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24/03/2018 20:03 CET | Aktualisiert 24/03/2018 20:03 CET

Depression: Brief einer psychisch kranken Mutter an ihre Kinder

Ich bin nicht die Mutter, die ich gerne wäre.

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"Ich habe Angst, dass ihr auch einmal an einer Depression erkrankt". (Symbolbild)

Liebe Kinder,

es gibt einige Dinge, die man keinem Kind zumuten sollte.

Dass es seine Mutter in einer psychiatrischen Klinik besuchen muss, ist eines dieser Dinge.

Ihr werdet nie erfahren, wie schrecklich schuldig ich mich dafür fühle, dass ihr, mein geliebter Sohn und meine geliebte Tochter, wegen mir diese Erfahrung durchmachen müsst. Und dass ihr wegen mir im Schatten meiner psychischen Probleme groß werden müsst.

Schuldgefühle sind ein bekanntes Symptom bei einer wiederkehrenden depressiven Störung. Das ist die Krankheit, die bei mir diagnostiziert wurde. Und nichts macht mir mehr Schuldgefühle als der Gedanke daran, wie sehr meine Krankheit eure Kindheit beeinflusst.

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Ihr wart wochenlang dauerhaft von mir getrennt, als ich mich in stationärer Behandlung befand. Ihr konntet mich nur hin und wieder mal eine halbe Stunde lang in einem seelenlosen Besucherzimmer sehen.

Ihr seid auf Zehenspitzen durchs Haus geschlichen, während ich mit meinem leerem Blick und meiner schmerzenden Seele im Bett lag. Ihr habt mich geküsst und mir eure Stofftiere vorbeigebracht, weil ihr mir dabei helfen wolltet, dass ich mich besser fühle.

Meine Krankheit überschattet eure ganze Kindheit

An den Tagen, an denen ich mit dem alltäglichen Leben nicht mehr zurechtkam, habe ich euch zu Freunden nach Hause abgeschoben.

Ihr musstet Tag für Tag beige Tiefkühlgerichte essen, weil ich einfach nicht die Kraft dazu aufbrachte, euch etwas Nahrhafteres zu kochen.

Meine Krankheit überschattet eure ganze Kindheit. Der rationale Teil in mir weiß, dass das nicht meine Schuld ist. Doch trotzdem hasse ich mich dafür.

Wenn ich in einer seelischen Krise stecke, sagen wohlmeinende Freunde, Verwandte und sogar Ärzte zu mir, dass ich an meine Kinder denken soll.

“Konzentriere dich auf deine Kinder”, fordern sie mich auf. “Deine Kleinen brauchen dich.”

Ich weiß, dass sie diese Kommentare aus Liebe zu mir sagen. Doch ich fühle mich dadurch nur noch schlechter. Ich bin nicht die Mutter, die ich gerne wäre. Ich bin nicht die Mutter, die ihr verdient.

Manchmal überkommen mich Selbstmordgedanken. Und das, obwohl ich euch mit jeder Zelle meines Körpers liebe. Wenn ich diese Gedanken habe, dann will ich euch von der Belastung befreien, mit einer schwer depressiven Mutter aufwachsen zu müssen. Und ich habe dann keinerlei Zweifel daran, dass es euch ohne mich besser gehen würde.

Wenn es mir an anderen Tagen dann jedoch wieder gut geht, habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich darüber nachdenke, wie kurz ich davor stand, euch zu verlassen.

Ich habe Angst, dass ihr auch an einer Depression erkrankt

Ich war nicht viel älter als du, mein ältestes Kind, als meine Depressionen anfingen.

Und auch darüber mache ich mir Sorgen. Ich habe Angst davor, dass ihr irgendwann genauso leiden müsst wie ich.

Bisher weiß man noch nicht, ob Depressionen vererbt werden oder ob sie ein erlerntes Verhalten sind. Doch wie auch immer. Wenn ihr jemals psychisch krank werden würdet, würde ich mir die Schuld dafür geben.

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Es gibt jedoch eine Sache, die mir Mut macht: Und zwar ist das eure unglaubliche Widerstandsfähigkeit.

Mit der Unterstützung eures Vaters, eurer Großeltern und einer ganzen Menge an wunderbaren Freunden der Familie, die sofort alles stehen und liegen lassen, um uns zu helfen, scheint ihr diese Stürme mehr oder weniger unbeschadet zu überstehen.

Ihr habt extrem viel Mut und damit bringt ihr mich jeden Tag zum Staunen.

Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird.

Meine Botschaft: Ich werde euch immer lieben

Ich klammere mich an die Hoffnung, dass ich irgendwann die richtige Behandlungsmethode finden werde, mit der es mir dauerhaft gut geht. Doch das ist bisher noch nicht passiert.

Ich habe Angst vor einer erneuten Krise. Dass ich wieder ins Krankenhaus eingeliefert werde. Dass ich wieder einmal für eine bestimmte Zeit dazu gezwungen werde, von meiner Familie getrennt zu sein.

Doch bitte denkt daran, dass es etwas gibt, das immer gleich bleibt. Ganz egal, welche Höhen und Tiefen wir gerade durchmachen. Das ist meine Liebe zu euch.

Egal, ob ich gerade im Krankenhaus bin oder zu Hause. Ob ich krank bin oder stabil. An meiner Liebe zu euch wird sich niemals etwas ändern.

Weder jetzt, noch irgendwann.

Mit all meiner Liebe,

Mama

Dieser Blog erschien ursprünglich bei Metro und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.