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13/05/2018 15:33 CEST | Aktualisiert 14/05/2018 16:05 CEST

Liebesbrief an alle arbeitenden Mamas: Ihr macht alles richtig

Kindheit unter Bürotischen, in Lieferwägen und Krankenhausbetten

HuffPost

Julia ist praktisch im Krankenhaus, dem Arbeitsplatz ihrer Mutter, groß geworden. Djamal musste schon als Teeanger seinen Eltern bei der Arbeit helfen. Und ich bin als Kind um die Bürotische gejagt, die meine Mutter geputzt hat.

Unsere Familiengeschichten verliefen ähnlich wie viele andere hierzulande auch: Unsere Mütter wollten alles dafür tun, damit wir Kinder es einmal besser haben sollten. Geld war immer knapp – wie sollte man also Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut bringen?

Unsere Mütter mussten also Abstriche machen und uns Kinder mit zur Arbeit nehmen oder sich von uns helfen lassen.

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Situationen aus unserer Vergangenheit, die für viele erst einmal klingen, als wären unsere Eltern verantwortungslos gewesen, zählen für uns zu den schönsten Kindheitserinnerungen – oder bedeuten zumindest etwas Positives für uns.

Deswegen wollen wir heute, am Muttertag, unseren Müttern danken für die Zeit, die sie uns gewidmet haben – und zwar nicht nur für die Situationen, in denen sie uns getröstet, unsere Hand gehalten oder gut zugeredet haben.

Sondern auch für diejenigen, in denen wir sie zu vielleicht ungewöhnlichen Orten, wie ihren Arbeitsstellen, begleiten mussten. In denen wir sogar unliebsame Aufgaben aufgedrückt bekommen haben. In denen wir uns unter Umständen sogar einmal unwohl gefühlt haben.

Liebe Mütter, am Ende sind uns solche Erinnerungen mehr wert, als ihr möglicherweise glaubt.

Julia

Die Kindheit im Krankenhaus

Julia zum Beispiel denkt sehr gerne an ihre Zeit im Krankenhaus zurück – dort hat sie zwischen drei und acht Jahren viel Zeit verbracht, weil ihre Mutter Krankenschwester war.

“Meine Mutter hat im Nachtdienst gearbeitet – das heißt, sie hatte immer im Wechsel eine Woche Schicht und eine Woche frei”, erinnert sich Julia.

Ihr Vater war schon während ihrer Kindheit psychisch instabil und verschwand regelmäßig für ein paar Tage. Julias Mutter war mit ihrer Tochter dann auf sich allein gestellt.

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Einen Babysitter konnte sie sich nicht leisten – also hat sie ihre Tochter kurzerhand zur Arbeit mit ins Krankenhaus genommen.

Die Schicht begann in der Regel um 19 Uhr. Während Julias Mutter Rundgänge bei den Patienten machte, saß Julia in der Küche oder im Schwesternzimmer und malte oder las.

Später wurde sie dann im Bereitschaftszimmer der Ärzte schlafen gelegt. “Ich hatte nie Angst, dort alleine zu schlafen – ich wusste ja, dass meine Mama nebenan sitzt und wach ist. Schlimmer wäre es gewesen, alleine zu Hause zu sein”, erzählt Julia.

Julia liebt heute noch Krankenhäuser

Bis heute hat sie Krankenhäuser, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, eher positiv in Erinnerung: “Meine Mutter war sehr beliebt bei den Patienten, sie gaben ihr oft kleine Geschenke und Süßigkeiten für mich. Auch die anderen Schwestern waren immer sehr nett zu mir. Ich mochte sogar das eklige Krankenhausessen gerne, ich fand die ganzen kleinen Verpackungen von Butter und Marmelade so witzig”, sagt Julia lachend.

Heute wundert sich Julia, wie es überhaupt möglich sein konnte, sein Kind regelmäßig zur Schicht im Krankenhaus mitzunehmen. Andererseits findet sie es gut, dass es diese Lösung gab – was hätte ihre Mutter sonst mit ihr tun sollen?

“Ich mochte es, meine Mutter zur Arbeit zu begleiten. Ich fand das immer sehr aufregend”, erzählt Julia.

“Später dann, als ich ein wenig älter war, durfte ich allein zu Hause bleiben, das war natürlich bequemer. Aber ich werde diese Zeit mit meiner Mutter immer positiv in Erinnerung behalten.” 

Djamals ganze Familie teilte sich den Putzjob der Mutter

Auch Djamal hat seine Mutter damals zur Arbeit begleitet – er sieht diese Zeit aber wesentlich kritischer als Julia: “Ich war etwa 17 oder 18, als ich anfing, meiner Mutter beim Putzen zu helfen”, erinnert er sich.

Djamal hat sechs Geschwister, fast alle von ihnen halfen der Mutter bei ihrer Putztätigkeit.

