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09/01/2018 16:06 CET | Aktualisiert 09/01/2018 16:06 CET

Post, Wert, Zeichen: Darum sind Briefmarken im Zeitalter der Digitalisierung gesellschaftlich wertvoll

Briefmarken erinnern uns daran, was eine Gesellschaft zusammenhält.

Dr. Alexandra Hildebrandt

Der Brief ist langsamer, teurer, vordergründig unpraktischer als die virtuelle Post. Aber er ist eben materiell und greifbar, individuell und bedeutend, er dokumentiert die Handschrift und damit die Seelentiefe des Verfassers.“ - Frank Berzbach

Vor einigen Jahren hieß es, dass die Tage des handgeschriebenen Briefes gezählt seien, und diese Kulturtechnik vom Aussterben bedroht ist, weil die meisten Menschen doch lieber E-Mails oder digitale Grußkarten schreiben – doch dem Trend zur Onlinekommunikation zum Trotz wächst heute die Zahl der Menschen, die den Brauch des Briefschreibens am Leben erhalten möchten.

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Durch die Auseinandersetzung mit Frank Berzbachs Texten wurde der Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs bewusst, wie oft wir Alltägliches abfällig behandeln.

Während der zweijährigen Entstehungszeit des Buches “Formbewusstsein“ veränderten sich auch ihre Routinen.

So begannen beide beispielsweise, sich wieder Briefe zu schreiben. Der Rhythmus, der sich an der Lehre des Autors orientierte, gab dem Projekt Halt.

Das Internet ist nicht der Feind der analogen Post – es ist vielmehr eine nachhaltige Ergänzung, die der Erhaltung der Briefkultur dient.

Auf der Website postcrossing.com können Adressen aus der ganzen Welt ausgetauscht werden – für jede Postkarte, die an einen anderen Postcrosser verschickt wird, erhält man eine in seinem eigenen Postkasten.

Was bedeutet das Schreiben von Briefen für dich?

Auf der Seite handwrittenletterproject.com fordert ein Kreativer andere Kreative auf, ihm mitzuteilen, was Briefeschreiben für sie bedeutet.

Zur Briefkultur gehören auch die in England erfundenen Briefmarken, die es seit 1840 gibt. Die “One Penny Black“ gilt als älteste Marke der Welt.

Die damit verbundene Sammelleidenschaft brachte den Bethel-Leiter Friedrich von Bodelschwingh auf die Idee, eine Briefmarkenstelle in Bethel zu gründen.

Als Gründungsdatum der Briefmarkenstelle Bethel gilt das Jahr 1888. Briefmarkensammler aus aller Welt bestellen hier neue oder ungewöhnliche Briefmarken für ihr Portfolio.

Im Jahr 1946 wurde mit der professionellen Aufbereitung der Briefmarken begonnen: Menschen mit Behinderung sortierten und reinigten die Postwertzeichen in der Briefmarkenstelle.

1988 wurde die Briefmarkenstelle Bethel selbst zum Motiv auf einer Briefmarke: Die Deutsche Bundespost brachte ein Postwertzeichen zum hundertjährigen Bestehen der Briefmarkenstelle heraus.

Jeden Werktag erreichen etwa 400 Briefe, Pakete und Päckchen die Sammelstelle in Bethel. Die Briefmarken können aber auch an vielen Sammelstellen abgegeben werden, darunter Schulen, Kindergärten und Recyclinghöfe, die auf die Annahme verweisen.

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29 Tonnen Briefmarken werden in Bethel jährlich aufbereitet, sortiert und für den Wiederverkauf verpackt. Dies entspricht 128 Millionen Briefmarken, die einzeln oder als Kiloware unter Wahrung des Datenschutzes verkauft werden.

125 kranke, behinderte und sozial benachteiligte Menschen arbeiten für die Briefmarkenstelle. Gemeinden, Unternehmen und Einzelspender lassen der Einrichtung Briefmarken zukommen. Auch bei Häcker Küchen in Rödinghausen werden seit Jahren die Briefmarken der täglich eingehenden Post gesammelt.

Eine Mitarbeiterin erhält die Umschläge oder ausgetrennten Briefmarken aus verschiedenen Abteilungen, zuhause werden die Marken ausgeschnitten und in einem Karton gesammelt. Immer wenn ein Päckchen voll ist, schickt sie es nach Bielefeld zur Sammelstelle.

Die Arbeitsplätze in der Sammelstelle sind mehr als nur eine Beschäftigung für kranke und behinderte Menschen, die hier ein kleines Einkommen erhalten.

Sie geben ihnen eine sinnvolle Aufgabe und ihrem Leben Halt und Struktur. Briefmarken erinnern uns daran, was eine Gesellschaft im Innersten zusammenhält – und worauf wir auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht verzichten können.

Weiterführende Informationen:

Frank Berzbach: Formbewusstsein. Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2016.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.