POLITIK
29/01/2019 14:07 CET | Aktualisiert 29/01/2019 18:05 CET

Dokument enthüllt Verbindung der Erdogan-Regierung zu berüchtigtem Attentäter

Er erschoss den russischen Botschafter. Vorher stand er in engem Kontakt mit zwei regierungsnahen Imamen. Einer von ihnen übt auch in Deutschland Einfluss aus.

Getty / AP

Mevlüt Mert Altintaş steht breitbeinig da, immer wieder greift er sich kurz an sein Jackett, ballt eine Faust und lässt die Hand dann wieder locker. Dann greift Altintaş in seine Jacke, zückt eine Waffe und schießt.

Mindestens neunmal.

Der zum Tatzeitpunkt am 19. Dezember 2016 22-jährige Sicherheitsmann erschoss den russischen Botschafter Andrei Karlov in Ankara kaltblütig von hinten. “Allahu Akbar”, rief der Schütze. Und: “Vergesst Aleppo nicht!”

Sein Arabisch ist brüchig.

Es ist ein Mord, um den sich noch immer Rätsel und Mythen ranken – und der nun noch einmal an Brisanz gewinnt.

► Denn Altintaş hatte laut Informationen der HuffPost Verbindungen ins Umfeld der Regierung des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan – und zu einem Prediger, der auch in Deutschland eine treue Anhängerschaft um sich schart.

Offiziell ist es ein typischer Gülen-Prozess

Anfang Januar startete der Prozess um die Ermordung des hochrangigen russischen Diplomaten. Die türkische Polizei hatte den Haupttäter Altintaş noch am Tatort erschossen.

Dennoch stehen in Ankara 28 Verdächtige vor Gericht.

► Ihnen wird (in 16 Fällen) die Planung eines Mordes mit terroristischer Absicht und (in 12 Fällen) die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Einer der Angeklagten: Fethullah Gülen.

Jener islamische Prediger, den Erdogan und seine Anhänger für den Putschversuch im Sommer 2016 verantwortlich machen und dessen Gefolgsleute die türkische Regierung auf der ganzen Welt jagd. Wenig überraschend erschien Gülen nicht zum Prozess, er lebt weiter im US-Exil in Pennsylvania.

Die türkische Staatsanwaltschaft beschuldigt ein hochrangiges Mitglied seiner Bewegung, Sahin Sogut, die Ermordung von Karlov beauftragt zu haben. Per E-Mail und über Social-Media-Accounts habe Sogut demnach mit dem Mörder Kontakt gehabt. Zudem soll es Beweise für mehrere Treffen zwischen den beiden geben.

► Der Kern dieses Narrativs ist simpel: Die Gülen-Bewegung, die zuvor versucht hatte den türkischen Staat zu unterwandern und gegen Erdogan zu putschen, wollte mit dem Attentat für diplomatische Verwerfungen in der kriselnden Beziehung zu Moskau sorgen und die Türkei weiter ins Chaos stürzen.

Gülen hat seine Beteiligung sowohl am Putschversuch als auch am Attentat von Ankara abgestritten. 

Die dubiose Verbindung ins Regierungsumfeld

Bislang war über den Schützen Altintaş vor allem bekannt, dass er vor seiner Tat auch im Sicherheitsteam des Präsidenten Erdogan gearbeitet hatte. Zwischen dem Putschversuch und der Ermordung des russischen Botschafters soll er achtmal mit dem Schutz Erdogans betraut gewesen sein. 

► Doch es gibt noch eine andere Verbindung zwischen Altintaş und dem Präsidenten. Das ist das zweite Narrativ, das nun für Diskussionen sorgt.

Denn Altintaş stand in engem Kontakt mit einem Imam, der laut der erdogankritischen Seite “Nordic Monitor”, die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei dokumentiert, für das Religionsministerium Diyanet in Ankara arbeitet, das direkt Erdogan unterstellt ist.

► Es handelt sich um Recep Uguz, auch bekannt als Ebu Huzeyfe Turki.

2011 warb ihn Diyanet demnach als praktizierenden Imam an, später arbeitete er noch zwei Jahre für eine der Organisation zugehörige Stiftung. Uguz gibt auch auf der Karriereplattform Linked.in das Ministerium als seinen Arbeitgeber an.

Linked.in

Uguz ist im Fall Karlov nicht Angeklagter, aber Zeuge.

Der HuffPost liegt die Zeugenaussage des brisanten Mittelsmannes vor. 

Im Dezember 2016 wurde er von türkischen Anti-Terror-Einheiten befragt. Die Mitschrift war der Anklageschrift des Staatsanwalts von Ankara angehängt.

Facebook
Recep Uguz kannte den Attentäter gut.