“Mit der Zeit nahm meine Mutter immer mehr Putzstellen an – meine Geschwister und ich wechselten uns vor und nach der Schule ab, um ihr zu helfen, denn es war so viel Arbeit, dass sie sie alleine gar nicht mehr schaffte”, erzählt Djamal.

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Weil sich das Familienleben um die Arbeit herum organisieren musste, blieb manchmal keine Zeit mehr für Freizeit oder Hausaufgaben. Auch war die Putzarbeit nicht immer angenehm:

“Gerade, wenn meine Mutter und ich gemeinsam Büros putzten und noch Mitarbeiter da waren, war mir das manchmal regelrecht peinlich. Man fragt sich dann schon: Darf ich jetzt den Staubsauger anstellen? Kann ich hier drüber wischen?” 

Wenn es hart auf hart kommt, halten wir zusammen.

Obwohl die Erinnerungen nicht nur schön sind, kann Djamal heute darüber lachen:

“Meine Mutter war immer so ordentlich, das hat mich ganz schön genervt! Sie wollte immer alles ganz genau schrubben, ich war da nicht ganz so pingelig. Und die Leute haben irgendwann angefangen zu fragen, ob wir ein Familienunternehmen seien - jedes Mal kam meine Mutter mit einem anderen Sohn oder einer anderen Tochter, wir sind ja so viele!”

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Natürlich hatte niemand aus der Familie wirklich Lust, der Mutter bei der Arbeit zu helfen. Aber keiner wollte sie alleine lassen, deswegen haben sich die Geschwister immer bei der Arbeit abgewechselt.

Natürlich war das nicht immer einfach, manchmal haben wir uns deswegen gestritten. Aber wenn es hart auf hart kommt, halten wir zusammen - das ist bis heute so”, sagt Djamal.

Agatha Kremplewski

Aufwachsen unter Büro-Tischen und in Lieferwägen

Auch ich habe damals meine Mutter beim Putzen begleitet - dabei war ich allerdings wesentlich jünger als Djamal und seine Geschwister, etwa fünf Jahre alt, und musste deswegen nicht mithelfen.

Ich weiß noch, dass ich mich eher gefreut habe, wenn ich mal einen Putzlappen in die Hand nehmen und erwachsen spielen durfte.

Meine Mutter hatte nur ein Büro, das sie einmal wöchentlich für ein paar Stunden putzen musste. Manchmal, wenn mein Vater nicht zu Hause war, musste sie mich mitnehmen - ähnlich wie Julias Mutter ihre Tochter mit zur Arbeit nahm.

Manchmal bin ich aber auch freiwillig mitgekommen - das Büro erschien mir wie ein großer Spielplatz.

Während meine Mutter also die Flächen putzte oder saugte, jagte ich um die Bürotische, bewunderte das ganze bunte Büromaterial, malte oder naschte Würfelzucker - etwas, was es bei uns zu Hause nicht gab.

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Ich fand die Zeit im Büro immer sehr aufregend - und fand es natürlich auch toll, Zeit mit meiner Mutter zu verbringen.

Auch später habe ich meine Mutter manchmal zur Arbeit begleitet: Wenn sie nachts Zeitungen austrug und ich nicht schlafen konnte, durfte ich auf der Rückbank dösen, während sie durch die Gegend fuhr.

Essen ausliefern statt Matheunterricht

Einmal, als ich 13 war, musste ich ihr auch ein paar Tage beim Essenausliefern helfen: Sie hatte gerade eine Operation hinter sich und konnte keine Treppen laufen, um den Kunden ihr Essen zu bringen.

Also durfte ich Schule schwänzen und ihr assistieren.

Trinkgeld und kleine Geschenke von den Kunden anzunehmen gefiel mir damals natürlich mehr als im langweiligen Matheunterricht zu sitzen.

All diese Geschichten beschreiben sicherlich keinen Idealzustand. Wir waren keine Bilderbuch-Familien in Einfamilienhäusern mit Gärten und einer Armee von Babysittern, die uns betreuten, während unsere Eltern arbeiten mussten.

Unsere Eltern hatten keine Haushaltshilfen, die sie unterstützt haben - sie hatten dafür uns.

Und weil unsere Geschichten bestimmt keine Einzelfälle sind, möchten wir sagen:

Liebe Mütter, macht euch keine Sorgen, wenn etwas einmal nicht nach Plan läuft. Ärgert euch nicht, wenn ihr uns hin und wieder unangenehmen Situationen aussetzen müsst - wir sind nicht aus Zucker.

Wir sind dankbar für jede Minute, die wir mit euch verbringen dürfen - auch wenn diese Minuten manchmal mit Arbeit, Anstrengung oder Streit verbunden sind.

Wir wünschen euch alles Gute zum Muttertag!