Knochen befällt.

Die Ärzte taten alles, um gegen den stark wuchernden Krebs anzukämpfen, der bereits am Toben war. Doch es half nicht.

“Ist das heilbar?”, fragte ich und sank auf meine Knie. “Man kann es behandeln”, lautete die Antwort der Ärzte. Mir wurde erst später klar, dass dazwischen ein gewaltiger Unterschied bestand.

DEBORAH BINNER
Deborah und ihre Tochter Chloe

Chloe wurde mit Chemotherapie, Strahlentherapie und Operationen behandelt. Die Ärzte taten alles, um gegen den stark wuchernden Krebs anzukämpfen, der bereits am Toben war. Doch es half nicht.

Die Forschung an Knochenkrebs bei Kindern entwickelt sich nicht weiter

Ich glaube auch nicht, dass die Ärzte wirklich jemals davon ausgegangen waren, dass sie Chloe retten konnten. Die Überlebensrate für Kinder mit Knochenkrebs hat sich in den letzten 30 Jahren kaum verändert.

Der Grund dafür ist, dass die Pharmafirmen an dieser Krankheit kein Geld verdienen können. Das ist der wahre Grund.

Wie man es auch dreht und wendet: Tatsache ist, dass nicht genügend Kinder an Krebs erkranken, um die riesigen Investitionen rechtfertigen zu können, die man für die klinischen Studien zur Einführung von neuen Medikamenten benötigen würde.

Meine Tochter starb am 28. Februar 2013. Es war ein unglaublich trauriger und bitterer Tag. Vor gerade einmal zwei Wochen war sie 18 Jahre alt geworden. Chloe starb zuhause und wir alle waren bei ihr.

An diesem Tag ist auch ein großer Teil von mir gestorben. Die Hoffnungen und Träume meines wundervollen Kindes waren allesamt zerstört worden.

Doch da ich noch ein zweites Kind hatte, gab ich nicht auf. Ich arbeitete hart daran, das Positive in meinem Leben wiederzufinden. Und manchmal gelang mir das sogar.

Doch das Schicksal war noch nicht fertig mit uns.

Ein Jahr nach Chloes Tod wurde meine Mann Simon krank

Mein Ehemann Simon war immer mein Fels in der Brandung und der Mittelpunkt meines Lebens gewesen. Gerade einmal ein Jahr nach Chloes Tod beklagte er sich jedoch plötzlich über ein eigenartiges Gefühl auf der Zunge.

Wieder einmal gingen wir zum Arzt und erhielten eine Schocknachricht: “Sie haben die Motoneuron-Krankheit.”

Mein Mann war ein starker, dynamischer Alpha-Mann. Er machte mir unmissverständlich klar, dass er die Motoneuron-Krankheit nicht bis zum Endstadium durchstehen wollte.

Um Himmels willen! Diese Krankheit ist so schrecklich, dass selbst Ärzte es kaum wagen, ihren Namen in den Mund zu nehmen.

Kurz und brutal ausgedrückt, raubt diese Krankheit den Betroffenen zuerst sämtliche Körperfunktionen und anschließend ihren letzten Rest an Stolz und Würde. Eine absolut grauenhafte Krankheit.

Mein Mann war ein starker, dynamischer Alpha-Mann. Er machte mir unmissverständlich klar, dass er die Motoneuron-Krankheit nicht bis zum Endstadium durchstehen wollte.

Gegen meinen heftigen Protest beschloss er, sein Leben im Oktober 2015 in einer Sterbehilfe-Klinik in der Schweiz zu beenden. Er war innerhalb von Sekunden tot und mir blieb nichts anderes übrig, als irgendwie weiterzumachen.

DEBORAH BINNER
Deborah und ihr Mann Simon

Anfangs hatte ich mit Selbstmordgedanken zu kämpfen, weil der Schmerz einfach zu groß für mich war. Doch dann machte ich tatsächlich weiter.

Ich hatte mir schon sehr früh das Ziel gesetzt, dass ich meine Erfahrungen nützen würde, um anderen zu helfen. Ich hatte bereits so viel erlebt. Mein bisher vollkommen normales Leben war durch diese außergewöhnlichen Ereignisse komplett aus der Bahn geworfen worden.

Ich kämpfte weiter – für Simon und Chloe

Ich setzte mich unermüdlich für bessere und sanftere Medikamente für krebskranke Kinder ein. Ich schrieb ein Buch. Ich beantwortete Briefe und ich besuchte einen Kurs in Positiver Psychologie. Ich brachte meinen letzten Rest an Kraft auf, um das Allerbeste aus meinem Leben zu machen.

Ich wollte alles in meiner Macht stehende zu tun, um für die Familie, die mir noch geblieben war, das Allerbeste aus mir selbst herauszuholen.

Mich in Depressionen zu vergraben kam für mich nicht in Frage. Chloe und Simon waren so großartige, tapfere und starke Menschen gewesen. Selbst in den aussichtslosesten Situationen hatten sie niemals aufgegeben. Ich hatte mir geschworen, dies in Ehren zu halten.

Ich wollte alles in meiner Macht Stehende tun, um für die Familie, die mir noch geblieben war, das Allerbeste aus mir selbst herauszuholen.

Und irgendwie hat es funktioniert. Die Asche von Chloe und Simon steht in meinem Schrank und ich spreche jeden Tag mit ihnen. Die Erinnerung an die beiden ist fest in meinem täglichen Leben fest verwoben.

Ich zerbreche mir nicht mehr den Kopf über lächerliche Dinge

Sie werden mich niemals verlassen und ich werde sie niemals vergessen. Und ich erinnere mich immer daran, wie schön, wundervoll und kurz das Leben ist.

Wenn ich irgendwann sterbe und auf mein Leben zurückblicke, will ich aus vollem Herzen sagen können, dass ich mein Bestes gegeben habe und dass ich etwas bewegt habe.

Ich bin trotz dieser Schicksalsschläge ein besserer Mensch geworden. Und vielleicht ja sogar gerade deshalb.

Ich zerbreche mir den Kopf nicht mehr über lächerliche Dinge. Zum Beispiel ob ich alt aussehe, ob mein Haus aufgeräumt ist, oder welche Kleidung ich trage.

Denn all das ist unwichtiger Quatsch. Ich konzentriere mich stattdessen lieber voll und ganz auf die Beziehung zu meiner Familie und zu meinen Freunden.

Ich würde für meine Lieben sofort alles liegen und stehen lassen. Ich mag mich selbst und das Leben, das ich führe. Und das fühlt sich unglaublich gut an.

Ich bin trotz dieser Schicksalsschläge ein besserer Mensch geworden. Und vielleicht ja sogar gerade deshalb.

Deborah Binner ist die Autorin des Buches “Yet Here I Am”, das bei Splendid Publications erschienen ist.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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