Uguz, geboren im Westen der Türkei, ist ein radikaler Prediger mit Verbindungen in viele islamische Länder. Er hat in der Vergangenheit bei Auftritten und in den sozialen Medien zur Unterstützung für die Terrorgruppen Al-Kaida und IS aufgerufen.

► In dem bislang nicht öffentlichen Dokument beschreibt Uguz, dass Altintaş im Jahr 2015 in einer Gruppe von 30 bis 40 jüngeren Männern die Moschee betreten hätte, in der er predigt.

Nach dem Gebet habe er mit dem späteren Attentäter und dem Mitangeklagten Sercan Başar gefrühstückt. Beide seien daraufhin regelmäßig in die Moschee gekommen.

Screenshot

Sie hätten ihn um private Arabischstunden gebeten, die er ihnen nach anfänglichem Zögern auch erteilt hätte.

Nach rund drei Wochen seien die beiden aber nicht mehr erschienen. An den Gebeten und privaten Gesprächsrunden hätten die jungen Männer aber noch bis Mitte 2016 regelmäßig teilgenommen.

► Am Abend des Mordes, so berichtet es Uguz, habe ihn ein Schüler namens Muhammet angerufen. Der Mann habe berichtet, dass Altintaş am Morgen in der Moschee erschienen sei und sich dort sein Handy geliehen habe, um einige Anrufe zu machen.

Noch unmittelbar vor der Tat besuchte Altintaş also das Gebetshaus des Diyanet-Imams. Trotz dieser offenkundigen Verbindung zwischen dem Täter und dem radikalen Prediger hat die Staatsanwaltschaft Uguz nicht näher durchleuchtet. 

Attentäter besuchte auch Nurettin Yildiz

Uguz ist nicht die einzige dubiose Figur, mit der der Attentäter in Kontakt stand.

In einer weiteren Zeugenaussage von Uguz aus dem Januar 2017, die “Nordic Monitor” vorliegen soll, spezifiziert der Prediger, die “30-40 Männer”, die im Sommer 2015 in seine Moschee gekommen seien, seien Anhänger der Stiftung Sosyal Doku Vakfı.

Eine Organisation, gegründet vom umstrittenen Prediger Nurettin Yildiz. 

Lange galt Yildiz als eine Art “Haus-Prediger” des türkischen Präsidenten Erdogan. Immer wieder trat er als Keynote-Speaker auf Veranstaltungen der AKP-Jugend und der Stiftung TÜGVA von Erdogans Sohn Bilal auf. 

Screenshot
Bilal Erdogan (l.) und Nurettin Yildiz (r.) auf Veranstaltungen von TÜGVA.

 

Zuletzt äußerte der AKP-Chef allerdings auch Kritik an Yildiz – besonders für dessen frauenverachtende Positionen. Yildiz hatte so unter anderem in einer Videobotschaft gesagt: “Allah hat uns befohlen, Frauen zu schlagen. Frauen sollten dankbar sein, dass ihre Männer sie schlagen.“

Erdogan erklärte daraufhin – ohne Yildiz beim Namen zu nennen – für solche Positionen gebe es keinen Platz im Islam.

Screenshot
Nurettin Yildiz

 

Schon im Dezember 2016 hatte die Zeitung “Hürriyet” berichtet, dass der Mörder des russischen Botschafters regelmäßig an Veranstaltungen in der Hacı Bayram Moschee teilgenommen hatte, die Yildiz leitete.

Auch in Deutschland kommen Yildiz Lehren an

 

► Brisant: Der AKP-nahe Hassprediger, dem auch Kontakte zur Terrorgruppe Al-Nusra in Syrien nachgesagt werden, unterhält auch nach Deutschland Verbindungen.

Bis mindestens ins Jahr 2017 organisierten Ortsvereine des deutschen Islamvereins Milli Görüs laut einer HuffPost-Recherche immer wieder Jugendreisen zu Yildiz’ Stiftung Sosyal Doku in Istanbul.

Dort nahmen die Jugendlichen – darauf deuten Fotos hin – an privaten Gesprächsrunden mit dem Imam teil.

Der HuffPost liegen zudem Informationen vor, nach denen mindestens drei junge Muslime, die in Hessen in der Jugendarbeit tätig sind, weiterhin enge Kontakte zu dem umstrittenen Prediger unterhalten. Sie alle sind in der Vergangenheit auch auf Milli-Görüs-Veranstaltungen aufgetreten.

Ein gefährliches Netzwerk

So hat die Ermordung des Botschafters Karlov nicht nur die türkisch-russischen Beziehungen vor eine Zerreißprobe gestellt.

Sie legt auch die Verbindungen zwischen regierungsnahen Predigern und gewaltbereiten Extremisten offen – ein Netzwerk, das das Religionsministerium durchzieht und sich auch nach Deutschland spannt.

Dieses Netzwerk steht in Ankara nicht vor Gericht. Und so bleibt zunächst im Dunkeln, wie weit es reichen mag.

(ben)